Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

SEK räumt Baumbesetzer und Polizisten prügeln

07.09.10 (Bahnhöfe)

Die Ereignisse um Stuttgart 21 können nur noch Menschen kalt lassen, die ihr Leben jenseits der realen Welt verbringen. In Dienstlimousinen, umrundet von Personenschützern und überhaupt im Elfenbeinturm, der keine Bodenberührung mehr hat.

Schneller denn je werden seit Montag die Mauern des Nordflügels abgerissen, als gelte es, noch vor Ende September damit fertig zu sein, um dann den Südflügel zu zerstören. Mutwillig und vor allem, bevor das Oberlandesgericht in zweiter Instanz am 6. Oktober ein Urteil über den Urheberrechtsstreit des Bonatz-Enkels Peter Dübbers spricht. Er hatte sich dagegen gewehrt, dass die beiden Seitenflügel und die Freitreppe in der Schalterhalle des Gebäudes abgerissen werden. Diese Barbarei an dem denkmalgeschützten Bahnhof hinterlässt nur noch ein Torso der historischen Substanz: eine ausgehöhlte, tiefergelegte Empfangshalle mit einem Turm, auf dem der Mercedesstern und nicht das DB-Logo dokumentiert, wer beim Stuttgarter Bahnhof das Sagen hat. Grube gefällt das bestimmt gut.

Man kann Bahnchef Grube, der mit Ministerpräsident Mappus kommen Freitag einen Runden Tisch verstalten wollte, getrost Hinterhältigkeit unterstellen. Dieser Manager ist ein eiskalter Stratege. Ein Machtmensch, dem ich kein Wort glaube, weil er seinem dauernden Gerede vom Brot-und-Butter-Geschäft keine Taten folgen lässt. Jedenfalls dann, wenn es um deutsche Bahnkunden geht.

Insofern ist es konsequent, dass die S21-Gegner rasch erkannten, dass sie es mit teilweise gerissenen Falschspielern zu tun haben, die an einer wie auch immer gearteten Lösung überhaupt nicht interessiert sind und sowieso nur das erzählt hätten, was sie seit Jahren erzählen und was trotzdem dadurch nicht wahrer geworden ist: falsche Zahlen, vage Versprechen, Visionen aus dem 20. Jahrhundert und Planungen, die längst hinfällig sind und schöngerechnet wurden. Wie Feudalherren ziehen sie den Abbruch durch, auch wenn jeder halbwegs gebildete Mensch inzwischen erkannt hat, dass das Projekt technisch unsinnig, unbezahlbar und schädlich für die wirklich wichtigen Investitionen ins deutsche Schienennetz sind. Und da zählen in den nächsten Jahrzehnten Güterverkehrsstrecken für den Ost-West-Verkehr und nicht die Magistrale Paris – Bratislava, die nur verkehrspolitische Naivlinge ohne geografische Grundkenntnisse über Stuttgart und Ulm ziehen würden.

Während mir eine Teilnehmerin der Blockade vom Montag erzählte, dass die Lage zwischen Bereitschaftspolizei und Demonstranten eher entspannt ist und man fast schon freundlich und mit einem Schuss Ironie miteinander umgeht, weil auch die Polizei nicht hinter der Abrissorgie steht, scheint es in der Bereitschaftspolizei Menschen zu geben, bei denen die Nerven blank liegen und die charakterlich offenbar nicht geeignet, diesen Polizeidienst zu leisten. Nicht anders zu erklären ist die Szene, die zum Glück heute vielfach über Twitter verbreitet wurde, als ein Polizist einer Frau, die ihn fragt (und möglicherweise leicht berührte, so wie man Menschen berührt, die nicht antworten wollen), warum der Motor eines Fahrzeugs nicht ausgeschaltet würde, ohne Vorwarnung mitten ins Gesicht schlägt. Als die Umstehenden nach dem Namen des Polizisten fragen, wird eine weitere Polizistin handgreiflich und schlägt einem Brillenträger einen Schlagstock ins Gesicht. Die Polizisten geben keine Auskunft über die Namen, einem filmenden Beobachter der Piratenpartei wird die Kamera entrissen, während er offenbar von fünf Polizisten festgehalten wird. Näheres im Link. Dass bei der Polizei die Nerven blank liegen, zeigt diese Seite der Polizeigewerkschaft. Das Verhalten der beiden Bereitschaftspolizisten (Mann/Frau) ist dennoch unentschuldbar.

Das alles passierte rund um die SEK-Aktion, mit der das Baumhaus der Robin-Wood-Aktivisten auf einer Platane in einer Nacht- und Nebelaktion geräumt wurde. Auch hier wird wieder einmal nicht nur mit Kanonen auf Spatzen geschossen, hier wird im übertragenen Sinn gleich eine Neutronenbombe gezündet. Deeskalation scheint der Landesinnenminister nicht zu kennen, oder wer sonst noch ein Scharfmacher unter diesen Politikern und Verwaltungsmenschen ist, bei denen man annehmen muss, dass sie nicht nur jegliches Gespür für die Verhältnismäßigkeit der Mittel, sondern auch für die Stimmung in der Bevölkerung verloren haben. Ob sie aus purer Angst, aus – freundlich gesprochen – Unvernunft oder aus kaltem Kalkül handeln, erschließt sich mir nicht. Dass bereits vom Polizeistaat und Stasimethoden gesprochen wird, ist für mich keine Überraschung. Doch den Kampf gegen die Bürger werden sie verlieren, noch vor der Landtagswahl.

Wenn die erste Platane fällt, werden die Stuttgarter endgültig rebellisch, sagte mir die S21-Gegnerin, die auf die 50 zugeht und genau jene Bevölkerungskreise repräsentiert, die der CDU und einer kaum weniger unfähigen SPD so gar nicht ins Kalkül passen; würde man doch zu gern auf „Radikale“, „Chaoten“, „Linke“ und andere Störenfriede der bürgerlichen Gesellschaft mit dem Finger zeigen, um die lästigen (sehr gut informierten) Bedenkenträger wegknüppeln zu lassen und (sicherlich bald) mit Wasserwerfern und Tränengas zu vertreiben. Deeskalation und Besonnenheit sind in Stuttgart und im DB-Elfenbeinturm in Berlin unbekannt. Unerbittlichkeit und geballte Dummheit brechen sich weiter Bahn. Übrigens ein Begriff aus dem Militärwesen.

Die Deutsche Bahn, die ein bodenlos schlechtes Image hat und noch immer keine Krisen-PR beherrscht, entblödete sich nicht, in einer Pressemitteilung einem angesehenen Bahnberatungsunternehmen „unzutreffende Kostenrechnungen“ anzulasten. Das ist ein Tabubruch, der in der hartgesottenen Medienbranche selten vorkommt und zeigt, wie instinktlos, arrogant, unsouverän und beratungsresistent Grube und seine Kommunikationsabteilung sind. So etwas macht man nicht. Vor allem dann nicht, wenn man keine Belege liefern will. Hier die Pressemitteilung, bevor der Link eines Tages nicht mehr funktioniert und das peinliche Pamphlet stillschweigend zurückgezogen wird:

(Berlin, 4. September 2010) Die Deutsche Bahn weist Spekulationen des Consulting-Büros Vieregg+Rössler über eine erneute Kostensteigerung beim Bau der Neubaustrecke Wendlingen – Ulm entschieden zurück.
Ende Juli 2010 hat die DB eine aktualisierte Kostenrechnung auf Basis seriöser Planungen vorgestellt. Dafür wurden die einzelnen Bauabschnitte und Gewerke konkretisiert. Auf dieser Grundlage konnten die zu erwartenden Bau- und Planungskosten präzise kalkuliert werden. Danach belaufen sich die Kosten jetzt auf 2,89 Milliarden Euro.
Mit Blick auf das angekündigte Gutachten von Vieregg+Rössler weist die Deutsche Bahn darauf hin, dass dieses Consulting-Büro bereits in der Vergangenheit Kostenrechnungen zu Tunnelbauten vorgenommen hat, die sich als unzutreffend erwiesen haben.

Auch wenn anscheinend jetzt sogar die Tagesschau erfasst hat, dass es in Stuttgart nicht mit rechten Dingen (oder vielleicht doch: law and order) zugeht, hier noch Links zu den Videos mit den prügelnden Polizisten. Ein Twitterer schrieb bitter auf die Frage, ob die Geschlagenen wohl Strafanzeige erstatten würden: Wahrscheinlich werden die angezeigt wegen Widerstand. „So ist das bei uns.“

Rheinische Post Youtube

Auch der Politblogger hat eine etwas längere Version gespeichert. Er erhielt übrigens eine Vorladung, weil er sich über Polizeipressemitteilungen lustig macht und das baden-württembergische Wappen verwendet hat für seine Parodien. Die Polizei hatte nach der Demonstration vor dem Sitz des wahlkampfreisenden Ministerpräsidenten in der Presseinformation großzügig unterschlagen, dass die Leute auch Schuhe geworfen haben. Lesenswert sind auch die Zitate von Architekt Ingenhoven, dem man wirklich Größenwahn vorwerfen kann. Wie Grube, Mappus, Schuster und Drexler auch.

 
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