Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Stuttgart 21 ist gebaute Menschenverachtung

21.11.10 (Bahnhöfe, Deutschland, Eisenbahn, Personenverkehr)

Zum sechsten Schlichtungstag einige Bemerkungen.

Der Aufwand für das Grundwassermanagement erscheint mir geradezu irrwitzig. Wohl über ein Jahrzehnt müssen gewaltige Mengen von Grundwasser weggepumpt werden, um den Trogbau überhaupt durchführen zu können. Allein vom Energieaufwand ist das unglaublich aufwendig. Die Hybris der Ingenieure und Professoren wie auch des Juristen sind erschreckend. Alles sei bedacht worden und praktisch jede Störung der Planung durch unvorhergesehene Zwischenfälle ausgeschlossen. Und wenn das Mineralwasser zu sehr aufsteigen will, wird eben Trinkwasser reingepumpt.

Hybris auch deshalb: Alles sei schon einmal in kleinem Maßstab erprobt worden (Wittke), nun will man viele Techniken erstmals in großem Maßstab durchziehen. Hie und da hebt man ein Häuschen hoch und senkt es nach dem Tunnelbau wieder ab. Kein Problem. Feinste Spalte verschließt man eben mit Kunstharz. Kein Problem. Wie lange zum Beispiel Kunstharz und Kunststoffe den Elementen trotzen, weiß man mit ein paar Jahrzehnten Lebenserfahrung. Dass sich Böden unverhergesehen senken und heben, dass sich Brücken im Wind verdrehen und zerreißen, dass es Erdbeben und massivste Probleme überall mit Anhydrit gibt, dass Wasser immer einen Weg findet durch Beton – das weiß selbst ein Zeitungsleser und Fernsehzuschauer. Aber bei dem „bestgeplanten Projekt“ in Stuttgart können Wissenschaftler praktisch hundertprozentig ausschließen, dass irgendetwas passiert. Das ist anmaßend und lebensfremd.

Und natürlich gibt es auch keine wegrollende Züge wie in Sachsen-Anhalt und Bayern.

Vor allem: Das alles für ein so lausiges Ergebnis wie einen halb tiefergelegten Bahnhof und Platz für eine Architektur, die schon heute in ihrem großflächigen, monumentalen Denken nur noch von alten Herren propagiert wird. Menschenverachtende Architektur ohne Gefühl für Räume und Mobilität in Zeiten einer alternden Gesellschaft – aber mit viel Gefühl für „Investoren“, die das maximale Kosten-Nutzen-Verhältnis wollen und sonst gar nichts.

Leider bestimmen immer noch, notfalls mit subtilen Druckmitteln, die „Investoren“, wie gebaut wird. Wer sich die dörflichen Bankbauten in Baden-Württemberg anschaut, erkennt, wer hier das Sagen, aber nicht das geringste Verständnis für örtlich angepasste Architektur hat. Üble, Modernität und Monumentalität suggerierende Klötze aus Waschbeton, mit Fertigteil-Betonklötzen, braun verspiegeltem Glas und kiesbestreutem Flachdach stehen da zwischen gewachsener württembergischer Architektur mit hohen, spitzen Satteldächern ehemaliger Bauernhäuser oder schönen Bürgerhäusern. Planerischer Müll vom örtlichen Einfamilienhaus-Architekten, der einmal ein neues Bankgebäude entwerfen durfte, weil er im Gemeinderat sitzt und man auch die sonstigen Ausführenden schon vorher mitbedacht hat.

Bankdirektoren- und Investorenarchitektur ist fast automatisch der Garant für in Glas und Stein zementierten schlechten Geschmack und Überheblichkeit ohne Rücksicht auf das Umfeld. Mit der Aussicht auf Arbeitsplätze und Investitionen kriegt man auch die wenigen hellen Köpfe in den Stadtverwaltungen und Stadträten weich.

Dass der geplante Bahnhof auch menschenverachtend ist, was die Sicherheitsvorkehrungen betrifft, wurde gestern besonders deutlich. Ich habe schon vor Wochen beschrieben, dass die Tunnel am Bahnhof für Rettungsfahrzeuge nicht zugänglich sind. Wenn dann auch noch Löschwasserleitungen leer bleiben und das Füllen 40 Minuten dauert, dann werden hunderte Todesopfer in den Tunneln einfach hingenommen. Dass über die wenigen Lifte und Rolltreppen, die bei Feuer natürlich abgestellt sind, Rollstuhlfahrer und Menschen mit Gepäck, Kinderwagen und anderen Einschränkungen nicht flüchten können, ist ebenso erwiesen. Wie auch die Tatsache, dass sich Rauch nicht freundlicherweise gleich nach oben zu den Lichtaugen verzieht, sondern die Menschen auf den Bahnsteigen erstickt, bevor sie im Rauch in dem düsteren Gewölbe überhaupt die drei Treppen in Abständen von über 100 Metern finden, um sich dann auf den Querstegen unterschiedlicher Breite, die Menschenmengen so schön zusammenquetschen, wenn sie wieder enger werden, in Gewühl und Qualm wiederzufinden. Um das zu erkennen, muss man weder Architekt, Eventplaner, Feuerwehrkommandant noch Panikspezialist sein. Gesunder Menschenverstand und wenige Minuten Nachdenken genügen. Beides scheint den glühenden Verehrern von S21 abzugehen. Oder sie können ohne Gesichtsverlust nicht mehr zurück, weil sie ja eine ganzes Bündel von nicht öffentlichen Interessen vertreten, denen sie verpflichtet sind. Am allerwenigsten der Ehrlichkeit.

Die Stuttgarter Feuerwehr, gab einer der S21-Gegner zu bedenken, weiß, dass alles, was ausgeschlossen wird, trotzdem irgendwann passieren wird. Auch das Undenkbare passiert, und auch das wird Tote zur Folge haben bei einem so durch und durch schlecht geplantem Bahnhof mit zu engen Wegen, sehr schmalen Treppen und Rolltreppen und nur wenigen Liften, die ohnehin überall auf DB-Bahnhöfen mit hohen Ausfallraten glänzen.

Je länger man sich die Lügen, die nicht durchdachten Aspekte, die vielen Ausnahmegenehmigungen und die überhebliche Haltung der Planer anschaut, dass alles perfekt geplant und es schon nicht schiefgehen wird, vor Augen führt, umso mehr verfestigt sich wohl auch bei Herrn Geißler das Bild, dass man sich in Stuttgart vergaloppiert hat. Die Architekten und Planer haben den Politikern und Entscheidern etwas vorgemacht, haben alles für machbar gehalten und bekommen nun von den Gegnern Stück für Stück vorgeführt, dass sie einer selbstgemachten Illusion aufgesessen sind. Doch die Befürworter können nicht mehr zurück, weil sie nicht nur sich, sondern ihren Freunden jeglicher Couleur etwas versprochen haben. Legal, illegal, scheißegal. Man hält zusammen, bis das sinkende Schiff nicht mehr zu retten ist oder die Kostenwellen über ihm zusammenschlagen.

Wer den Aufwand sieht, der schon um den Rohbau herum zu leisten ist, braucht keine Fantasie um zu erkennen, dass hier Kostensteigerungen lauern, die erheblich sind. Das wird von der Bahn ja weiter bestritten. Ganz bestimmt haben die Planer nahezu alles bedacht, was zu bedenken ist. Doch da sie keine Hellseher und unfehlbar sind, werden Probleme auftreten, mit denen keiner gerechnet hat. Die vielleicht auch lösbar sind, aber nur mit immensem finanziellen Aufwand und enormen Zeitverzögerungen. Wer da noch an eine Fertigstellung 2020 glaubt, leidet unter ausgeprägtem Realitätsverlust und Wahnvorstellungen.

Wer 1+1 zusammenzählen kann, weiß auch, dass nur eine Störung oder notwendige Sanierungsarbeiten in einem einzigen Tunnel das ganze Verkehrssystem um Stuttgart zusammenbrechen lassen werden. Dieser Bahnhofsirrsinn hat null Redundanz und ist im Fall einer einseitigen Blockade bestenfalls ein Viertel so leistungsfähig wie der alte Bahnhof. Wenn in einem Tunnel was passiert, sitzt man besser nicht in einem Zug. Man fährt dann besser Auto und meidet den Katastrophenbahnhof ganz.

Mehr und besser Autofahren in Stuttgart, das ist das eigentliche Ziel von Stuttgart 21.

PS: Wer das Ende des gestrigen Schlichtungstags auf www.fluegel.tv nicht gesehen hat: Die dankenswerter Weise diesmal sehr ruhige Frau Gönner trug am Ende die Fußballergebnisse vor. Sie wollte halt auch mal einen positiven Beitrag leisten. Man könnte es aber auch so interpretieren, dass sie

  • sich wahlweise mehr für Fußball als für die Schlichtung interessiert
  • bereits erkannt hat, das Stuttgart 21 nicht durchführbar ist oder
  • ihr einfach völlig wurscht ist, was Herr Geißler will oder sagt.

Sympathisch und clever, gell?

2 Kommentare

 
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