Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Die Allianz pro Schiene sucht Eisenbahner mit Herz

24.10.10 (Deutschland, Eisenbahn, Marginalien, Marketing, Personenverkehr, Unterwegs – Erfahrungen)

Das Image der Eisenbahn, besonders ihrer Mitarbeiter, ist gar nicht so schlecht. Darüber täuscht die mediale Berichterstattung manchmal hinweg, zumal Bahnchefs wie Mehdorn und Grube durch ihre hochnäsigen Auftritte nicht eben die Sympathien auf sich zogen und ziehen.

Jeder Bahnfahrer macht die Erfahrung, dass „die“ Eisenbahner etwa dem Durchschnitt der Bevölkerung entsprechen und man alle Spielarten und Charakteren des täglichen Lebens auch hier antrifft.

  • Da gibt es die hoheitlich Handelnden, die ihre kleine Macht aus der Lizenz zum Kontrollieren von Fahrkarten beziehen und sie jederzeit streitbereit auskosten.
  • Da sind (speziell bei der DB) die Frustrierten, die ihre innere Kündigung wegen ausgefallener Türen, nicht funktionierenden Speisewagen und irren Dienstplänen bereits aufgegeben haben; Schulterzucken und Dienst nach Vorschrift ist ihr Beruf.
  • Dann gibt es die Souveränen, die ihren Job gern machen und mit einer gewissen Gewitztheit und Freundlichkeit im Umgang mit den Fahrgästen für Zufriedenheit sorgen.
  • Die Mehrzahl sind aber die Eisenbahner, die es nicht mehr gibt: an den geschlossenen Schaltern, bei den überwucherten Bahnsteigen, in den leeren Bahnhöfen und nach Urin stinkenden Unterführungen, vor den nicht funktionierende Automaten, in den Werkstätten, die einen Regionalexpress tagelang mit defekten, verschlossenen Türen fahren lassen.
  • Und die Kundenbetreuer fehlen auch in der 1. Klasse des ICE, in der sie selbst Bahncard100-Besitzerinnen keinen Kaffee servieren wollen und sie trotz beim Einsteigen vorgezeigter BC100 in aller Herrgottsfrühe aus dem Schlaf reißen, wie mir eine Bekannte immer wieder erzählt.

Meine eigene Erfahrung liegt im neutralen Bereich ohne Ausreißer nach oben, tendenziell eher mit Ausschlägen nach unten (wenn mir ein RE-Kundenbetreuer im Nahverkehr weiszumachen versucht, dass meine Jahreskarte ungültig ist, obwohl sein Lesegerät offensichtlich ein Update braucht). Von der dressierten Freundlichkeit des Flugverkehrs, der von den DB-Chefs unverständlicherweise als Vorbild angehimmelt wird, sind Eisenbahner – sprich Zugbegleiter – noch meilenweit entfernt. Was angesichts der muffeligen Gesichter der Fahrgäste aber nicht weiter erstaunt. Alkoholbedingte deutsche Fröhlichkeit im Zug ist keine Alternative, zumal ich auf Rentner mit Bierfässchen schon am Morgen im RE und vom Sekt berauschte gackernde Kegelclub-Hühnchen im ICE gern verzichte. Ich mag das so wenig wie Mobilfunkkunden mit Flatrate und öffentlich inszeniertem Mitteilungsdrang.

Ich glaube zwar nicht, dass der gewaltige Imageschaden, denn Bahnherren wie Mehdorn und Grube bei den von ihnen verwalteten Unternehmen verursacht haben, kompensierbar ist. Die Allianz pro Schiene versucht es trotzem und sammelt beim Wettbewerb „Eisenbahner mit Herz“ bis Jahresende die schönsten Geschichten von Zugreisenden.

Die Chefs von Veolia, Keolis und der Deutschen Bahn haben sich dafür ausgesprochen, die Eigeninitiative der Mitarbeiter an Bord der Züge und an den Bahnhöfen zu stärken. „Die Eisenbahnen sind nur so gut wie ihre Mitarbeiter“, sagte der Geschäftsführer der Allianz pro Schiene, Dirk Flege am Donnerstag in Berlin. „Deshalb haben wir uns entschlossen, die großen Bahnen an einen Tisch zu holen und gemeinsam herauszufinden: Wie gut sind wir eigentlich?“

Flege rief Bahnkunden dazu auf, Reiseerlebnisse mit besonders humorvollem oder außergewöhnlich hilfsbereitem Bahnpersonal aufzuschreiben und zu kommentieren. „Wir hoffen, dass wir am Ende neben bekannten Negativausreißern und repräsentativen Umfragen auch herzergreifende Positivbeispiele haben. Uns interessiert, was in den Zügen von Dresden bis Aachen, von Hamburg bis Freiburg passiert“, sagte Flege. Eine Jury, der die drei Eisenbahngewerkschaften und die drei großen Fahrgastverbände angehören, werde im März 2011 aus den Einsendungen aller Bahnreisenden den „Eisenbahner mit Herz“ auswählen, kündigte die Allianz pro Schiene an. Die Teilnahmebedingungen gibt es hier.

Verlassen Sie sich allerdings nicht darauf, dass Sie den richtigen Namen eines Mitarbeiters gelesen haben. Denn wegen der tätlichen Übergriffe und Bedrohungen von Zugbegleitern dürfen diese sich zum Schutz einen Fantasienamen aufs Namensschild schreiben lassen.

Die deutschen Eisenbahnen befördern täglich 6,3 Millionen Fahrgäste, 6 Millionen im Nahverkehr und 300.000 im Fernverkehr. Die Deutsche Bahn hat dabei einen Marktanteil von rund 80 Prozent. Die restlichen 20 Prozent nutzen die Züge anderer Bahnunternehmen. Das sind unter anderem Arriva, Benex, die Hessische Landesbahn, Keolis und Veolia. Die Deutsche Bahn beschäftigt rund 12.000 Menschen an Bord der Züge. 3.000 Mitarbeiter kümmern sich in den Bahnhöfen um die Reisenden. Im Nah- und Fernverkehr der Deutschen Bahn arbeiten außerdem rund 14.000 Lokführer. Die Privatbahnen beschäftigen rund 6.000 Kundenbetreuer und Lokführer im Fahrdienst. Nach Angaben der Gewerkschaft Transnet hat sich das Personal der DB-Konkurrenten seit 2000 fast verdoppelt, bei der Deutschen Bahn gibt es ebenfalls einen leichten Anstieg der Beschäftigtenzahlen. Trendsetter für diese Entwicklung ist etwa das Land Niedersachen, das die Zahl der begleiteten Züge im Regionalverkehr von zur Zeit 20 auf 40 Prozent erhöhen will.

Ein Kommentar

  • 1
    Lukas:

    Man sollte auch bei Pseudonamen weder diesen noch Zugnummer und Uhrzeit nennen, da manches fahrgastfreundliches Verhalten bei den Unternehmen nicht gerne gesehen wird. In meinem Morgenzug arbeit z.B. oft ein Zub, der mich grundsaetzlich mit „Servus, lass stecken! Ich weiss scho dass du eine hast.“ begruest wenn ich meine Fahrkarte raussuchen will (ich hab aber auch nen ICE Anschluss, indem ich meinen Zangenabdruck dann bekomme), dieser Zub laesst auch die schlafenden Pendler, die er kennt, weiter schlafen. Das keiner schwarz faehrt funktioniert trotzdem, da man sich halt kennt. Wer nicht immer da ist wird halt kontrolliert.

 
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