Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Hörsehen mit Phoenix

22.10.10 (Bahnhöfe, Deutschland, Eisenbahn)

Es war eine gute Idee, die „Schlichtungsgespräche“ im Fernsehen zu übertragen. Denn so sieht man einmal live und ohne den Filter eisenbahntechnisch gänzlich unbeleckter Politikjournalisten, wie Gegner und Befürworter argumentieren. Interessant das Mienenspiel von Verkehrsministerin Tanja Gönner, die mal als Musterschülerin, dann wieder als verhinderte Moderatorin zeigt, dass eigentlich sie die Diskussion zu führen gedenkt, doch leider von Heiner Geißler daran gehindert wird. Im Gesicht von Ministerpräsident Mappus lese ich ab, dass er sehr oft nicht versteht, worum es überhaupt geht. Und nur selten erhellt sich die Miene, wenn er offensichtlich etwas verstanden hat. Eine tragische Figur.

Sieht man von den dutzendfach gesendeten und teilweise überholten Animationen ab, nutzt Phoenix die Möglichkeiten des Fernsehens nicht. Die Powerpoint-Projektion im Hellen wird kaum lesbar von den Fernsehkameras erfasst. Erklärungen zu einzelnen Bahnstrecken, die kaum jemand einordnen kann, werden nicht von Grafiken und Karten unterlegt. Fernsehen basiert aber auf Bildern, und die sind bei diesem hochkomplexen Thema unbedingt notwendig, um Redebeiträge transparent zu machen. Da besteht dringender Nachholbedarf.

Manche Diskussionen gleiten völlig ab. Etwa die, dass die leichten Güterzüge bis 1000 Tonnen die alte Strecke nach Ulm entlasten. Es gibt praktisch keine leichten Güterzüge und wird auch keine geben. Aus dem einfachen Grund, weil mehr Güterverkehr längere Züge bedeutet und die Bahnen kein Interesse haben, viele kurze Züge zu fahren. Denn jeder kurze Zug bräuchte eine Lok und einen Lokführer. Das ist unwirtschaftlich.

Manchmal würde der gesunde Menschenverstand schon helfen, um solche Nebenthemen abzukürzen. Denn eigentlich geht es um den Sinn des U-Bahnhofs, und der ist nicht erkennbar.

Was ist mit den Pendlerzügen, die ja tatsächlich alle zwischen Stuttgart Hbf und einem anderen Bahnhof den ganzen Tag pendeln? Wie wirken sie sich auf die Kapazität des Durchgangsbahnhof aus, wenn der Zug im U-Bahnhof wendet und nicht einfach weiterfährt. Hat das schon mal jemand thematisiert? Ich kann mich nicht erinnern.

Der Sachverständige der Bahn Christian Becker behauptet jedenfalls, die Züge würden im U-Bahnhof niemals wenden. Das ist Unsinn, denn so müssten Züge, um die wenigen Bahnsteiggleise frei zu bekommen, einfach irgendwohin weiterfahren, um dann außerhalb der Tunnelstrecken zu wenden oder einen Kreisverkehr zu fahren. Das würde völlig neue Zuggfahrten und -relationen bedeuten. Mit anderen Worten: Der neue U-Bahnhof würde einen völlig neuen Fahrplan und die Neuordnung zumindest des ganzen Schienenverkehrs in Baden-Württemberg bedeuten. Dafür besteht dummerweise kein Bedarf.

Man plant einen neuen Verkehr um einen neuen Bahnhof herum, damit der einen Sinn hat. Ich bin „begeistert“ von der allgegenwärtigen Inkompetenz der Planer, speziell bei der Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg. Deren kurioses Konzept der durchgebundenen Regionalzüge, die niemand braucht, ist jetzt online.

Zum Abschluss meine ich: Geißler hat souverän gute Arbeit geleistet. Die Planer und Befürworter machten in der Summe eine schlechte Figur, allen voran die wortreich, aber inhaltlich eher hohlen Argumentationen der Verkehrsministerin Gönner mit einem extrem hohen Nerv-Faktor. Klar wurde auch, dass Detailplanungen zu den Fahrplänen und Kapazitäten nicht vorliegen und erst einmal drauflos gebaut werden soll. Zugfolgen-Annahmen von 1,2 Minuten sind jenseits jeder möglichen Praxis. S21 benötigt offensichtlich einen Fahrplan, der sekundengenau eingehalten wird.

Äußerst gut informiert war Tübingens OB Palmer, ebenso die Planer und Gutachter aus dem Lager der S21-Gegner.

In der Summe hat sich die Pro21-Fraktion blamiert. Gönners Plädoyer, gegen die Offenlegung von Daten und Planungen zu „werben“, war ein missglückter Versuch zu verhindern, dass das Kartenhaus S21 vorzeitig zusammenbricht.

Den meisten Applaus verdiente sich der Bahnkundenvertreter aus der Schweiz, der sehr irritiert über die deutsche Vorgehensweise bei S21 war. „Bei uns ermittelt man den Bedarf, plant und baut dann, was man braucht“, sagte er sinngemäß.

Stuttgart 21 ist dagegen ein Immobilienprojekt, das man mit etwas verkehrsplanerischem Drumherum zu einem Jahrhundertbauwerk hochstilisiert hat. Nun muss man den Verkehr erfinden, der dem geplanten Untergrundbahnhof Sinn gibt.

Dümmer geht’s nimmer.

 
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