Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Das Immobilienprojekt im Stern und nicht abgeholte Bürger

13.10.10 (Bahnhöfe, Deutschland, Eisenbahn)

Pressemitteilung des „Stern“:

Stuttgart 21 ist für seine Initiatoren in erster Linie kein Bahn-, sondern ein Immobilienprojekt. Das Hamburger Magazin stern zitiert in seiner neuen, am Donnerstag erscheinenden Ausgabe einen „Investoren Service“ der Stadt Stuttgart: „In bester innerstädtischen Lage entsteht auf den frei werdenden Gleisflächen ein nachhaltiges Neubaugebiet.“ Das sei „noch wichtiger“ als der Bahnhof. Auf dem möglicherweise frei werdenden Gleisgelände sollen insgesamt zehn Milliarden Euro in Büros, Wohnhäuser, Einkaufszentren investiert werden. Fast alle Wirtschaftlichkeitsberechnungen der geplanten Projekte basieren auf dem planmäßigen Bau von Stuttgart 21.

Vor ein paar Tagen verkündeten Ministerpräsident Mappus und Bahnchef Grube, den Abbruch des Südflügels des Bahnhofs um einige Monate zu verzögern, sie werteten das als „ein klares und deutliches Signal“ an die Gegner. Vertrauliche S 21-Planungsunterlagen, die dem stern vorliegen, zeigen jedoch, dass die Abrissbirne ohnehin erst in zwei Jahren, am 20. August 2012, am Südflügel des denkmalgeschützten Bahnhofs zuschlagen soll.

Einer der größten Investoren auf dem S 21-Gelände ist der ECE-Konzern. Der Hamburger Shoppingcenter-Betreiber will gemeinsam mit dem Baukonzern Strabag und der bayerischen Bau- und Immobiliengruppe (BBIG) rund 500 Millionen Euro in ein 43.000 Quadratmeter großes Einkaufszentrum investieren: Geplant sind drei über Brücken verbundene Gebäude mit 500 Wohnungen, einem Hotel, Restaurants, 150 bis 200 Einzelhandelsgeschäfte, über 1600 Parkplätze.

Der Stiftung „Lebendige Stadt“, die von ECE-Chef Alexander Otto gegründet worden ist, gehörten bis vor kurzem wichtige S21-Befürworter an. Die Stiftung ist gemeinnützig, baut Parkanlagen, vergibt Preise, propagiert die Idee von C02-freien Städten – ein Gedanke, der auch ein Werbeargument von Stuttgart 21 ist. Dem Stiftungsrat gehört etwa der Architekt des Stuttgarters Hauptbahnhofs an, Christoph Ingenhoven. Im Vorstand ist seit 2005 Friederike Beyer, Lebensgefährtin des ehemaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Günther Oettinger. Wie stern-Recherchen ergaben, gehörte bis September auch Stuttgarts Oberbürgermeister (Schuster) dem Stiftungsrat an. Er trat zurück, so ein Sprecher der Stiftung zum stern, „um jeglichen Anschein eines Interessenskonflikts zu vermeiden“.

Auch Tanja Gönner, Baden-Württembergs Umweltministerin, lässt seit Montag ihre Mitgliedschaft in der Stiftung ruhen. Auf stern-Anfrage ließ die Stiftung wissen, es bestünde „keine Vermengung von Interessen“ des Unternehmens ECE und der Stiftung. Man agiere unabhängig, in keinem Stiftungsgremien hätten Vertreter der ECE eine Mehrheit.

Hier ist die Website der Stiftung. In Schwerin gibt es ein großes Einkaufszentrum von ECE, das Schlosspark-Center. Es muss ein Zufall sein, dass der ehemalige Oberbürgermeister der Stadt Schwerin im Förderkreis der Stiftung ist.

Weitere Details zu den Mitgliedern dieser Stiftung finden sich im Erinnerungsforum. Wer die Liste durchgeht, trifft auf den Stellvertretenden Vorsitzenden Wolfgang Tiefensee, SPD-MdB und bis 2009 Bundesverkehrsminister, den ehemaligen NRW-Verkehrsminister Lutz Lienenkämper (CDU) und neben etlichen Abgeordneten auch den ehemaligen OB der Stadt Köln, die ja für ihre sauberen Immobiliengeschäfte (Messe), gut durchgeplante U-Bahn-Bauten  bekannt ist und den Begriff Klüngel nicht kennt.

Zu den Unworten des Jahres bei twitternden S21-Gegnern gehört übrigens die Menschen (seltener: die Bürger) abholen. Manchmal wünsche ich mir, man würde die Politiker abholen.

Herr Grube, der Eisenmann, sieht auf den neuesten Zeitungsfotos um zehn Jahre gealtert aus. Vielleicht liegt das daran, dass er nächtelang veraltete Zahlen auswendig gelernt hat.

Heute startete die FTD eine Abstimmung über die Leistungen Grubes. Sie ist selbstverständlich nicht repräsentativ, das Ergebnis überrascht aber nicht: Bis zu 71 % hielten ihn heute für ebenso schlecht oder noch schlechter als seinen Vorgänger Mehdorn. Momentan sind es 69 %. Und das nach der Ankündigung, die Fernverkehrspreise nicht anzuheben, dafür aber die sehr gewinnbringenden Nahverkehrspreise, den laut VCD 90 % der Fahrgäste nutzen, um knapp 2 % zu erhöhen. Weil wir auf den Nahverkehr angewiesen sind, ist die angebliche „Nicht-Preiserhöhung“ pure Augenwischerei. Grube weiß eben, wie man Gewinne macht.

3 Kommentare

  • 1
    Tweets that mention Das Immobilienprojekt im Stern und nicht abgeholte Bürger /// Railomotive -- Topsy.com:

    […] This post was mentioned on Twitter by Mensch Wesen, Eva, Marco Thieme, Friedhelm Weidelich, Michael Andres and others. Michael Andres said: RT @RAILoMOTIVE: Die Stiftung Lebendige Stadt, Grubes Image und nicht abgeholte Bürger: http://bit.ly/98yUa2 #s21 #stern #ewe […]

  • 2
    John, Regina:

    Grube hat nicht das Kaliber von Mehdorn.
    Grube hat bereits die letzten Stufen seiner Inkompetenz erreicht.
    Trotzdem ist er gefährlich, weil skrupellos und von der Regierung gesteuert.
    R.John

  • 3
    Friedhelm Weidelich:

    Da stimme ich Ihnen fast hundertprozentig zu. Ich bin mir allerdings nicht sicher, wie das Zusammenspiel mit der Regierung, speziell Ramsauer, ist. Der scheint mir noch weniger von seinem Job zu verstehen und hat keine erkennbare Haltung zu irgendwas. Er ist bestenfalls ein schlechter Populist.

 
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