Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Stuttgart 21: Erst wenn der letzte Schienennagel…

13.11.10 (Bahnhöfe, Deutschland, Eisenbahn, Personenverkehr, Straßenverkehr, Verkehrspolitik)

Bei Stuttgart 21 dreht sich alles um „Zukunft“. Politiker, Baulöwen und Unternehmer kämpfen mit leeren Worten für städtebauliche Chancen, die Anbindung an irgendwelche fiktiven Magistralen und für die „Zukunft von Bade-Wirddeberg“.

Sie reden von einer sehr weit entfernten Zukunft, die sie nicht mehr erleben werden.

Gestern nur am Rande erwähnt und kaum zur Kenntnis genommen wurde, dass Stuttgart 21 erst dann in Betrieb gehen kann, „wenn der letzte Schienennagel eingeschlagen ist“. Gut, Schienennägel gibt es in den USA, nicht bei uns. Aber trotzdem stimmt:

Erst wenn jeder Tunnel, die Neubaustrecke und alle vier neuen Bahnhöfe gebaut und betriebsfertig sind, kann S21 in Betrieb genommen werden.

Das ist, nach allem, was wir über Großprojekte wissen, frühestens 2035. Denn auch die allerbesten Ingenieure und Planer, die ihr hervorragendes Können ja in den Schlichtungen eindrucksvoll bewiesen haben, sind keine Hellseher. Und viele davon bis dahin längst in Rente oder unter der Erde wie ihr Bahnhof. Sargnägel statt Schienennägel.

Was hat das Schienennagel-Zitat noch für Folgen?

  • Wir haben jetzt einen Hauptbahnhof, der 15 Jahre nicht mehr gepflegt und gewartet wurde.
  • Der alte Hauptbahnhof muss noch mindestens 20 Jahre einwandfrei funktionieren.
  • Dafür muss in ihn reichlich investiert werden: Austausch von Weichen und Gleisen, Sanierung der Baustruktur, Verschiebung der Bahnsteige um 100 m weg vom jetzigen Bahnhof.

Erst wenn die Tunnel und Bahnhöfe gebaut sind, kann mit dem Abräumen der alten Gleise begonnen werden. Rechnen wir mal mit wenigstens 5 Jahren. Mindestens so lange hat der Abbau des viel kleineren Düsseldorfer Rangierbahnhofs gedauert, auf dem nun die ersten Häuserzeilen stehen.

Es ist bekannt, dass das Gleisvorfeld mit schädlichen Stoffen belastet ist. Früher nahm man eben karbolineumbehandelte Schwellen und ließ Öl in den Boden sickern. Das heißt, dass 100 ha Boden abgetragen und ausgetauscht werden müssen. Sagen wir mal: 3 Jahre und 60.000 Lkw-Ladungen. Mit den Planungen für Neubauten kann erst begonnen werden, wenn die Grundstücke verkauft sind. Die gähnende Leere neben dem Library-Knast spricht schon heute nicht für eine heftige Nachfrage nach Baugrund. Und zwischen Kauf und Baubeginn liegen mindestens 3 Jahre. Kein vernünftiger Investor wird sich deshalb heute schon festlegen, dass er ab 2035 in Stuttgart Baugrund erwerben wolle. Weil er in 25 Jahren schon in Rente oder tot ist.

Der Zeitplan für Stuttgart 21, mit Lebenserfahrung und nicht irgendwelchen Wunschterminen erstellt:

  • 2012 Ende der Verschiebung der Bahnhofsgleise
  • 2013 Baubeginn des neuen Tiefbahnhofs („U-Bahnhof“)
  • 2015 Ende der Planfeststellungsverfahren für die Neubaustrecke
  • 2016 Wegen Grundwasserabsenkung erste Birken im Schloßgarten
  • 2017 weitere Verzögerungen bei 66 km Tunnel
  • 2018 Fertigstellung des U-Bahnhof-Rohbaus. Aus Kostengründen und wegen unerwarteter statischer Probleme wurden die bereits verkleinerten Lichtaugen durch eine 2 Meter dicke Betondecke ersetzt und der Bahnhof auf 4 Gleise reduziert
  • 2018 Neuplanung von Tunnelstrecke wegen geologischer Probleme, Planfeststellungsverfahren etc. pp.
  • 2019 Grundstücke für Neubaustrecke und neuen Abstellbahnhof können nicht durchgängig erworben werden, gerichtliche Auseinandersetzungen
  • 2020 Birkenallergiker verlassen die Stadt
  • 2021 Verzögerungen, weil Stuttgarter Hausbesitzer Tunneln nicht zustimmen wollen
  • 2021 500. Montagsdemonstration. Grüne, Ökosoziale und Wählergruppe „Schwabenpower gegen Lobbyistenlisten“ (SL) enthüllen Gedenktafel für Stuttgarter Widerstand vor dem Landtag. Stuttgart hat als künstlerischer und kultureller Schmelztigel Berlin abgelöst. Wohnraum in der verfallenden Innenstadt ist billig, viele Wohnungen stehen leer
  • 2022 Stadt Stuttgart verliert wegen Überschuldung kommunale Finanzhoheit und wird von der grünen Landesregierung überwacht
  • 2022 Eine Medienkampagne der LBBW und der Oettinger ECE AG (2,2 Mrd. Euro) versucht den Stuttgartern erneut den Sinn des neuen Bahnhofs zu vermitteln. Motto: Das gute Herzle in der Schwabenmetropole (alternativ: Der süße Riegel zwischen Alt- und Neustadt)
  • 2023 Schloßgarten gilt als größter innerstädtischer Birkenwald Europas, die alten Park-Bäume sind längst abgestorben
  • 2024 Fertigstellung des ersten Tunnels im Raum Stuttgart (2 km)
  • 2025 Fertigstellung der Neubaustrecke Wendlingen – Ulm
  • 2026 Der Antrag der baden-württembergischen CDU, der Übernahme der Deutschen Bahn durch Daimler zuzustimmen, wird vom grünen Bundeskanzler abgelehnt
  • 2027 Daimler steigt nach dem Ende des Luxuswagengeschäfts in die Produktion von Nahverkehrstriebwagen mit Brennstoffzelle ein („Citaro Rail“)
  • 2028 Stuttgarts Einwohnerzahl ist wegen der unerträglichen Bausituation, Mega-Staus und desolatem S-Bahn-Verkehr um 120.000 Einwohner (20 %) geschrumpft und hat 25 % der Arbeitssplätze verloren
  • 2030 Start mit dem Verlegen der Gleise in Tunneln und U-Bahnhof
  • 2031 Einbau der Oberleitungen – immer wieder Wassereinbrüche in Tunneln
  • 2032 etwa 50 km Tunnel sind fertig
  • 2033 Sicherungsmaßnahmen in Stuttgarter Tunneln und Einbau der Elektrik und Bahnsicherungssysteme
  • 2034 Feierliche Eröffnung des U-Bahnhofs mit Teilbetrieb und Pendelzügen, weil ein Tunnel noch nicht betriebsfähig ist S-Bahn-Verkehr bleibt weiter eingestellt
  • 2035 ICE bleibt im Tunnel stecken. Schienenverkehr in Baden-Württemberg bricht für 8 Stunden zusammen
  • 2036 U-Bahnhof endlich fertig und voll betriebsfähig bei reduziertem Zugangebot; vorerst keine ICE; Züge fallen wegen Simplon-Effekt (Kondenswasser) im Tunnel ständig aus
  • 2036 Rückbau des Gleisvorfelds am alten Hbf
  • 2037 Tübingen wird Landeshauptstadt, Stuttgart hat nur noch 250.000 Einwohner
  • 2039 Beginn des Bodenaustauschs
  • 2039 Bonatz-Bau wird wegen Baufälligkeit und weil Immobilieninvestoren es fordern, abgerissen, da er die Sichtachse zwischen Königstraße und jetzt Stuttgart 3000 genanntem Zukunftsprojekt stört
  • 2044 Baubeginn beim ersten Gebäudekomplex von Stuttgart 3000
  • 2045 Im Umland von Stuttgart ziehen viele neue Einkaufszentren mit riesigen Parkplätzen die Fahrer von Elektroautos an, immer mehr Läden in der Königstraße schließen
  • 2046 Initiative Stadtwald 2050 setzt sich gegen grüne Landesregierung durch
  • 2047 Brachland des früheren Hauptbahnhofs wird wegen Unverkäuflichkeit und Wirtschaftskrise aufgeforstet und zum Naturschutzgebiet erklärt; Stadt Stuttgart ist immer noch hoch verschuldet
  • 2048 Wildschweine werden zum Abschuss in der menschenleeren, größtenteils verfallenen Königstraße freigegeben
  • 2050 In Tübingen versuchen Daimler Railways, eine Tochter der China Rail West, und die Bau- und Immobilienindustrie mit den Grünen einen gigantischen, zehnstöckigen integrierten Hochbahnhof mit Parkhaus, Flughafen und Zentralkraftwerk für die Elektroautos und einem ökologischen Wohngebiet durchzusetzen: Capital 3000 gilt als chancenreiches Zukunftsprojekt für Baden-Württembergs junge Landeshauptstadt
  • 2055 Der unterirdische Hauptbahnhof Stuttgart wird wegen zu hoher Betriebskosten,  Wassereinbrüchen und Tunnelverschiebungen aufgegeben. Der Talkessel gilt als Slum, die leerstehenden Neubauten verfallen. Die Reststadt Stuttgart hat sich auf die Höhen zurückgezogen. Der Echterdinger Flughafen wurde geschlossen und wegen Platznot in ein Terassenhochhaus-Wohngebiet für die chinesischen Daimler-Ingenieure umgewandelt.
  • 2100 Zum ersten Mal fährt wöchentlich ein leichtes Güterzugpaar auf der Torso-Altbaustrecke Wendlingen – Ulm. Automatisch fahrende Straßenbusse der chinesischen Daimler Global Transportation haben den Eisenbahn-Personenverkehr abgelöst

7 Kommentare

  • 1
    Tweets that mention Stuttgart 21: Erst wenn der letzte Schienennagel… /// Railomotive -- Topsy.com:

    […] This post was mentioned on Twitter by eisenbahn and Ulrich Erhard, Friedhelm Weidelich. Friedhelm Weidelich said: Realistisches Szenario: 2036 ist Stuttgart 21 endlich betriebsbereit http://bit.ly/cUsdrk #s21 #bahn […]

  • 2
    Medienberichte 13.11. | Bei Abriss Aufstand:

    […] Stuttgart 21: Erst wenn der letzte Schienennagel… Spiegel: Wasserkraftwerk-Abriss bringt Mappus in Bedrängnis WELT: Geißler sorgt für neue […]

  • 3
    Ebse:

    Sehr visionär!

    Dank für die Mühe „im Detail“!

    Die hat die DB und das „Projekt“ bisher ja noch nicht aufgebracht.

  • 4
    Stefan:

    Köstliche Satire!

    Aber im Ernst, was noch fehlt aber relativ wahrscheinlich ist, ist der Umstand, dass trotz aller Schönredens die Wirtschaftskrise noch längst nicht vorbei ist. Der gegenwärtig anziehende Export ist ein Strohfeuer, dass spätestens durch das Platzen der nächsten Blase gründlich zum Erlöschen gebracht wird. Und da sind einige Blasen in Arbeit… Wenn uns dann all die nicht angegangenen Altlasten bei leeren Kassen auf die Füsse fallen wird auf ein mal noch viel weniger Geld für den Ausbau der Schiene da sein. Sprich: allein die zu erwartenden finanziellen Engpässe werden den Bauabschluss mindestens auf 2030 verschieben.

  • 5
    Elegius Sassenfrahn:

    Super! Birken wachsen, Wildschweine laufen herum. Das wär doch mal was!
    Da hätten wir ja dann mehr Natur als bisher!! Gut, dass die Planer von Stuttgart 21 dieses Argument noch nicht kennen!!!
    Schade nur für die Birkenallergiker! Aber die können ja dann nach Tübingen in die neue Landeshauptstadt ziehen….
    Prosit, die Glaserl hoch!

  • 6
    Mario H.:

    Danke, toller Artikel. Hast da echt Mühe reingesteckt, mal die Zukunft ein bissl realistischer zu sehen… 🙂

  • 7
    Fragen, die Stuttgarter Journalisten stellen sollten /// Railomotive:

    […] in Betrieb gehen? Kefer hat ja schon 2020 kommuniziert. Meine nur leicht satirisch gemeinte Schätzung vom November 2010 kommt realitätsnah auf eine Betriebsaufnahme 2036 – falls Stuttgart 21 nicht vorzeitig […]

 
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