Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Das Wort zum Sonntag und zum Südflügel

17.10.10 (Bahnhöfe, Deutschland, Eisenbahn, Marginalien)

Funken der Trennscheibe an der Stahltür (Webcam cams21)

Zugegeben, es ist erheiternd, wenn man über eine Webcam bzw. ein Handy live erlebt, dass eine gute deutsche Stahltür eineinhalb Stunden der Kraft von Rammböcken und einer Flex der Polizei standhält. Die etwa 40 jüngeren Menschen, die den Südflügel gekapert hatten, erhielten freien Abzug zugesichert, konnten aber die schwere Tür nicht mehr öffnen, weil sich der aus funktionslose Türgriff um 360° drehen ließ. So musste die Polizei die Tür mit Gewalt öffnen. Eine Feuerleiter wäre die einfachere Lösung gewesen.

Ob sich die Aktivisten (ich mag das Wort nicht) der Bürgerinitiative (wer kennt dieses zutreffende Wort noch?) gegen Stuttgart 21 einen Gefallen getan haben, bezweifle ich. Denn anders als wohl auch von dem professionellen Fernsehteam im Innern des Südflügels erwartet, trat die Polizei sehr moderat auf. Eine Beamtin in gewöhnlicher Uniform war die Verhandlungsführerin und fragte, wer der Sprecher sei, als die Tür endlich auf den Gang fiel und wenige Polizisten hineinkamen. Zwar warteten im Gebäude die hochgerüsteten Einheiten mit heruntergezogenen Visieren, hielten sich aber im Hintergrund, als die Personalien der Besetzer vor laufender Handykamera aufgenommen wurden.

Falls es Absicht war, die Polizei diesmal zu neuen Gewalttaten anzustiften und diese live zu dokumentieren, ist der Versuch misslungen. Zwar sollen die Polizisten nach von mir nicht überprüfbarer Darstellung unten im Gebäude mit Pfefferspray Demonstranten vertrieben haben. Dokumentiert ist das, soweit ich weiß, nicht.

Eins haben die Eindringlinge jedenfalls nicht bedacht: Es kommt in bürgerlichen Kreisen nicht gut, wenn ein Gebäude, das doch vor dem Abbruch geschützt werden soll, von einem Sprayer mit Sprüchen beschädigt wird. Die entsprechenden Tapeten lassen sich zwar leicht entfernen, doch der negative Symbolcharakter des Sprühens vor laufender Kamera bleibt haften. So setzt man sich dem Vorwurf der Sachbeschädigung auch dann aus, wenn niemals wieder jemand die Räume nutzen wird.

Der Politblogger hat diese Besetzung ausführlicher bewertet und kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Die Besetzung war strategisch unklug.

Berichterstattung live gegen schlechten Journalismus

Es ist ein neuer, höchst interessanter Aspekt bei Stuttgart 21, dass die Öffentlichkeit dank Bürgerjournalisten und Videoreportern einen ganz anderen und oft sehr direkten Zugang zu den Vorgängen vor Ort haben als die einst Vierte Gewalt der etablierten Medien. Handys mit Videofunktion, Notebooks und Camcorder mit HSDPU-Verbindung machen es möglich. Durch die Vielzahl von Perspektiven, die www.fluegel.tv und http://cams21.de über das Internet simultan bieten, kann man dabei sein und bekommt eine ganz andere Perspektive als über die Presse oder das SWR-Fernsehen. Selbst wenn auch ein Schuss Subjektivität und die (seltenen) Kommentierungen geradezu rührend unprofessionell, aber mit Herz aus dem Off kommen, so wird deutlich, dass sich hier viele Bürger bemühen, ein Gegengewicht gegen die etablierten und erschreckend schlecht berichtenden Medien aufzubauen. Die Reden und Diskussionen, die gestern zum Beispiel aus der Heinrich-Böll-Stiftung oder aus dem Büro von Flügel.tv übertragen wurden, stellen inhaltlich all das in den Schatten, was Talkshowmoderatorinnen mit Fragenkärtchen ihren parteiischen oder kaum informierten Gästen gemeinhin entlocken. Zumal sich die professionellen Ableserinnen der Moderationskarten, die ihnen die Redaktion mit Fragen gefüllt haben, nicht für die Ergebnisse einer Diskussion interessieren. Die Damen und einzelnen Herren gehören der Unterhaltungssparte an, machen aber auf kritischen Journalismus. Zuschauen ist da reine Zeitverschwendung.

Seitdem ich Stuttgart 21 intensiv beobachte, hat mein Respekt vor den Journalisten-Kollegen drastisch nachgelassen. Denn angefangen bei den Agenturen, die sich allzu gern auf Pressemitteilungen und Behauptungen einlassen – und seien es offensichtliche, dreiste Lügen –, bekleckern sich weder SWR noch Tagesschau mit Ruhm. Die lokalen Zeitungen am allerwenigsten. Aber auch in Gesprächen mit Kollegen, die ich sonst für hochkompetent und kritisch kennengelernt habe, erfahre ich immer wieder, dass sie den eisenbahntechnischen Unsinn nicht erfasst haben und am von Politikern und einem durchgeknallten CDU-Pfarrer ausgelegten süßen Köder Fortschrittsverhinderung geleckt haben. Von den Kolumnen- und Kommentarschreibern einmal abgesehen, bei denen man nicht weiß, ob sie nur provozieren wollen oder wirklich so naiv und uninformiert sind. Aber Nichtwissen ersetzen diese Menschen in gehobener Position häufig durch einen starken Glauben. Das gibt Selbstsicherheit in einer hochkomplexen Welt, die solche ideologischen Schwarzweißdenker nicht mehr begreifen. Doch sie füllen weiter ihre verstaubten Schubladen mit markigen Sprüchen über die Fortschrittsfeindlichkeit,  demokratisch legitimierte Prozesse und die Unmöglichkeit von Großprojekten und zeigen damit doch nur, wie weit sie in ihren Chefbüros und in ihrem persönlichen Netzwerk inzwischen von der Wirklichkeit des Lebens ihrer Leser entfernt sind.

Deshalb werden Fakten von vielen Journalisten, nicht nur Chefredakteuren, oft aus dem Zusammenhang gerissen. Schlichte fachliche Informationen werden nicht verstanden oder erst gar nicht herbeigeschafft. Viele haben schließlich immer noch nicht begriffen, dass es hier nicht nur um einen Bahnhofsneubau geht, der schon mit gesundem Menschenverstand als blanker Unsinn zu begreifen ist, sondern um den Beginn einer gesellschaftlichen Umwälzung: Die Wähler werden vom hilflosen Stimmvieh, das die Experimente der Lobbyisten und der von ihnen teilweise gesteuerten Politiker nicht mehr bezahlen will, zu Bürgern, die sich ihrer Rechte wieder bewusster sind und mitgestalten wollen. Es geht gar nicht ums Bremsen, es geht um die Sinnhaftigkeit von Milliardenprojekten, Subventionen und gigantischen Gewinnen und Gehältern, die von den extrem kurz gehaltenen und immer stärker belasteten Bürgern finanziert werden. Es geht gegen Selbstbedienung und für Lebensqualität ohne Orwellsche „Investoren“-Projekte.

Ich frage mich, warum die Medien nun beginnen, von einem UMBAU des Bahnhofs zu schwafeln, obwohl es um einen NEUBAU geht. Dass der verharmlosende Begriff Umbau Einzug hält, spricht dafür, dass die spin-doctors (also die professionellen Einflüsterer, die die Meinung von Journalisten und Öffentlichkeit im Sinne von S21 manipulieren) inzwischen gute Arbeit leisten. Denn die Auswürfe jener Dreckschleudern, die als vermeintliche PR-Spezialisten auftreten und auch die empörte Bürger spielenden PR-Strategen und Leserbriefschreibern mit dem Wortschatz von Achtjährigen scheinen ihre Wirkung verfehlt zu haben. Über die professionell agierenden Agenturen, die im Hintergrund schon bisher falsche Zahlen lancierten und Meinungen manipulierten, erfährt man allerdings nichts. Dass die Deutsche Bahn schon einmal zu diesem Mittel griff, ist bekannt. Sie wird es auch jetzt tun.

Den Baustopp scheinbar unmöglich machen

Erstaunlich auch, dass bei dem gut 200 Millionen hohen Auftragsvolumen, das bisher fest vergeben sein soll, nun angeblich Kosten von 1,4 Mrd. entstehen sollen bei einem endgültigen Baustopp. Gibt es jetzt schon Schadenersatz bei nicht vergebenen Aufträgen? Erst jetzt werden, mutwillig provozierend, die Tunnelbauten ausgeschrieben. Es ist der schwierigste Teil des Vorhabens, bei dem viel dafür spricht, dass die Tunnel niemals fertig werden, weil die kleingerechneten Kosten explodieren werden und S21 nach einigen Jahren im Orkus des Größenwahns verschwinden wird, nachdem ein paar Milliarden sinnlos versenkt wurden und Stuttgart als staubige Großbaustelle noch ein Stück hässlicher geworden ist. Zu den erfundenen Baustoppkosten addieren die S21-Krieger lustig nochmal die selbe Summe für die Sanierung des alten Bahnhofs, damit sie mit „3 Mrd. Euro“ hausieren gehen können. Das soll dann wirklich abschrecken und Bürger verunsichern in dem Sinne: „Wenn der Abbruch des Neubaus soooo teuer wird, dann bauen wir doch lieber.“ Gut, das kostet dann mindestens 8 Mrd. für einen untauglichen, von vornherein unterdimensionierten und auf alle Zeiten unveränderlichen Untergrundbahnhof. Aber dass die neue hohe Zahl nur daher kommt, weil man den Hauptbahnhof Stuttgart 15 Jahre verkommen ließ, wird geflissentlich verschwiegen. Das Lügenpack gibt sich die Ehre. Dabei hat die Sanierung mit den ein paar hundert Millionen echten Kosten eines Baustopps nichts zu tun.

Auf einmal ist es ein EU-Projekt

If everything fails, press the EU button.

Dass Heiner Geißler zu vermitteln versucht, ist zwar ehrenwert, aber sinnlos. Denn das Ziel der S21-Gegner und aller vernunftbegabten Bürger kann nur sein, den von Grube mit unnötiger Vehemenz und völliger Inkompetenz vorangetriebenen U-Bahnhof ganz und gar zu verhindern. Es gibt ausnahmsweise mal keine Alternative in Form eines „S21 light“ oder irgendeinen Kompromiss zwischen Kopf- und U-Bahnhof. Die Alternative kann nur sein, den Kopfbahnhof ein wenig zu modernisieren, schlimmstenfalls ECE einen neuen Nordflügel hinstellen zu lassen und die Gleise mit einer schönen Hallenkonstruktion zu überdachen oder bei den vorhandenen Bahnsteigdächern zu bleiben.

Wenn nun Bundeskanzlerin Merkel, der aus dem Tiefschlaf erwachte Westerwelle und ein seltsam agierender EU-Kommissar das Projekt S21 zu einem Bauprojekt mit europäischen Rang hochstilisieren, darf man ihnen getrost bewusste Irreführung der Bevölkerung und der Medien vorwerfen. Denn Stuttgart 21 ist nichts anderes als ein geschickt eingefädeltes lokales Immobilienprojekt, dem die Bürger nach langen, leiseren Protesten und ein paar wenige recherchierwütige Journalisten endgültig auf die Schliche gekommen sind. Der Haken daran ist nur, dass wir alle diesen Irrsinn mit unseren Steuern bezahlen sollen.

So gesehen hat S21 eine bundespolitische Dimension, die sich mit dem Protest gegen die Laufzeitverlängerungen, die Zerschlagung der gesetzlichen Krankenversicherung und nach Gutsherrenart zugeteilte Steuerprivilegien mischt. Westerwelle kann das in seiner ideologischen Festlegung nicht begreifen. Merkel hat sich ganz allein auf ihren Machterhalt konzentriert und als DDR-Bürgerin die ausgeprägte Fähigkeit zum Fähnchen im Wind und der geschickten, karrierefördernden Anpassung an das „System“ entwickelt. Damit ist sie in der Bundesrepublik weit gekommen.

Doch Merkel kennt weder die Schwaben noch hat sie verstanden, was Demokratie wirklich bedeutet. Sie arbeitet nun intensiv an ihrem Untergang.

Das „ihrem“ ist nicht zufällig doppeldeutig.

3 Kommentare

 
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