Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Stuttgart 21: Meinungsmache und PR-Kämpfe mit harten Bandagen

25.09.10 (Bahnhöfe, Eisenbahn)

Die professionellen Befürworter von Stuttgart 21 machen nun massiv Propaganda für den unterirdischen Nonsensbahnhof. Zwar gibt es wohl einige gutgläubige Bürger, die vielleicht allen Ernstes meinen, dass das Bahnhofsprojekt einen Sinn hat. Wer sich dagegen umfassend informiert hat, kann nicht für S21 sein, weil eine brauchbare Lösung durch eine viel schlechtere Lösung ersetzt wird, und das mit der Gefahr, dass eines Tages eine Bauruine dasteht, weil die Anschlussstrecken nicht gebaut werden können. Betrieblich ist S21 sowieso von vorn bis hinten Irrsinn. Von den horrenden Kosten von bereits absehbaren 18 bis 20 Milliarden Euro abgesehen.

Leider arbeitet die Polizeipressestelle inzwischen auch mit falschen Darstellungen gegen die S21-Gegner, wie der Politblogger glaubwürdig darlegt. Und dabei geht es gar nicht um die immer stark reduzierte Zahl der Demonstranten in den Polizeischätzungen.

Auf Twitter wird in übelstem Ton gegen S21-Gegner gehetzt, und sieht man von einigen geistigen Tieffliegern ab, verbergen sich dahinter in einigen Fällen  professionelle PR-Leute, die im Auftrag der S21-Projektbeteiligten twittern und sich im Ton oft sehr vergreifen. Der Blogger Metronaut hat sich die Mühe gemacht, die Spuren zu den beteiligten PR-Agenturen zu verfolgen und die Verleumdungskampagnen zu beschreiben. Was da abläuft, hat eine neue Qualität. Profis täuschen nicht nur in Leserbriefen Privatleute vor. Hier wird mit äußerst harten Bandagen und Steuergeld versucht, ein Projekt zu retten, das nicht zu retten ist, weil es gegen jegliche Vernunft ist. Stahlharter Lobbyismus ohne Rücksicht auf Fakten. Die Rechtfertigungsversuche und Beschimpfungen der Aufgezählten und Entdeckten zeigen, dass Metronaut die Hunde getroffen hat. Nun bellen äh jaulen sie.

Leider haben einige Journalisten und Agenturen noch nicht erkannt, welche Meinungsmache da im Gange ist, weil sie sich einfach nicht die Mühe gemacht haben, die technischen und finanziellen Bedingungen von S21 zu verstehen. Ich habe sogar den Eindruck, dass sie sich wie ein Fähnchen im Wind drehen und auf die PR-Kampagnen hereinfallen, die suggerieren wollen, dass der Protest sich abschwächt und „Radikale“ und Unruhestifter an vorderster Front marschieren. Astroturfing nennt sich das, die Vortäuschung einer spontanen Bürgerbewegung der Befürworter. Die unkritische Haltung und Berichterstattung stärkt nicht gerade mein Vertrauen in die Kollegen, die sich lieber mit Politikergeschwätz und leider am allerwenigsten mit den Fakten auseinandersetzen, die nach und nach auf den Tisch kommen. So wird weiter das Märchen verbreitet, dass das Projekt insgesamt 7 Mrd. Euro kosten würde. Und das, obwohl jeder weiß und es sogar wissenschaftlich belegt ist, dass Großprojekte immer aus dem Ruder laufen und ein Mehrfaches kosten. Gesunder Menschenverstand scheint nicht zum Handwerkszeug der copy-and-paste-Journalisten in Stuttgart zu gehören.

Lesenswert ist auch der Beitrag von Seriousguy, einem Blogger in der ZEIT, Er fand heraus, warum die vielzitierte Facebookgruppe für S21 angeblich so viele Freunde hat. Lug und Trug auch da.

In der Tat, Seriousguy hat recht: Das Imperium aus Politik, Bahn und Industrie schlägt zurück. Umso aufmerksamer sollten Journalisten und die Bevölkerung sein, wenn ihnen jetzt ein X für ein U vorgemacht wird. Betrug, Verleumdung, blanke, unverschämte Lügen und widerliche Hetze haben vorübergehend die Oberhand gewonnen, weil S21 unter allen Umständen gerettet werden soll.

Da es in Stuttgart doch sehr an Befürwortern fehlt, die für S21 joggen gehen, hilft der CDU-Ortsverband Böblingen/Herrenberg jetzt nach und setzt am 30.9. einen Bus ein, der die Abrissfreunde kostenlos hin und zurück befördert.

Und der Politblogger schreibt, wer jener Pfarrer ist, der sich gegen den Strom der Gegner stemmt. Nicht sehr vertrauenerweckend.

Seriös ist an dem Projekt S21 schon lange nichts mehr.

Nachtrag 27.9.10: Baden-Württembergs CDU-Fraktionschef Peter Hauk überbietet die kursierenden Ausstiegskostenschätzungen von 0,4 bis 1,4 Mrd. Euro mit frei erfundenen Zahlen: 2 Mrd. Euro sind es seiner Meinung nach, berichtet der Südkurier. Herr Hauk scheint ein besonders skrupelloses Exemplar von CDU-Landtagsabgeordneter zu sein. Auch der frühere Bahnchef Dürr, der S21 eingefädelt hat, verbreitet die erfundene Zahl. Er wird seine Gründe haben. Wenn S21 nicht gebaut wird, bleibe Stuttgart eine Provinzstadt. Der 77-Jährige hat einen typisch schwäbischen Minderwertigkeitskomplex. Die Zeiten, als man sich noch über imposante Bauten (ist ein U-Bahnhof in irgendeiner Weise beeindruckend?) definierte, sind 10, 20 Jahre vorbei. Die Stuttgarter wissen das längst.

3 Kommentare

  • 1
    Interessante Recherche |:

    […] Friedhelm Weidelich von RAILoMOTIVE hat auch nochmal recherchiert und die verschiedenen Quellen zusammengefasst. Dieser Beitrag wurde unter Stuttgart 21 abgelegt […]

  • 2
    legalit:

    Ist eine sehr interessante Zusammenfassung von vordergründigen Fakten. Leider ist der Vorwurf der hier erhoben wird, auch auf diese Zusammenfassung übertragbar: einseitige Berichterstattung.
    Da ich gestern in Stuttgart beruflich zu tuen hatte und für die Rückreise im Bereich des Bahnhofs war, hatte ich andere Eindrücke sammeln dürfen.
    Es wurden mehrfach Flaschen, Dosen und sonstiger Unrat auf Polizisten geworfen. Teilweise habe ich auch direkte Gewalt von meist jugendlichen Demonstranten gegen Polizisten beobachtet. Von daher: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen schmeisen.

  • 3
    Friedhelm Weidelich:

    Danke für die Information. Einseitig finde ich meinen Bericht nicht, er ist ein Augenzeugenbericht (ein Blog ist keine Tageszeitung, sondern oft persönlich gefärbt), eine Ergänzung zu der ziemlich schlechten Berichterstattung und speist sich aus den Quellen, die auch Journalisten offenstanden. Ich greife meine Kollegen an, weil sie über drei Stunden nichts von den Vorgängen bemerkt haben und dann auch nur sehr oberflächlich berichtet haben. Da fehlte jede Tiefe. Ich erwarte von Journalisten, dass sie nicht einfach Politikerstatements und Polizeiberichte wiedergeben, sondern sich selbst ein Bild der Lage machen. Dazu wären die Webcams EIN Mittel gewesen, um ein differenzierteres Bild zu gewinnen. Und es wäre nötig gewesen, schnell, sehr viel schneller, zu berichten. Wenn woanders ein Sack Reis umfällt, klappt das doch auch. Zumal bereits in der Luft lag, dass spätestens am Abend des 30.9. etwas passieren würde. Wenn ich das mit meinen Internetquellen vorhersehen kann, dann sollten Journalisten vor Ort es erst recht können. Da beginnt eine gesellschaftliche Umwälzung, und die Journalisten reduzieren das auf den Protest gegen einen Bahnhof. Politisches Denken: null. Technisches Verständnis für den Unsinn des Bahnhofs: null.

    Ich glaube Ihnen. Doch es ist keine angemessene Reaktion, wenn Polizisten in Kampfuniform sich von (Plastik-?)Flaschen und Dosen so bedroht fühlen, dass sie derart massiv gegen KINDER vorgehen. Pfefferspray direkt ins Gesicht ist keine angemessene Maßnahme.

    Mir scheint, dass die Eskalation (durch die Polizeipräsenz!) bewusst in Kauf genommen und durch völlige Verbohrtheit der Politiker provoziert wurde. Wer so mit den Bürgern umgeht, ist charakterlich nicht geeignet, Verantwortung zu tragen. Die trägt ein Herr Rech nicht für das Bahn- und Immobilienprojekt, er ist verantwortlich für einen ANGEMESSENEN Umgang mit Demonstranten.

 
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