Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Kraftvolle Demonstrationen

18.09.10 (Bahnhöfe, Eisenbahn)

Ich habe momentan wenig Zeit, alle Details zu verfolgen. Ich freue mich sehr, dass mir Familien und Demonstranten aus Stuttgart schreiben und berichten, dass Sie gern Railomotive lesen. Im Schnitt 1000 Besucher am Tag. Danke, besonders denen, die für einen Baustopp von Stuttgart 21 kämpfen! Es ist ein sinnloses Irrsinnsprojekt, das noch unsere Kinder bezahlen werden müssen. Schon deshalb bin ich dagegen. Aber auch, weil es eisenbahntechnischer Unfug in höchster Vollendung ist. Ich habe vor jenem Professor nicht den geringsten Respekt, der diesen Schwachsinn mit in die Welt gesetzt hat. Ein Projekt, das sich letztlich als unökologisches Flächengewinnungsprojekt für die Bauindustrie und Immobilieninvestoren entpuppt hat und mit Magistralen rein gar nichts zu tun hat. In der Tat ist der Güterverkehr der kommende Engpass, nicht jedoch eine Hochgeschwindigkeitstrasse, die kein Mensch braucht, weil man solche Strecken fliegt.

Kraftvolle Demonstrationen zeigen nicht nur die Stuttgarter, die aus dieser wahrhaft verschlafenen Stadt eine lebendige Kommune gemacht haben. Kraftvoll demonstrierte auch die Bundeskanzlerin, dass sie S21 durchpeitschen will. Dabei hatten so viele Menschen gehofft, dass sie den Irrsinn vielleicht stoppen würde, der so offensichtlich ist und in Zeiten knapper Kassen einen Stopp nahelegen würde. Denn nach allem, was ich gelesen habe, sind nur wenige Verträge geschlossen. Selbstverständlich könnte man S21 abbrechen, das unter völlig anderen Bedingungen „demokratisch legitimiert“ wurde und nicht mehr legitim ist, weil mit falschen Zahlen gearbeitet wurde, die damals schon nicht stimmten und für die heute bereits der Faktor 2 bis 3 gilt. Die Zeitungen halten sich hartnäckig an die uralte Zahl 7 Milliarden Euro, obwohl 20 Milliarden realistisch sind. Aber mein Vertrauen in die Recherchefähigkeit von Lokaljournalisten, Politikberichterstattern und Wirtschaftsjournalisten ist ohnehin geschädigt. Keine Zeit, kein Interesse, kein Hintergrundwissen, aber viel copy and paste von schlechten Agenturberichten und zuweilen starke Meinungen, wenn’s der Verleger so haben will.

Der Rücktritt von Drexler, der wahrscheinlich wirklich gesagt hat, was er glaubt und weiß, ändert meines Erachtens wenig an dem desolaten Zustand. Denn abgebrochen wird in aller Eile sowieso. Im Oktober kommt der Südflügel dran und wahrscheinlich schon in ein paar Tagen werden die Bäume fallen. Kein Grund zur Entmutigung, aber ein gefährlicher Pfad in einen politischen Engpass. Irgendwann wird der Dampf im Kessel mit größtem Druck entweichen, und bis dahin kommt es auf das Timing an. Wenn sich die Bürgerbewegung zu Gewalt provozieren lässt, nutzt es nur der CDU und den Demagogen und Agitatoren, die in Leserkommentaren und in Twitter stinkende Jauche über die S21-Gegner kippen und vor übelsten Beleidigungen nicht zurückschrecken.

Ob nun ein anderer S21-Propagandist/Pressesprecher zugeben muss, dass die S21-Simulationen nichts mit dem geplanten Ingenieurbau („Architektur“ kann man das Geplante nicht nennen) zu tun haben und der Bau sich eines Tages als undurchführbar und vor allem zu teuer erweisen wird:

Fest steht: Frau Merkel steht zu Mappus bis zur Landtagswahl (dann ist er so oder so weg). Eskaliert die Lage – und die Lokalpolitik arbeitet gezielt darauf hin –, entwickelt der bürgerlich-friedlich-kreative Protest vielleicht an wenigen Stellen radikale Formen. Wenn Autos brennen (Stuttgart ist eine Autostadt) oder Zäune beschädigt oder umgeworfen werden, hat die CDU einen scheinbar gewichtigen Grund, die Demonstranten als radikal, systemfeindlich oder sonstwie staatsgefährdend hinzustellen und mit Wasserwerfern, Tränengas und anderem schweren Geschütz gegen „die Straße“ vorzugehen. Das ist zwar übelste Provokation, die aber weitab von Stuttgart für bare Münze genommen würde und der CDU als „standhafte Hüterin der Demokratie“ nützen würde. Zugleich würden friedliche Bürger sich das nicht gefallen lassen – oder sich zurückziehen, weil demonstrieren zu gefährlich ist. Es könnte also auch einen Bürgerkrieg geben, der den Frieden in Stuttgart auf lange Sicht zerstört. Man unterschätze die Schwaben nicht! Doch so ein radikaler Aufstand würde auch nur denen nutzen, die ihn dann niederzuknüppeln versuchen. Denn Merkel wird sie nicht stoppen.

Dass die Lobbyisten-CDU nur ihre eigenen Pfründe und die Interessen ihrer Industriefreunde zu schützen sucht, begreift der von schlecht informierenden und dumme Politikerparolen nachplappernden Medien fehlgeleitete Durchschnittsbürger nicht. Wenn es also vor der Landtagswahl zum Knall kommt, könnte die CDU bei jenen Wählern profitieren, wo Ruhe die oberste Bürgerpflicht ist neben der Kehrwoche.

Deshalb glaube ich, dass Merkel nicht aus mangelndem Sinn für das Wahnsinnsprojekt dabei bleibt, sondern ihre wegschwimmenden Felle zu retten versucht. Sie ist zwar abgehoben, aber nicht dumm und eine reine Machtpolitikerin, die zuerst und NUR an sich denkt. Denn wenn nach NRW auch die CDU-Hochburg Baden-Württemberg fällt, dürfte sich ein parteiinterner Sturm gegen ihre undurchsichtige Machtpolitik im Stil alter SED-Granden gegen die Bürger und zugunsten international agierender Konzerne, Versicherungen und Banken erheben. Den würde sie nicht überstehen.

Es kann aber auch sein, dass die Fehlentscheidungen in Berlin zur Atompolitik, zu Gigalinern und vielen anderen lobbyistenfreundlichen Aspekten dank der Stuttgarter Proteste eine bundesweite Welle auslösen. Leider ist die Basis dafür noch zu schwach. Solange nicht die Gewerkschaften, die SPD, Attac und Umweltschützer auf die Straße gehen, fehlen aber die Initiatoren mit Breitenwirkung. Die Haltung, dass „die da oben“ doch machen, was sie wollen und wir Bürger sowieso alles bezahlen, ist weit verbreitet. Der Wohlstand auch. Und die Schwachen ganz unten haben nicht die Kraft, sich zu organisieren. Eine individualistischer gewordene Gesellschaft (die leichter zu manipulieren ist) ist schwer zu organisieren, weil jeder nur noch seine eigenen Ziele verfolgt und sein kleines, individuelles Glück sucht. Stuttgart ist allerdings der Gegenbeweis, wenn so offensichtlich der Bürgerwille missachtet wird. Dann entsteht eine Gegenkraft.

Trotzdem wird mit Gewalt und Tempo weitergebaut, gegen geltendes Recht, gegen Bauvorschriften und ohne Rücksicht auf die gesundheitlichen Belastungen für die Polizisten, die aus dem ganzen Land zusammengetrommelt werden und den Asbeststaub einatmen müssen. Und der Polizeipräsident lässt vermelden, wenn eine Polizistin am Haar gezogen wurde und ein Zaun für mehrere hundert Euro beschädigt wurde. Dass zwei Polizisten ein paar Tage zuvor Bürgern ins Gesicht geschlagen haben, berichtet er nicht. Werden wir demnächst lesen, dass ein Polizist in ein Kaugummi getreten ist, den ein Demonstrant ausgespuckt hat? Oder dass (frei erfunden) 70.000 Demonstranten zwei Kilogramm Müll hinterlassen haben? Die Polizei, gegen die man als S21-Gegner nichts hat, weil sie auch nur ausführendes Organ eines CDU-Innenministers ist, der wenig Respekt vor den Bürger hat, sollte sich nicht auf diese kleinkarierte Weise lächerlich machen.

Ich kann nur hoffen, dass die zunehmend kreativeren Methoden des demokratischen Widerstands noch eine Weile ausreichen und die Bürger sich nicht provozieren lassen. Vielleicht gibt es ab März die Chance, wenigstens den Bahnhofstorso zu retten und das Projekt endgültig einzustampfen. Die Deutsche Bahn wird die Seitenflügel sicher gern mit Glaskästen zur besseren wirtschaftlichen Auswertung ersetzen und profitiert so oder so.

Ich wünsche Ihnen eine kraftvolle Demonstration – und der SPD Baden-Württemberg, dass sie endlich aufwacht. Leider hat der von mir hochverehrte Erhard Eppler wohl nicht mehr die Kraft, den Unsinn des Projekts einzusehen, obwohl es nicht schwer ist. Ich habe noch einen Brief von ihm, als ich meine Diplomarbeit über geplante Streckenstilllegungen bei der Bundesbahn schrieb.

Es gibt nichts zu verhandeln. Zum Baustopp gibt es keine Alternative. Fehlentscheidungen zuzugeben ist keine Schande. Weil man es mit neuen Informationen besser machen kann.

Dann aus einem guten einen besseren Kopfbahnhof zu machen, dafür ist reichlich Zeit.

Hier ist ein Zeitrafferfilm von Josh von Staudach, der eindrücklich zeigt, wie gut der alte Stuttgarter Hauptbahnhof funktioniert. Er wurde noch von Experten geplant, die etwas vom Eisenbahnverkehr verstanden.

Ein Kommentar

 
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