Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

„Baustopp“ als PR-Maßnahme für leichtgläubige Medien

07.10.10 (Bahnhöfe, Eisenbahn)

Da stellt sich also ein Herr Mappus hin und verkündet einen „Baustopp“. Irgendwann meldet sich auch der Bauherr, die Deutsche Bahn, und verkündet ebenfalls einen „Baustopp“, damit Heiner Geißler „vermitteln“ kann.

Der Vermittlungsspielraum sieht etwa so aus:

Wir bauen einen großen Sandkasten und einmal im Jahr darf mit Wasser gematscht werden.

Die S21-Gegner dürfen jetzt entscheiden, welche Farbe die Eimerchen haben, mit denen das Wasser in den Sand gekippt wird.

Die Arbeiten am „Grundwassermanagement“ – sprich: eine massive Grundwasserabsenkung mit irreparablen Folgen für Bäume und Bahnhofsgebäude –  laufen trotzdem fröhlich weiter und nach allem, was man in Stuttgart weiß, waren monentan auch keine weiteren Abriss- und Abholzungsarbeiten geplant, weil sie noch nicht nötig sind. Da kann man als PR-Maßnahme fröhlich einen Baustopp verkünden. Doch gelogen ist gelogen: Es gibt keinen Baustopp, auch wenn es die Medien einfach so weitergeben.

Nachtrag 8.10.: Am Abend des 7.10. demontierten Mappus und der verdächtig ruhige Bauherr Grube den Vermittler Geißler bereits, indem sie einen Baustopp auf einmal bestritten. Die leichtgläubigen Medien hatten den schon hundertfach verbreitet und damit den S21-Freunden wieder einmal einen Pluspunkt geliefert, weil sie ja jetzt sagen können, dass sie sich kompromissbereit gezeigt hätten. Das war psychologische Kriegsführung.

Vor diesem Hintergrund war der Abriss des Nordflügels blanke Provokation, nur ist der Schuss aus der Sicht der S21-Freunde nach hinten losgegangen: Die Gegner wurden mehr und wurden nicht aggressiv, obwohl die Politik und die Polizei das noch immer behaupten, ohne Beweise vorzulegen. Und selbst wenn der Mann, der sein Augenlicht verloren hat, eine Kastanie geworfen hätte, wäre es noch lange kein Grund für die polizeiliche Eskalation gewesen. Hier wurde mit schweren Kanonen auf sehr kleine Spatzen geschossen – falls es überhaupt Spatzen waren.

Der angebliche Baustopp, der keiner ist, war nichts weiter als ein Versuch, jetzt mit Samthandschuhen zu arbeiten und die Proteste watteweich abzufedern und ins Leere laufen zu lassen. Nun kann man auf die Demonstranten zeigen, denen man doch großzügig die Hand zum Gespräch gereicht habe. Eine fiese, rein strategische PR-Maßnahme, der jede Glaubwürdigkeit fehlt.

Denn schließlich geht es nur um Wirtschaftsinteressen und die Wiederwahl der wirtschaftshörigen CDU-Regenten. Weil die Parteiräson über allem steht, sind nun auch einige Bürgermeister an der Gäubahn bereit, sich für S21 auszusprechen, obwohl sie sich mit Sicherheit nicht mit S21 beschäftigt haben und so dumm sind wie die Journalisten, die an das Fortschritts- und Verbesserungsgesülze glauben, das man ihnen vorlügt. Die Gäubahn wurde seit Jahrzehnten vernachlässigt, da wird und kann sich durch S21 nichts ändern. Aber der Glaube allein an den „Fortschritt“ und die „Zukunft“ genügt ja bei jenen, die die CDU für christlich, ein bisschen sozial und demokratisch halten. Es geht um das Immobilienprojekt und um den Machterhalt mit allen Mitteln. Wer sich kooperativ zeigt, wird belohnt. Wer nicht mitmacht, kaltgestellt. Es sind die Methoden der Mafia.

Da macht sich dann auch der Autozulieferer Mahle im S21-Propaganda-Blättchen „Stuttgarter Zeitung“ zum Helfershelfer, wie zuvor Stihl und andere baden-württembergische Unternehmer, die sicher alles andere zu tun haben, als sich mal den eisenbahntechnischen Schwachsinn anzuschauen, der zu S21 gehört. Denn dann hätten sie sich dagegen ausgesprochen, so dumm sind sie nicht. Aber da in Baden-Württemberg in 60 Jahren ein unglaublicher Filz von CDU, FDP und Wirtschaft gewachsen ist, halten die selbsternannte Wirtschaftselite und die Politik eben zusammen. Denn es lohnt sich immer für einige davon, und wenn Mappus fällt, steht schon die nächste Galionsfigur bereit, um den Ausplünderern des Staats treue Dienste zu leisten.

Mein Bauchgefühl sagt mir: In Baden-Württemberg ist eine Vetterleswirtschaft im Gang, die weit schlimmer ist, als man sich überhaupt denken kann. Das Immobiliengeschäft und alles, was da an Aufträgen, Bonuszahlungen und Schmiergeld dranhängt, sind ein Skandal. Bei den S21-Durchpeitschern geht es um Geld, sehr viel Geld. Der Bahnhof und sein Betrieb spielen keine Rolle, Hauptsache weg damit. Vielleicht merken das ein paar Bahn-Mitarbeiter eines Tages noch. Aber solche mit Bahn-Sinn sind in den oberen Etagen ja praktisch ausgerottet. Da herrschen das Mittelmaß, die Automanager und die Gier.

 
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