Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Durchstich am Gotthard-Basistunnel

15.10.10 (Eisenbahn, Schweiz, Strecken, Technologien)

Das Schweizer Fernsehen zeigte und zeigt auch um 15.15 Uhr noch im Live-stream den Durchstich des Tunnels um 14 Uhr. Die Moderation der zehn Reporter ist auf Schwyzerdütsch, unterscheidet sich aber durch gute Einspielfilme und qualifizierte Informationen von dem, was man aus deutschen Sondersendungen von unseren Allround- und Ohne-meine-Moderationskärtchen-bin-ich-hilflos-Reportern bei den schnellen Live-Schalten ohne Sinn kennt.

Link: http://www.tagesschau.sf.tv/

Kurz vor dem Durchbruch verneigte sich Renzo Simoni, NEAT-Chef, vor den Mitarbeitern und bedankte sich für die Arbeit. Acht Menschen verloren bei den Arbeiten ihr Leben.

Screenshot aus dem Schweizer Fernsehen

Das Schweizer Fernsehen und die Reporter haben eine großartige Arbeit geleistet und mit bewundernswerter Ruhe und dem Schweizer Understatement berichtet. Schließlich ist es nach 17 Jahren Bauzeit mit 2 x 57 km der längste Tunnel der Welt. Man merkt: Die Schweiz ist stolz darauf. Aber es fehlt sympathischerweise das Aufgeblasene, das man gewöhnlich bei deutschen Großereignissen in Reden und Statements hört.

Der Durchbruch

Es waren bewegende Momente, nachdem die Tunnelbohrmaschine um 14.37 Uhr die etwa 220 cm dicke Tunnelwand durchbrach und als wenige Minuten später Bergleute aus der Tunnelröhre hinter der Maschine durch den Bohrschild kletterten, um die Kollegen der anderen Seite zu begrüßen. Dabei hörte ich auch sächsische Töne.

Riesengroße Freude und Stolz bei den Tunnelbauern

Wer mehr wissen will: Georg Küffner von der Frankfurter Allgemeinen beschreibt ausführlich die Hintergründe des Gotthard-Basistunnels.

Sympathisch: der Schweizer Verkehrsminister Leuenberger (© UVEK/Béatrice Devènes)

Was mich sehr beeindruckt hat, war die Rede des Bundesrats (= Minister) Moritz Leuenberger, Verkehrsminister der Schweiz. Ich möchte sie hier wiedergeben, weil sie von Demut gegenüber dem „Stimmvolk“ geprägt ist, das 1992 sich zu 94 % und 1998 zu 63,5 % für den Bau dieser Neuen Alpen-Transversale (NEAT) ausgesprochen hat.

Leuenberger sagte:

Der Berg ist gross. Wir sind klein.

Liebe Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger
Liebe Mineure, Bauarbeiter, Vermesser und Ingenieure
Liebe Verkehrsminister aus der EU, zugeschaltet aus Luxemburg
Liebe Sissi
Liebe heilige Barbara
Der Berg ist gross. Wir sind klein.
Gemeinsam haben wir Grosses gewagt.
Gestern wollten wir den Berg versetzen. Heute durchbohren wir ihn und schaffen den längsten Tunnel der Welt,
  • zum Zeitpunkt, wie wir ihn planten,
  • zu den Kosten, wie wir sie rechneten.
  • Kein privates Unternehmen hätte dieses Risiko auf sich nehmen können. Nur eine politische Gemeinschaft ist dazu in der Lage.
Die Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger haben den Mut zu diesem Tunnel an der Urne bezeugt.
  • Sie haben JA gesagt zum Gotthardtunnel und zum Lötschbergtunnel.
  • Sie haben JA gesagt zur Finanzierung, nämlich
  • JA zu einem Fonds und
  • JA zur Schwerverkehrsabgabe, die ihn speist.
  • Sie haben JA gesagt zum Abkommen mit der EU.
Der heutige Tag beweist, wie nachhaltig, wie konsequent, wie effizient unsere direkte Demokratie ist.
  • wenn alle Betroffenen beteiligt werden,
  • wenn mit ihnen Kompromisse gesucht und gefunden werden,
  • wenn sich also auch Minderheiten in den Beschlüssen wieder erkennen,
  • dann müssen sie nicht auf Proteste und Demonstrationen ausweichen,
  • und dann kann die Demokratie Berge versetzen.
Natürlich gab es Zweifler,
  • die nicht daran glaubten, dass wir es schaffen würden,
  • die immer wieder den Abbruch der Arbeiten forderten,
  • die warnten, dass die Kosten aus dem Ruder laufen würden.
Doch wir wollen ihnen das heute nicht vorhalten. Zum Mut gehört auch Grossmut. Es braucht die Warner. Auch wegen ihnen haben wir die Kosten minutiös berechnet und beaufsichtigt.
Deswegen, liebe Kritiker und Mahner: Willkommen bei uns in der Festgemeinde.
Mit diesem Tunnel bauen wir mit an den Infrastrukturen Europas und beweisen so: Wir gestalten unseren Kontinent mit, solidarisch und nachhaltig, indem wir die Verlagerung von der Strasse auf die Schiene vorantreiben.
Hier, inmitten der Schweizer Alpen, entsteht eines der grössten Umweltprojekte des Kontinents.
Zweitausenddreihundert Meter über uns scheidet sich das Wasser, es fliesst entweder über den Po in das Mittelmeer oder über den Rhein in die Nordsee. Doch hier unten, inmitten von Tausenden Tonnen Gestein, öffnet sich in wenigen Minuten ein Tunnel, der die beiden Meere direkt miteinander verbindet.
Grosses haben wir gewagt – gemeinsam.
Grosses haben wir geschaffen – gemeinsam.
Weil wir wissen:
Der Berg ist gross. Wir sind klein.

Solche Töne würde ich gern einmal von einem deutschen Minister hören: Worte mit Wärme, mit Menschlichkeit und dem zurückhaltenden Stolz, eine große Tat vollbracht zu haben, die den europäischen Transitverkehr durch die Schweiz auf die Schiene bringt – wo er auch hingehört.

Beeindruckend auch die Einladung an die Gegner. Eine Geste, die deutsche Politiker, speziell in Baden-Württemberg, so nicht fertigbringen würden.
Die Konservativen in Brüssel nutzten den heutigen Tunneldurchbruch peinlicherweise auch noch dazu, erstmals Stuttgart 21 für „unverzichtbar“ zu deklarieren: „EU-Verkehrskommissar Siim Kallas erklärte das Vorhaben im Zusammenhang mit der geplanten Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Paris und Bratislava für unverzichtbar.“ Kallas, der bisher noch nicht öffentlichkeitswirksam aufgefallen ist, hilft seinen Parteifreunden eben. Nach Angaben des baden-württembergischen Europaministers Wolfgang Reinhart (CDU) stellt die EU-Kommission bis 2013 216 Millionen Euro für den Abschnitt Stuttgart-Ulm zur Verfügung. Das reicht für immerhin vier Streckenkilometer.

Auf den Wahrheitsgehalt seiner Aussagen kommt es ja sowieso nicht an. Das haben wir aus Stuttgart gelernt.
Mit Wahrheit und Klarheit hatte Stuttgart 21 noch nie etwas am Hut.

Ein Kommentar

 
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