Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

ICE fahren auf Russisch – pünktlich

02.11.10 (Bahnhöfe, Fernverkehr, Hochgeschwindigkeitszüge, Personenverkehr, Russland, Triebwagen, Unterwegs – Erfahrungen)

Der schnellste Zug der Russischen Eisenbahn unter einem frei schwebenden Bahnsteigdach

Es ist Punkt 13 Uhr, als der Sapsan, der Wanderfalke, mit seinem 10-Wagen-Zug Moskaus Leningrader Bahnhof verlässt. Pünktlich, mit dem Ziel St. Petersburg. EWS2-02 ist die Betriebsnummer des Zweisystemzugs, der hier mit 3 kV fährt. Junge Damen und einzelne Herren in grauer RŽD-Uniform mit roten Streifen und blauen Mänteln, die auch kalten Winterstürmen trotzen, haben beim Einsteigen die Fahrscheine per Lesegerät erfasst. Reservierte Plätze sind im Preis enthalten. 4581,70 Rubel, gut 106 Euro, kostet die Fahrt 1. Klasse um diese Nachmittagszeit. Zu Spitzenzeiten steigt der Preis auf 6400,80 Rubel. Die Fahrt in der 2. Klasse, mit Stoffsitzen und Blumenarrangements auf den Tischen, ist jeweils nur halb so teuer.

Zwischen den Ledersitzen der ersten Klasse liegen Pantoffeln bereit, wie man sie in guten Hotels findet. Wer mit Stiefeln kommt, soll sie ausziehen können, denn die 650 km lange Fahrt wird mit vier Zwischenstationen vierdreiviertel Stunden dauern. Ohne Halt bewältigt der Sapsan die Strecke morgens und abends auch in 3 Stunden, 55 Minuten.

Prellbock oder Prellstange?

Prellbock oder Prellstange?

Wagen 10 am Ende des Sapsan im Moskauer Leningrader Bahnhof

Pantoffel liegen zur Entspannung der erstklassigen Reisenden bereit

Pantoffeln für erstklassige Fahrgäste

Man denkt praktisch in Russland: Schuhputzmaschine in der 2. Klasse

Für das Gepäck ist reichlich Platz am Ende des Abteils, mehr als ein Quadratmeter Fläche bietet sich zum Stapeln von Koffern an. Rechts ist Platz für die beiden Servierwagen nach Art des Flugverkehrs und Getränke.

Da passt was hin

Russische Zugbegleiterinnen sind schlank

Die bildhübsche Schaffnerin kontrolliert noch einmal die Fahrscheine und nimmt den Durchschlag an sich, während der Zug über die Weichen schaukelt. Es ist keine echte Hochgeschwindigkeitsstrecke, sondern ein ganz normales Breitspurgleis mit 1520 mm Spurweite, das aus Moskau herausführt. Und doch erlebe ich keine stärkeren Stöße und Querbeschleunigungen als in unserem deutschen ICE, der außen ein wenig schmäler ist, innen aber ähnlich aufgebaut ist. Der russische Zug, in Krefeld-Uerdingen von Siemens gebaut, hat dickere Isolierschichten und ist für Temperaturen von – 50° bis + 40° Celsius geeignet.

Bald wird der Klapptisch von der Schaffnerin mit einem Papiertuch gedeckt, denn nun gibt es Getränke nach Wahl und einen Imbiss auf einem flugzeugkompatiblen Tablett. Auf den Bildschirm an der Decke laufen zunächst Comics nach Art des Dschungelbuchs, dann ein Film über den Sapsan und die Gefahren des Eisenbahnbetriebs. Nicht ohne Grund, denn in Russland werden Gleise gern als Abkürzung überquert. Es gibt sogar Straßenteile, die vor der Schranke schräg gestellt werden, damit niemand den Bahnübergang überfahren kann. Weil der Sapsan bis zu 250 km/h schnell und kaum zu hören ist, werden Bahnübergänge bereits eine Viertelstunde vor Durchfahrt geschlossen und mit Toren verriegelt, erfahre ich. Das fördert nicht gerade die Akzeptanz des Sapsan auf dem Lande, und so wird der Zug auch mal mit Steinen beworfen. Risse in einer Scheibe unseres Zugs belegen das.

Typisch russische Häuser fliegen vorbei

Birken und Moore bestimmen das Bild, doch meist ist die Landschaft trister als hier

Tempo auf dem letzten Streckenabschnitt, abwechselnd in Englisch und Russisch

Wo die Armut wohnt

Der Führerstand ist mit zwei Lokführern in Uniform besetzt. Es ist ihnen bei Strafe verboten, jemand auf den Führerstand zu lassen. Die Eisenbahn ist immer noch militärisch-hierarchisch organisiert, erzählen mehrere der mitreisenden Siemens-Mitarbeiter. Die Lokführer lassen sich nicht ablenken, ihr Blick gilt dem Gleis und einem Monitor, der die Umgebung hinter dem Zug zeigt. An den ländlichen Hochbahnsteigen aus Beton fährt der Sapsan nach mehreren Warnsignalen vorbei, die Wartenden und Bahnarbeiter treten so weit wie möglich zurück.

Gegenzug mit hochbauender Lok und stabilen Schnellzugwagen

Der Gleisbauzug hat uns auf das linke Gleis gebracht. Rechts ein typischer Hochbahnsteig

Erinnerungsfotos von stolzen Fahrgästen sind in St. Petersburg der Normalfall

Überwacht wird der Zug von einem russischen System, das über Antennen zwischen den Schwellen und per Funk Kontakt zwischen lokalen Stellwerken und Lokführer hält. Der Zug, das merkt man, genießt höchste Priorität. Eine Art Paradepferd der RŽD.

Die Geschwindigkeitsanzeige liegt oft bei 120 bis 199 km/h und steigt bis 242 km/h auf der schnurgeraden Strecke. Nach dem vierten Unterwegshalt in Okulovka sorgen Gleisbauarbeiten dafür, dass der Zug nur mit 60 bis 80 km/h vorankommt. Neben den Kleinstädten, an denen der Zug hielt, waren nur Moore, kleine Seen und Birkenwälder zu sehen. Dazwischen kleine Dörfer mit zum Teil erbärmlichen schwarzen Holzhäusern, windschiefen Hütten und ab und zu einer Kirche. Wovon leben die Leute hier? Welche Armut muss hier herrschen?

Angekommen. Ankunft 17:45, Moskva "Sapsan"

Wartehalle mit der Pracht aus vergangener Zeit

Pünktlich, eine Minute vor Plan, erreicht der Sapsan den Moskauer Bahnhof von Sankt Petersburg. Immer wieder bauen sich Reisende vor der Zugspitze auf, um die Fahrt per Digitalkamera und Handykamera zu dokumentieren. Man ist stolz auf diesen neuen Hochgeschwindigkeitszug. Der Siemens-Hightech-Zug ist ein Botschafter aus der Zukunft. Ein Zeitsprung von ein paar Jahrzehnten gegenüber der guten, alten russischen Eisenbahn, die noch allerorten präsent ist.

Begegnung gegen Mitternacht (Fotos: Friedhelm Weidelich)

Doch das Wichtigste ist: Der Sapsan war pünktlich. Wie immer.

Um 24 Uhr wird uns der letzte Zug ins Instandhaltungswerk mitnehmen.

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