Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Stuttgart 21 in falscher Währung

24.11.10 (Bahnhöfe, Deutschland, Marginalien)

Das Netzwerk Recherche, eine Journalistenvereinigung, die sich der harten Recherche verschrieben hat, verlieh heute dem Schlichter und Ex-Politiker Heiner Geißler einen Leuchtturm-Preis. Das finde ich ein wenig seltsam wie auch die meisten Journalistenpreise, die zuhauf und häufig in PR-Absicht über die üblichen Verdächtigen bei den bekannten Medien, aber nie über freie Journalisten ausgeschüttet werden. Doch wichtiger ist, dass der Preis auch an die Journalisten Andreas Zielcke von der Süddeutschen Zeitung und Arno Luik vom Stern vergeben wurde, die so für ihre Analysen zum Bahnprojekt Stuttgart 21 geehrt wurden.

Dem Schwaben Arno Luik ist es zu verdanken, dass er den Stein medial ins Rollen gebracht hat (so wie den Bürgerinitiativen gegen Stuttgart 21 auch). Dank vertraulicher Unterlagen hat er immer wieder neu zu belegen versucht, dass Stuttgart 21 eher mit Lug und Trug, ausgeprägter schwäbischer Vetterleswirtschaft und einem Immobilienprojekt der Stadt Stuttgart zu tun hat als mit der Notwendigkeit, einen besseren Bahnhof zu bauen. Denn der alte funktioniert weit besser als der lausig geplante Tiefbahnhof, der für bis zu 20 Milliarden Euro (einschließlich Neubaustrecke Wendlingen – Ulm) auf Jahrzehnte die wirklich wichtigen Eisenbahnprojekte blockieren würde. Stuttgart 21 ist ein Immobilienprojekt auf Kosten der Steuerzahler, weiter nichts.

Nun hatte Arno Luik eine neue Story auf Stern online, die belegen soll, dass die hohen Kosten von 4,2 Mrd. Euro schon 2002 bekannt waren und folglich die knapp 4,5 Mrd. Euro heute, die als K.O.-Kriterium von Bahnchef Grube angegeben wurden, längst überholt sind. Das Projekt hätte bei ehrlicher Kostenkalkulation gar nicht erst angefangen werden dürfen.

Die Deutsche Bahn, um Ausreden nie verlegen, veröffentlichte heute folgende putzige Pressemitteilung:

(Berlin, 24. November 2010) Die Deutsche Bahn weist einen Bericht von „stern.de“ entschieden zurück, wonach die DB Kosten für das Projekt Stuttgart 21 angeblich verschwiegen habe. Die Kosten für das Projekt wurden in den letzten Jahren auf Basis der jeweiligen Planungsstände immer offen kommuniziert.

In der vom „stern“ zitierten BAST (Betriebliche Aufgabenstellung) aus dem Jahr 2002 ist in einer Tabelle über die jährlichen Kosten für das Bahnprojekt Stuttgart 21 die Gesamtsumme von 4,2 Milliarden DM fälschlicherweise in „Euro“ angegeben worden. Bei der Verwechslung der Währungsangabe handelt es sich um einen redaktionellen Fehler im Zusammenhang mit der Währungsumstellung von DM auf Euro im Jahr 2002.

Die bei „stern.de“ aufgestellte Behauptung, die DB habe bereits im Jahr 2002 mit Gesamtkosten für das Projekt Stuttgart 21 von über 4 Milliarden Euro gerechnet, erweist sich damit als völlig haltlos. Ein Anruf des „stern“ bei der DB hätte genügt, um das Missverständnis aus der Welt zu schaffen. So ist die vermeintliche Enthüllung nicht mehr als die Entdeckung eines Schreibfehlers.

Ah ja! Luiks Kollege Ralf Klassen schreibt dazu bei Stern online:

Die Gesamtsumme ergibt sich aus der Summe der über 20 Seiten aufgelisteten Einzelposten, die für das „Paket 3 – Stuttgart 21“ für die Jahre 2002 – 2010 aufgestellt wurden. Diese wiederum sind auch in einer Tabelle zusammengefasst. Immer in Euro. Addiert man die Einzelpositionen (z.B. 293 Millionen für 2005 und 457,3 Millionen für 2006), die laut BAST samt und sonders Euro-Angaben sind, so ergibt sich 4,2 Milliarden – und was sonst als Euro? Euro + Euro = Euro.

Und weiter:

Zumindest an einer Stelle hat Bahnchef Grube im Sommer diesen Jahres selbst eine Zahl genannt, die man in der BAST findet. Ausgerechnet genau in der Tabelle, die nun angeblich Euro und DM verwechseln soll. Grube bezifferte im Juli die Kosten für die Neubaustrecke nach Ulm mit 2,9 Milliarden Euro. Euro! In der Tabelle in der BAST steht, dass die Neubaustrecke nach Ulm 2,887 Milliarden Euro kostet. Euro!

Aber halt, auch diese Euro – sagt die Bahn – sind ja eigentlich Mark. Denn der Umrechenfehler würde auch für die Berechnung der Neubaustrecke gelten. Und dass der DM-Preis von damals, 2,89 Miliarden, jetzt mehr oder weniger genau dem Euro-Preis von 2010 entspreche, sei halt Folge der erhöhten Kosten und reiner Zufall.

Fehler und Umrechnungsmissverständnisse in Milliardenhöhe, acht Jahre lang unentdeckt im wichtigsten Planungsinstrument des größten Bauprojektes der Bahn AG. Darauf muss man erst mal kommen.

Es fällt schwer, bei diesem Projekt der Deutschen Bahn noch Glauben zu schenken. Während seriöse Ingenieurbüros wie Vieregg + Rößler mit 18 Mrd. Euro rechnen, gibt es bei der DB alles viel billiger zum halben Preis für ein paar Mrd. DM.

Dazu fällt mir nichts mehr ein.

 
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