Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Siemens: Vorausschauende Wartung verhindert Zugausfälle

14.11.10 (Bahnindustrie, Eisenbahn, Fernverkehr, Hochgeschwindigkeitszüge, Innovationen, Personenverkehr, Russland, Triebwagen)

Platz für drei 250 m lange Sapsan-Züge hat die Wartungshalle bei St. Petersburg

Reaktive Wartung ist von gestern, proaktiver Service und vorausschauende Wartung sind heute angesagt und sorgen für eine hervorragende Verfügbarkeit der Züge. Das war die Botschaft, die Siemens wohl den Besuchern des Instandhaltungswerks Metallostroy, südöstlich von St. Petersburg, vermitteln wollte. Unausgesprochen klang auch mit: Seht her, in Russland fahren die ICE zuverlässig, weil wir die Wartung machen dürfen.

Seit dem 17. Dezember 2009 verkehren acht zehnteilige Siemens-Züge des Typs Velaro RUS „Sapsan“ (Wanderfalke) mit bis zu 250 km/h zwischen Moskau und St. Petersburg (650 km). Seit Ende Juli 2010 bedienen sie auch einzelne Verbindungen von St. Petersburg über Moskau nach Nischni Nowgorod (460 km). Siemens trägt für diese in Krefeld gebauten Züge der Russischen Eisenbahn RŽD auf 1520 mm Spurweite, die für Temperaturen von – 50° C bis + 40° C ausgelegt und vom ICE3 abgeleitet sind, 30 Jahre lang die volle Verantwortung. Der Wartungsvertrag sieht eine Verfügbarkeit der Hochgeschwindigkeitszüge von 98 % vor. „Realität sind heute schon 99 %“, berichtete Johannes Emmelheinz, Chef des Bereichs Integrated Services bei Siemens Mobility, bei der nächtlichen Besichtigung des Instandhaltungswerks Metallostroy.

Messen, testen, protokollieren sind Routine bei der Wartung

Hier wurden bereits vor dem Planbetrieb die Züge aus Krefeld-Uerdingen von Mitarbeitern des Siemens Prüf- und Validationcenter eingemessen (Bremswege, Verzögerung, Druck, Temperatur) und im Detail überprüft.

Dem Werk ist ein Servicebereich der RŽD vorgeschaltet, wo die Züge gereinigt, Toiletten geleert und Frischwasser aufgefüllt werden. Die farbenfrohe Halle bietet Platz für drei Züge und akkubetriebene Rangierlokomotiven. In einem „Charter Rail“ genannten Konzept arbeiten Mitarbeiter von Siemens und der RŽD bei der Wartung eng zusammen.

Mit einem Kärtchen mit RFID-Chip identifiziert sich der Mitarbeiter und kündigt damit der Wartungszentrale an, dass er unter dem Zug arbeiten will

Für lange Stand- und Reparaturzeiten ist auch beim Sapsan, wie in Deutschland bei den DB-ICE, keine Zeit. „Es gibt keine Ersatzzüge mehr, die Züge müssen jeden Morgen raus“, betonte Emmelheinz. Damit kein Zug ausfällt, setzt Siemens auf eine regelmäßige Funkübertragung von Diagnosedaten aus den Zügen in die eigene Diagnosedatenbank auf dem Diagnoseserver, so Johann Kogler, verantwortlich für die Service Innovation. Das sind zum Beispiel die Daten von zwei Dutzend Sensoren an den Drehgestellen, die genaue Auskunft über den Betriebszustand geben. Aber auch Störmeldungen und so harmlos erscheinende Informationen wie der Strombedarf beim Öffnen und Schließen der Türen werden laufend erfasst und übermittelt. Denn wenn der Strom gewisse Erfahrungswerte übersteigt, kündigt sich ein Defekt an. In der Werkstatt wird die Tür untersucht und die Fehlerquelle beseitigt, bevor sie ihren Dienst versagt und den Zug betriebsunfähig macht. Manchmal ist es nur ein wenig Fett, das die Tür gängig erhält.

Aufgaben werden an Monitoren angezeigt

Durch Trendanalysen sowie die Auswertung und Verknüpfung von Daten (das sogenannte Data Mining) werden Fehlerquellen früh erkannt und Wartungsarbeiten mit dem Computerized Maintenance Management System (CMMS) geplant, durchgeführt und überwacht.

Über Monitore mit Touch-Display und PDAs werden Arbeiten als erledigt gemeldet

Die Diagnosesysteme, zum Beispiel Calipri Wheel von NextSense, ein österreichisches Verschleißprüfungssystem, und das kontaktlose Radsatzvermessungssystem Hegenscheidt Argus, kontrollieren im blitzblanken Instandhaltungswerk Metallostroy unter anderem den Zustand der Radsätze. Ganz in der Nähe stehen Instandhaltungswerkzeuge, wie eine Unterflurdrehbank von Hegenscheidt.

Radsatzwechsel-Einheit

Radsatzwechseleinrichtungen sind auf jedem der drei rund 300 m langen Wartungsgleise eingebaut. Ultraschallanlagen, Radsatzpresse, Informations- und Lagertechnik stammen aus Deutschland. Drehgestelle können über Drehgestellsenken binnen drei bis vier Stunden gewechselt werden. Ein Depot-Kontrollsystem gibt klare Arbeitsaufträge an die Mitarbeiter und sorgt für ihre Sicherheit. Verschiedene Mechanismen verhindern, dass sich ein Zug bewegt, solange Mitarbeiter in der Untersuchungsgrube sind.

3000 Volt-Stromversorgungskabel zum Arbeiten ohne Oberleitung

Mobile 3 kV-Spannungsversorgungen erlauben Arbeiten auch ohne Oberleitungen. Erledigte Arbeiten und Materialentnahmen im Lager werden an Terminals und über PDA an das CMMS übermittelt.

Die Klauenkupplung wird nur zum Rangieren benötigt

RŽD und Siemens arbeiten bei dem Charter Rail genannten Konzept auch bei der Materialhaltung eng zusammen. In der Werkstatt arbeiten russische und deutsche Mitarbeiter im Schichtbetrieb rund um die Uhr, sagte Brigitte Baumann, Projektleiterin der Instandhaltung Velaro RUS.

Akku-Rangiergerät von Neuero  (Fotos: Friedhelm Weidelich)

Ein RŽD-Mitarbeiter zeigte sich sehr zufrieden mit der Zusammenarbeit mit Siemens und der über 99-prozentigen Einhaltung des Fahrplans. 99,4 % der Züge hätten das Ziel jeweils pünktlich erreicht. Auch bei der vier-dreiviertelstündigen Fahrt von Moskau mit vier Halten bis St. Petersburg war der Zug trotz Baustellen und Geschwindigkeiten zwischen 80 und 242 km/h auf die Minute pünktlich. Der Sapsan ist sehr populär und war von Anfang an zu 85 % ausgelastet. Momentan hat er bereits 1,5 Millionen Fahrgäste befördert. Der Sapsan befördert bereits 48 % aller Reisenden zwischen Moskau und St. Petersburg, den heutigen und früheren russischen Hauptstädten, der Flugverkehr nur 23 %.

Men at work im blitzblanken Werk

Firmenschild auch auf Russisch

2 Kommentare

  • 1
    Jörg Hohbein:

    Vielen Dank für das zwischen den Zeilen stehende Lob zur Werkstatthalle. Aber die Fremdeinspeisungen (hier „mobile Spannungsversorgungen“ genannt) liefern nicht 3.000 V sondern 380 V, resp. 110 V für die Batterieladung.

    Freundliche Grüße
    Jörg Hohbein

  • 2
    Petzold:

    Sehr geehrte Damen und Herren,

    mich interessiert, wie die Drehgestelle des Sapsan im Winterbetrieb
    – gegen Vereisung geschützt
    – vor der Wartung von Schnee und Eis befreit werden

    Wäre es möglich, mir (allgemeine) Informationen zum Thema „Enteisung von Drehgestellen am Sapsan“, möglichst mit einer (oder mehreren) Abbildungen von vereisten Drehgestellen zukommen zu lassen? Ich interssiere mich auch für Informationen zum Thema „Graffiti und Graffitischutz (am Sapsan)“ Gibt es auch dafür (allgemeine) Informationen, die Sie mir zukommen lassen könn(t)en?

    Für Ihre Bemühungen bedanke ich mich im voraus.

    Mit freundlichen Grüßen

    W.Petzold

 
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