Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

2013 England, dann die ganze Welt

19.10.10 (Belgien, Deutschland, Eisenbahn, Europa, Fernverkehr, Frankreich, Großbritannien, Personenverkehr, Triebwagen)

Die Werbe- und Getöseabteilung des Bundesministers für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (!), ehemals die Presseabteilung, gibt brüllt bekannt:

Nach den erfolgreichen Tests im Kanaltunnel am Wochenende hat Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer heute gemeinsam mit der britischen Verkehrsstaatssekretärin Theresa Villiers und dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bahn AG, Rüdiger Grube, an der erstmaligen Präsentation eines ICE 3 im Londoner Bahnhof St. Pancras teilgenommen. Die Aufnahme des regelmäßigen ICE-Verkehrs zwischen Frankfurt, Köln und London ist für den Fahrplanwechsel im Dezember 2013 vorgesehen.

Ramsauer: „Die geplante ICE-Verbindung zwischen Frankfurt, Köln und London wäre ein gewaltiger Fortschritt für den europäischen Zugverkehr. Davon würde die wirtschaftliche Entwicklung der drei Metropolen enorm profitieren. Mit der Einführung könnten Geschäftsleute und Touristen gleichermaßen eine äußerst attraktive und klimafreundliche Verbindung zwischen Main, Rhein und Themse nutzen.“

Will heißen: Weil endlich ein paar DB-Züge zwischen Frankfurt, Köln und London fahren, ist mit einem exorbitanten Wachstum dieser Metropolen zu rechnen, das sich signifikant auf die Fahrgastzahlen im internationalen Verkehr auswirken wird. Geschäftsleute konnten zwar schon bisher über Brüssel diese Verbindung mit der DB-Beteiligung Thalys und dem feindlichen Eurostar nutzen. Doch schon heute lungerten bereits die ersten Bisinessmen im Hbf Köln herum, um endlich mit der Deutschen Bahn nach London fahren zu können. „So können wir unsere Hedgefonds noch schneller koordinieren und die Optionsscheine direkt bei der Börse in London in bar einlösen“, hörte ich jemand im Vorbeigehen sagen. Auf mehreren Bahnsteigen waren begeisterte Geschäftsleute zu sehen, die in der einen Hand ein Kölsch hielten und mit der anderen Hand die deutsche Fahne und den Union Jack schwenkten. Der dritte Jahrestag der geplanten friedlichen Übernahme der britischen Hochgeschwindigkeitsstrecke HS1 durch DB International soll gebührend gefeiert werden, wenn die EONDaimlerDB AG und ihre neue Vorstandsvorsitzende Merkel 2013 die Bundesregierung übernommen haben. „Die deutsche Demokratie hat die Wirtschaft nicht weiter gebracht, deshalb werde ich sie mit Herrn Wulff auch formal abschaffen“, ist aus Merkels Umfeld zu hören. „Ich bin immer für Ehrlichkeit und gemeinsame Lösungen gewesen“, wird Merkel weiter zitiert. „Statt undurchsichtigem Lobbyismus haben wir so den direkten Zugriff auf die Regierung und können mehr für die Wirtschaft tun. Mit den Menschen, die die CDU gewählt haben, konnte ich sowieso nichts anfangen.“

Am Wochenende hatten in Zusammenarbeit mit dem Eurotunnel-Betreiber und unter der Aufsicht der Sicherheitsbehörden Evakuierungsübungen mit dem ICE stattgefunden. Die Züge fuhren meines Wissens nicht mit eigener Kraft, sondern wurden von einer Lok geschleppt.

Mit dieser historischen Zugfahrt rücken Deutschland und Großbritannien künftig näher zusammen. Der erste Meilenstein auf dem Weg zu einer regelmäßigen ICE-Direktverbindung ab 2013 ist vollbracht. (Anmerkung: Meilensteine kann man nicht vollbringen. Da muss den Werbeabteilungen was bei der Suche nach Superlativen durchgegangen sein. Hat wohl niemand gegengelesen in der Begeisterung.) Durch die konsequente Nutzung der Möglichkeiten des liberalisierten europäischen Schienenverkehrsmarkts bieten wir unseren Kunden echte Alternativen zum Flugverkehr“, erklärte Rüdiger Grube, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn AG.

Will heißen: Großbritannien war seit dem 2. Weltkrieg völlig von Deutschland abgeschnitten und wird endlich erfahren, wie nun deutsche Fahrplanpräzision auf der Insel einkehrt.

Investitionen in den innerdeutschen Fernverkehr müssen leider wegen des Kampfs um Marktanteile am Flugverkehr um einige Jahre verschoben werden, zumal sich die Auslandsinvestitionen der DB laut „Panorama“ in keinem Falls ausgezahlt und nicht einmal die Zinsen erwirtschaftet haben. Sollte es nicht gelingen, den Fluggesellschaften erhebliche Marktanteile abzujagen, strebt die DB International unter bewährter Leitung von ehemaligen Daimler-Mitarbeitern wie Niko Warbanoff* Übernahmeverhandlungen mit Ryanair an, da dort bereits erfolgreich ein Servicekonzept eingeführt wurde, das bei der Deutschen Bahn erst ansatzweise verwirklicht werden konnte: Toilettengebühren, Buchungs- und Gepäckgebühren, kein Service beim Flug, keine Sitzplatzgarantie und die Überlegung, Stehplätze einzuführen, um das finanzielle Ergebnis weiter zu verbessern.

Weitere Zulassungsschritte folgen in den kommenden Monaten. Ab Dezember 2013 sollen täglich drei Zugpaare (Hin- und Rückfahrten) zwischen Frankfurt und London über Köln, Brüssel und Lille verkehren. Die Fahrtzeit von Köln nach London soll bei unter vier Stunden liegen, von Frankfurt nach London bei knapp über fünf Stunden. Außerdem sind Verbindungen von Amsterdam über Rotterdam und Brüssel nach London vorgesehen. Nederlandse Spoorwegen, pass auf!

Will heißen: Die Deutsche Bahn investiert massiv in den Auslandsverkehr, weil deutsche Kunden zu anspruchsvoll sind, in Deutschland viel zu viele Züge fahren müssen, was nur eine Menge Arbeit macht, aber nichts bringt. „Mit geringem Kapitaleinsatz holen wir so das Maximale für unsere Shareholder und Vorstände heraus“, könnte Grube gesagt haben. Und vielleicht auch das: Die Anteile im Kernmarkt Deutschland sinken aufgrund des Investitionsstopps in Fahrzeuge und Bahnhöfe sowie wegen unverhergesehener Belastungen durch Stuttgart 21 erwartungsgemäß und werden als vernachlässigbar eingestuft. Die nicht ausreichend ergebniswirksame Sparte DB Fernverkehr wird nach und nach abgestoßen. Wie aus Fachkreisen zu hören ist, laufen bereits Sondierungsgespräche mit der SBB und der chinesischen CNR. „Die verstehen einfach mehr von Bahnsystemen, da geben wir den deutschen Schienenfernverkehrsmarkt lieber auf und fördern unsere neuen Fernbusse“, könnte Grube gesagt haben.

* Niko Warbanoff ist seit Mai 2009 bei der DB AG und hat dort die Aufarbeitung der Datenaffäre sowie den Aufbau des neuen Vorstandsressorts Compliance, Datenschutz, Recht und Konzernsicherheit maßgeblich vorangetrieben. Zuvor war der Wirtschaftsingenieur knapp 10 Jahre bei der Daimler AG in zahlreichen leitenden Positionen, unter anderem in Großbritannien, Frankreich, USA und Asien tätig. Die Deutsche Bahn AG will durch den Aufbau eines neuen Bereichs Internationale Geschäftsentwicklung“ ihre internationalen Aktivitäten außerhalb der Kernmärkte Europas besser koordinieren. Der neue Bereich unter Leitung von Niko Warbanoff wird beim Vorstandsvorsitzenden Dr. Rüdiger Grube angesiedelt. (Wikipedia:) Grube war Vertrauter von Jürgen Schrempp und mit diesem Vertreter der heute stark kritisierten und wieder beendeten „Welt-AG“ bei Daimler. Er hat den Zusammenschluss mit Chrysler wie auch die Beteiligung an Mitsubishi vorbereitet, betrieben und verteidigt. Es wurde allgemein erwartet, dass er wegen dieser Vergangenheit mit Schrempp ebenfalls den Konzern verlässt; dies war jedoch nicht der Fall: Er führt als Verantwortlicher für die Konzernentwicklung die Trennungen von Mitsubishi und Chrysler durch.

DB International GmbH ist ein Unternehmen der DB Mobility Logistics AG, arbeitet laut eigener Darstellung aktuell in Projekten in über 35 Ländern und soll nach anderen Informationen sogar in 100 Ländern aktiv sein.

2 Kommentare

  • 1
    Tweets that mention 2013 England, dann die ganze Welt /// Railomotive -- Topsy.com:

    […] This post was mentioned on Twitter by Rainer and Friedhelm Weidelich, Friedhelm Weidelich. Friedhelm Weidelich said: Neues zu internationalen DB-Zügen: http://bit.ly/bzenWz #bahn #s21 😉 […]

  • 2
    Matthias Knezy-Bohm:

    Ich war dieses Wochenende in Genua bei den Feiern im Zusammenhang mit dem Durchstich des Gotthardt Basistunnels. Eigentlich wollte ich ja von Norddeutschland nach Genua mit dem Zug reisen. Aber auf der Homepage der DB war es nicht möglich Online ein Ticket zu ordern, geschweige denn einen Preis zu erfahren. Also bin ich geflogen. Das hat wunderbar geklappt und in der im Flieger kostenlos verteilten Zeitung Corriere della Sera habe ich einen interessanten Artikel über den ICE in London gelesen. Mal abgesehen, dass in diesem Artikel darauf hingewiesen wurde, dass ein deutscher Zug in London wohl der Wunschtraum Hitlers gewesen wäre (so habe ich das wenigstens verstanden), wurde in dem Artikel auch erwähnt, dass die SNCF nicht erfreut über den Vorstoss der DB ist. Und auf lange Sicht könnte der Vorstoss (gewagte Wortwahl) nach London auch zum heftigen Eigentor für die DB werden. Jetzt überlegt sich die SNCF vielleicht einen schnellen Zug nach Berlin oder als Thalys Anschluss von Köln nach Hamburg. Für den Kunden eine optimale Aussicht; Konkurrenz belebt das Geschäft. Aber ob die DB im Bahnbereich Inland auch nur ansatzweise konkurrenzfähig ist, das wage ich ernsthaft zu bezweifeln…
    MKB

 
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