Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Gauck als Vermittler, zum Schein ausgestreckte Hände und brutale Polizisten

04.10.10 (Bahnhöfe, Eisenbahn)

Ich bin in Urlaub und würde liebend gern S21 für ein paar Tage verdrängen. Es geht nicht. 3878 Besucher haben gestern diesen Blog gelesen, ich bin zu einem Multiplikator geworden. Vor zwei Jahren hielt ich das Bloggen noch für Zeitverschwendung, das Twittern auch. Doch im Gegensatz zu den Stuttgart-21-Machern bin ich lernfähig. Ich kann meine Meinung ändern, wenn sie sich als falsch erweist oder sich meine Umgebung und Wahrnehmung verändert haben. Und so twittere und blogge ich, auch wenn es sehr viel Zeit kostet. Aber es bringt auch Kontakte, Informationen und die Chance, gegen ein Irrsinnsprojekt zu kämpfen, das eisenbahn- und verkehrstechnisch blanker Unsinn ist und Milliarden kostet, die jeder von uns bezahlen muss und an anderer Stelle fehlen werden.

Mappus, Grube und Co. können ihre Meinung nicht ändern. Sie sind jene Art von Menschen mit schwach ausgeprägtem Ego, die es für menschliche Größe halten, ein Projekt durchzuziehen. Und sei es noch so falsch. Sie dienen höheren Zielen, doch ich weiß nicht, welche es sind. „Fortschritt“, „Zukunft“, die Immobilienindustrie, das eigene Konto? Polit-Manager im Dienste der Wirtschaft. Ein anmaßend demokratietheoretisierender Grube als Staatsangestellter mit dem Welt-AG-Größenwahn eines Schrempp? Ist das Demokratie, ist das Daseinsvorsorge? Gewiss nicht. Es sind Polit- und Vorstandsrambos der übelsten Art, die nur sich selbst und ihren Freunden dienen.

Ich gebe zu, dass ich Joachim Gauck eine Weile sehr beeindruckend fand. Ein aufrechter Demokrat, der die gewonnene Freiheit zu schätzen weiß. Doch seitdem ich weiß, dass er Freiheit im Sinne der FDP versteht und sich alle doch privat und frei versichern sollen nach seiner Freiheitsideologie, die keine Schwachen kennt, mag ich ihn nicht mehr. Noch weniger gefällt er mir, seitdem er in einer sachlich und journalistisch schlecht vorbereiteten Maischberger-Sendung den Schwachsinn deklamierte, den wir von Grube und seinen politischen Helfershelfern kennen: S21 sei durch und durch legitimiert und nicht zu stoppen. So einer soll also nach dem Willen von Westerwelle „vermitteln“? Gedankenaustausch in Form eines alten Witzes: Ich gehe mit meinen Gedanken zum Chef und komme mit seinen raus.

Mit anderen Worten: Wenn Grube, Gauck und wer auch immer die Hand ausstrecken, dann doch nur deshalb, um auf die mit dem Finger zeigen zu können, die die Hand nicht nehmen wollen. Die tun es bewusst nicht, weil das Ergebnis ja von vornherein feststeht: „Wir bauen weiter, merkt euch das!“ Auch wenn es überhaupt keinen Grund dafür gibt und auch der hanseatische Kaufmann rechnen können sollte. Aber er rechnet lieber mit dem Geld des Bundes, weil Großprojekte ja eine Eigendynamik entfalten. Obwohl die angefangene und mit Tunnel- und Brückentorsos verzierte Hochgeschwindigkeitsstrecke Nürnberg – Erfurt ja plötzlich keine Priorität mehr hat und plastisch vor Augen führt, was mit Stuttgart passieren wird.

Mal davon abgesehen, dass es nichts zu vermitteln gibt und das Irrsinnprojekt für alle Zeiten gestoppt werden muss, um nicht Milliarden in einer Bauruine zu vergraben: Wie blöd und realitätsresistent sind eigentlich FDP und CDU, Gauck und Geißler für irgendwelche Vermittlungsgespräche aufzubieten? Glauben sie etwa, dass sie damit etwas verändern und die Gegner überzeugen können? Diese Leute in Stuttgart und Berlin leiden unter einer Wahrnehmungsstörung, die allmählich pathologisch wird. Wer Innenminister Rech im Fernsehen gesehen hat, muss annehmen, dass er unter Psychopharmaka steht oder eine Nervenkrankheit hat. Er erinnert mich bei seinen dreisten, vorsätzlichen Lügen an die letzten Tage von Barschel. Der gab immerhin noch sein Ehrenwort. Ein Begriff, der im Wortschatz von Rech offenbar gar nicht vorkommt. Gesunde Menschen verhalten sich jedenfalls völlig anders, auch vor der Kamera.

Auffallend ist, wie die Medien in den letzten Tagen immer nah an den Regierenden sind und ihnen Gehör geben. Sie verbreiten gern die Mär, dass es eine Menge Aufrührer gewesen sind, die da wild auf die Wasserwerfer und hilflose, freundliche Polizisten eingeprügelt haben. Unter den Redakteuren gibt es leider eine Menge politisch festgekettete Ideologen, die solche Erzählungen glauben oder zumindest ungeprüft in ihr schwarz oder „liberal“ geprägtes Weltbild einordnen. Denn wer sich gegen staatliche Entscheidungen stellt, ist für sie per se ein Undemokrat. Prügelnde Polizisten, faule Staatsanwälte, Corpsgeist bei der Polizei, mangelnder Mut bei den Richtern, die Fälle gern schnell vom Tisch haben wollen, kommen in ihrem einfach gestrickten Weltbild nicht vor.

Doch die Realität ist differenzierter, und so wie es unter den lieben Kollegen brillante Denker, unabhängige und korrupte, kluge Journalisten und naive Hofschranzen gibt, gibt es auch bei der Polizei, bei den Politikern und in der Justiz Menschen, die ihren Beruf gut oder jenseits aller christlichen Moral ausüben.

Während die bezahlten Leserbriefschreiber – die DB hat das ja schon einmal praktiziert – die Demonstranten diffamieren und dieser lächerliche Bahnhofsentwurf allen Ernstes darüber entscheiden soll, ob Baden-Württemberg noch eine Zukunft hat oder im Handstreich von Schweizern und Elsässern annektiert wird, weil ohne U-Bahnhof die blühenden Landschaften jäh veröden, kommen immer mehr Details ans Licht. Zum Beispiel, wie brutal und unmenschlich die Polizei vorging. Hier beschreibt nicht nur der ältere Mann mit dem herausgeschossenen Auge, wie er gezielt vom Wasserwerfer beschossen wurde. Auch ein anderer berichtet, wie die Demonstranten in die Enge getrieben wurden und wie man einen etwa 70-Jährigen maltraitierte.

Das sind reichlich Rücktrittsgründe für Rech und den Polizeipräsidenten, aber heutzutage tritt man nicht mehr zurück. Moral, Gewissen und Ehrlichkeit gehören in der pseudo-christlichen, offenbar vom Teufel gerittenen Partei des himmlischen Friedens nicht mehr zum Programm. Wer Macht hat, nutzt sie grenzenlos aus. Persönlich lohnt es sich ja immer. Leider gibt es immer noch genug Dumme, die solche, mit hoher krimineller Energie ausgestattete Politikdarsteller wählen. Vielleicht auch, weil sie vor der Wahl ja ganz anders sind als danach. Ich habe da so meine Erfahrungen.

Tunnelrettung braucht halt Zeit

Heute blieb mal wieder ein ICE im Tunnel stecken. Es dauerte vier Stunden, bis die Passagiere evakuiert waren. Im August waren es immerhin nur etwa dreieinhalb Stunden. Auch wenn ich mich wiederhole: Wer einen Hauptbahnhof rundum zwischen Tunnel setzt, ist nicht klar im Kopf.

Sollte Stuttgart 21 je fertiggebaut werden, wird das ein Nadelöhr und ein laufendes Ärgernis für die vielen Pendler sein. Denn ein störungsanfälligeres System kann man gar nicht bauen. Aber das ist solchen Leuten wie Grube egal. Es geht ja schließlich nur um das Immobilienprojekt. Und sonst nichts.

Oder doch? Hand aufs Herz: Eigentlich geht es doch nur darum, hinter dem Bahnhof eine Menge Parkhäuser zu bauen, damit die von den S21-Bauarbeiten und zusammenbrechenden RE- und S-Bahnsystemen entnervten Pendler auf das Auto umsteigen können. So hend älle eppes davo.

Wer das Leben liebt, kommt nach Stuttgart 21 sowieso nicht mit der Bahn.

Ein Kommentar

 
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