Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Stuttgart 21 und das Planungschaos

29.09.10 (Bahnhöfe, Deutschland)

Pressemitteilung des „Stern“:

Die Planung des umstrittenen Bahnprojektes Stuttgart 21 verläuft so chaotisch, dass Beteiligte bereits an der Umsetzung zweifeln. Intern sieht man, wie der stern in seiner neuen, am Donnerstag erscheinenden Ausgabe schreibt, das „Gesamtprojekt auf kritischem Weg“. Das zeigen vertrauliche Dokumente, aktuelle Projektanalysen und -berichte, die dem Hamburger Magazin vorliegen.

In Briefen an die Projektbau AG der Deutschen Bahn beklagen Planer „das Risikopotenzial“ weil für die vorgesehenen Tunnelarbeiten „rohbaurelevante Angaben“ fehlen. Demnächst sollen die Arbeiten für die Tunnel des Riesenprojektes vergeben werden, allerdings geschieht das „ohne eisenbahntechnische Ausrüstung“: Oberleitungen sind nach den Berichten ebenso wenig wie Signalanlagen in den Zugtunnel vorgesehen. Die üblichen Oberleitungen passen nicht in die Tunnel, da sie von der Normgröße abweichen – die übliche Signaltechnik passt deshalb ebenfalls nicht. In einem Protokoll vom Juli heißt es laut stern: „Aktuell fehlen systemrelevante Entscheidungen im Hinblick auf Oberleitungsanlagen und Signaltechnik.“ Und: „Derzeit keine Zulassung für System Stromschiene bei Geschwindigkeit 160 km/h.“

Ein weiteres großes Problem: In Stuttgart wird mit dem modernen europäischen Signalsystem, dem European Train Control System (ETCS) für Hochgeschwindigkeitszüge geplant. Der Vorteil: Man braucht keine klobigen Masten, in den Gleisen liegen winzige Kästchen, sogenannte Balisen. Über Funk werden die Loks gesteuert. Allerdings, so berichtet der stern: In Deutschland gibt es keinen Zug, der mit dem ETCS-System fährt. In Stuttgart wird ein Verkehrsknoten geplant, der auch in Zukunft für die meisten Züge unerreichbar sein wird. Die Aufrüstung der Züge mit ETCS ist extrem teuer, sie kostet pro Lok gut 300 000 Euro. S-Bahnen, Nahverkehrs- und Regionalzüge, die S 21 anfahren sollen, werden damit in den kommenden Jahrzehnte laut dem Magazin kaum ausgestattet werden. Konsequenz: Die Tunnel werden mit den üblichen Signalsystem nachgerüstet werden müssen – was Geld und Zeit kosten wird.

Ständig ist nach den stern-Recherchen in den Projektanalysen die Rede von „Handlungsbedarf“, „Mehrkosten“, „erhöhten Kosten“, „Kostenrisiken“. So ist aus den Dokumenten ersichtlich, dass die offiziellen Kosten von S 21 in Höhe von 4, 088 Milliarden nach oben korrigiert werden müssen. In einer Analyse vor einigen Wochen heißt es lapidar, dass die vom Bauherrn gewünschte „Kosteneinsparung nicht in vollem Umfang erzielt werden“ kann. Für Stuttgart 21 soll der denkmalsgeschützte Bahnhof zum Teil abgerissen werden. Wie der Rest des alten Bahnhofs aussehen soll, ist unklar, es gibt Streit mit der Denkmalbehörde, klar ist nur: „Korrektur der Kostenberechnung. Budgeterhöhung für S 21 oder Ausgliederung aus S 21 erforderlich.“
Kanzlerin Angela Merkel hat sich zuletzt rückhaltlos hinter S21 gestellt. Eine Cousine Merkels, die in Stuttgart wohnt, sieht das anders. Sie ist, wie der „stern“ erfahren hat, „Parkschützerin“, sie hat also per Unterschrift erklärt, sich gegen das für S 21 notwendige Abholzen der Bäume im Stuttgart Schlosspark zu wehren.

Näheres auf der Website des Stern.

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