Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Stuttgart 21: Und die Medien begreifen stundenlang nichts

30.09.10 (Bahnhöfe)

Heute war der Tag, an dem es in Stuttgart eskalierte. Eine angemeldete Schülerdemo im Schlossgarten, hier das Streikplakat, war der Ausgangspunkt für einen Polizeieinsatz, wie ihn Stuttgart noch nicht gesehen hat. Dank des Internet und etlicher Webcams, die live sendeten, konnte ich aus nächster Nähe verfolgen, was vor sich ging. Eine Schülergruppe hatte gegen 11 Uhr einen Polizei-Lkw mit Anhänger besetzt und sich davor gesetzt, um ihn zu blockieren, denn heute wird das Bäumefällen vorbereitet. Als ich einschaltete, stand die Schülergruppe neben Polizisten in voller Kampfuniform (inkl. Helm, Schlagstock und Pistolen), die zunächst teilweise ängstlich, manche sogar freundlich schauten. Dazwischen waren Polizisten zu Pferd. Die Polizisten in Kampfuniform zogen später auf Befehl ihre Helmevisire herunter und holten die Schüler von den Wagen, laut Berichten sprühten sie Tränengas in geringen Abstand in die Augen der Schüler. Später wurden Wasserwerfer eingesetzt.

Wasserwerfer und Tränengas gegen Kinder! Sind Innenminister Rech und Ministerpräsident Mappus eigentlich noch voll zurechnungsfähig?

Dieses erschütternde Foto eines 14-Jährigen dokumentiert, von dem Twitterer fraktalfraktur aufgenommen, in aller Traurigkeit nur, was seitdem abgeht und um 16.30 Uhr noch nicht beendet war:

Heute gegen 13 Uhr aufgenommen (Foto: www.twitter.com/fraktalfraktur)

Wenig später rückte die Polizei mit Wasserwerfern gegen die Schüler vor, die bald von Menschen aller Altersklassen begleitet wurden. Über Twitter und vor der Kamera von www.fluegel.tv wurde bekannt, dass die Polizei mit Reizgas aus 10 bis 15 cm direkt in die Augen gesprüht hat. Ein dpa-Foto eines älteren Mannes, dem Blut aus beiden Augen läuft, ist mittlerweile um die Welt gegangen. Wie inzwischen bekannt wurde, ist er nun zumindest auf einem Auge blind.

Nachtrag: Inzwischen gibt es Videos, die die Vorgänge um den Polizei-Lkw besser zeigen. Den gewaltbereiten Glatzenträger der Polizei am Anfang finde ich unerträglich. Unerträglich auch das willkürliche Verspritzen von Pfefferspray und das dämliche Gelache der sehr jungen Polizisten, die das offenbar als Spiel sehen. Man kann darüber streiten, warum sich die Schüler auf dem Führerhausdach erst mit ziemlicher Gewalt wegziehen lassen mussten, anstatt das Feld zu räumen. Aber als Schüler hätte ich auch nicht gewusst, wie ich mich da verhalten hätte. Ich habe keine Demo- und Sitzstreikerfahrung. Die Wasserwerferstöße sind für mich nicht nachvollziehbar. Was sollte das? Mit strategischem Vorgehen hat das nichts zu tun.

Die Wasserwerfereinsätze halten bis jetzt (16.30 Uhr an). Es wird offenbar Wasser mit CS-Reizgas gesprüht. Es wurden Wasserwerfer aus 3 m Entfernung auf Demonstranten vor den Wasserwerferwagen gerichtet. Als sich welche mit Planen schützten, sprühten Polizisten Tränengas unter die Planen. Das ist Sadismus!

Wasserwerfer gegen Stuttgarter Bürger (Webcam fluegel.tv)

Ein Mann brach unter einem besetzen Baum zusammen, konnte aber wohl gerettet werden. Berichte in Twitter, wonach auch ein Baby Reizgas in die Augen bekam, kann ich nicht bestätigen. Ich habe aber auch Frauen mit Kinderwagen im Park gesehen. Alle Bevölkerungsschichten sind dort vertreten.

Ein bestens mit Weste gekennzeichneter Deeskalationshelfer der Demonstranten berichtete vor der Kamera, dass er von der Polizei geschlagen wurde.

Erschreckend für mich als Journalist ist, dass es bis 14.30 Uhr dauerte, bis endlich als erste die Frankfurter Rundschau berichtete. Die FAZ stellte erst nach 16 Uhr einen Bericht online, die ZEIT, der Spiegel träumten bis gegen 15 Uhr vor sich hin. Der SWR und dpa verbreiteten Meldungen, die die Vorgänge nicht einmal annähernd angemessen schilderten. Von den Stuttgarter Zeitungen gar nicht zu reden, die auf einem anderen Stern ihre Webseiten zu füllen scheinen und so gar nichts mitbekommen haben.

Ich schäme mich heute für die vielen Journalisten, die so wenig begriffen haben, dass es nicht nur um einen schwachsinnigen Bahnhofsneubau geht, sondern um den Anspruch der Bürger, endlich von der Politik, die sich nur noch wie ein Helfershelfer der Industrie-, Banken- und Versicherungslobbyisten geriert, ernstgenommen zu werden. Hier ist eine starke bürgerliche Bewegung in Gang – und kaum einer begreift das. Man berichtet lieber über Sprechblasen von Merkel, Mappus, Hundt und Co. und gibt Pressemitteilungen wieder, ohne deren Wahrheitsgehalt im Mindesten geprüft zu haben. Das ist heutzutage ein nicht unbeträchtlicher Teil des Journalismus. Journalismus ohne Qualitätsanspruch. Und nicht einmal schnell.

Und ausgerechnet die Journalisten, die sich die Finger wund schreiben über jeden Furz von Google, Apple und Twitter, haben nicht erkannt, wie sich mit Twitter und Webcams ein direkter Zugang zu Informationen ergibt, die sie selbst kaum nutzen. Sie könnten dabei sein, wenn sie sich nicht auf die schwachen Leistungen der Agenturen verlassen würden. Aber es braucht halt Zeit, die dann beim Lesen amerikanischer Blogs fehlt.

Frau Merkel und die Stuttgarter Landesregierung haben sich heute für alle Zeit disqualifiziert.

Meine Befürchtungen vom Mai sind eingetreten. Ich hatte damals geschrieben: Es wird heftige Kämpfe und schlimme Polizeieinsätze mit Schwerverletzten und vielleicht Toten geben. (Tote gab es bisher offenbar nicht).

Es wird eine sehr unruhige Nacht in Stuttgart geben, denn ab 24 Uhr dürfen, schön legal, die Bäume gefällt werden, um einem 1000 Quadratmeter großen Bauzelt Platz zu machen. Da heute bewusst und mit massivsten Mitteln gegen Bürger vorgegangen wurde, kann die Lage jederzeit eskalieren, auch wenn sich momentan etliche der Demonstrations-Organisatoren darum bemühen, die aufgebrachten Bürger zu beruhigen. Es soll über 1000 Verletzte geben. Der Reizgaseinsatz ist unverantwortlich.

Eine ältere Bürgerin heute Nachmittag zu Flügel.tv: „Das ist Krieg gegen die Bevölkerung. H. Mappus wird sich sadistisch an den Bilder erfreuen.“

„Mappus weg!“ rufen die Bürger um 16.43 Uhr. Nicht nur der wird gehen müssen.

Verfolgen kann man die Vorgänge über folgende Webcams, leider manchmal mit Unterbrechungen:

Flügel.tv

Aus einem Baum

Robin Wood aus dem Baum

Aufzeichnungen um die Mittagszeit herum

Cams

5 Kommentare

  • 1
    Stuttgart 21: “Qualitätsjournalismus”:

    […] Sprache spricht hier der Journalist Friedhelm Weidelich in seinem Blog – als Augenzeuge: Stuttgart 21: Und die Medien begreifen stundenlang nichts Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Politik, Polizeigewalt und getagged Medien, […]

  • 2
    Tweets that mention Stuttgart 21: Und die Medien begreifen stundenlang nichts /// Railomotive -- Topsy.com:

    […] This post was mentioned on Twitter by LinguaSite and fabse_es, Friedhelm Weidelich. Friedhelm Weidelich said: Eine kleine Zusammenfassung und verdiente Journalistenschelte zu #s21 http://bit.ly/8Xme6u […]

  • 3
    Link-Ecke #21 | campino2k:

    […] Stuttgart 21: Und die Medien begreifen stundenlang nichts Ich schäme mich heute für die vielen Journalisten, die so wenig begriffen haben, dass es nicht nur um einen schwachsinnigen Bahnhofsneubau geht, sondern um den Anspruch der Bürger, endlich von der Politik, die nur noch ein Helfershelfer der Industrie-, Banken- und Versicherungslobbyisten ist, ernstgenommen zu werden. Hier ist eine starke bürgerliche Bewegung in Gang – und kaum einer begreift das. Man berichtet lieber über Sprechblasen von Merkel, Mappus, Hundt und Co. und gibt Pressemitteilungen wieder, ohne deren Wahrheitsgehalt im Mindesten geprüft zu haben. Das ist heutzutage ein nicht unbeträchtlicher Teil des Journalismus. Journalismus ohne Qualitätsanspruch. Und nicht einmal schnell. […]

  • 4
    Joachim Bochberg:

    Hallo Herr Weidelich,

    ich hatte heute morgen um kurz vor acht das zweifelhafte Vergnügen, den Vorsitzenden der Deutchen Polizeigewerkschaft zu diesem Thema in WDR2 zu hören. Er sang ein wahres Rechtfertigungslied auf die Aktion, sprach von tätlichen Angriffen gegen Polizisten und von „sogenannten“ Schülern, gegen die man demokratisch legitimierte Entscheidungen durchsetzen müsse. Ich fand es widerlich.

    Irgendwie erinnerte mich die Sprache dieses Herrn (ohne zu googeln – heißt der nicht Wendt?) an den seligen Herrn Duensing und seine Wurst, in die man in der Mitte hineinstechen müsse. Heraus kam dann der 2. Juni …

    Danke für Ihr waches Auge!

    Schöne Grüße

    Joachim Bochberg

  • 5
    Stuttgart | Das rote Blog:

    […] die Schüler zu spüren bekommen. Ok, sie haben einen LKW besetzt. Ja und? Schaut in das Gesicht dieses 14-Jährigen und dann sagt mir, der ist ja Schuld, der hat es so gewollt. Es war wohl für die Schüler […]

 
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