Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Stuttgart 21: Planen für den Feldhasen

19.11.10 (Bahnhöfe, Deutschland, Eisenbahn, Marginalien)

Nun habe ich doch wieder geschaut. Ich kann nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen über die 300 Ordner zur Geologie, die die DB in Frankfurt in einer Schreckens- oder Sicherheitskammer vorhält. Sie sind so geheim, dass sie nicht einmal mit Zettel und Bleistift gelesen werden dürfen, angeblich wegen der Ausschreibungen. Vermutlich, damit keiner merkt, worauf er sich einlässt. Auf die Frage Geißlers, warum die Unterlagen nicht der Schlichting zumindest auszugsweise vorliegen, schlug Kefer jovial vor: „In 1 Stunde 20 Minuten sind wir mit dem ICE in Frankfurt!“ Der Mann hat Humor und ist kooperativ! 😉

Weniger kooperativ war Kefer zu den Aussagen, dass die Finanzierung der Neubaustrecke laut Eisenbahnbundesamt nicht gesichert sei. Laut seinem verfahrenrechtlichen Geschwurble sei das aber der Fall. Glauben wollte es niemand. Naja, außer vielleicht Herrn Bräuchle, der sich laut Geißler weniger mit dem Glauben als mit Fakten beschäftigen sollte.

Die Hände kann man auch über dem Kopf zusammenschlagen, wenn man hört, was bei einem Bauvorhaben untersucht wird: Die Käferlein werden gezählt, die Arten ermittelt, für Fledermäuse ein Tunnel unter der Bahnstrecke gebaut und für gerodete Wälder neue Bäume gepflanzt. Ich wundere mich, warum bei solchem Aufwand überhaupt noch ein Bauvorhaben durchgezogen werden kann. Wir Deutsche sind bei allem doch etwas sehr gründlich…

Sehr nett war heute die Diskussion über Feldhasen im Park und ein Ersatzbiotop aus gebrauchtem Schotter, das irgendwo, vielleicht bei der Platanenallee, wie die Planer raten mussten, auf 5,8 ha angelegt werden muss. Wahrscheinlich ist der Stallgeruch des gewohnten Schotters wichtig für das Lebensgefühl der Hasen, die allerdings auf den Klang des Schienenstahls und das Knacken der Gleise beim Aufheizen und Abkühlen verzichten werden müssen, sofern ihnen diese Geräusche für eine gewisse Übergangszeit nicht digital aus Lautsprechern dargereicht werden.

Leider ist noch nicht geklärt, wie Hasen, die sich weigern, auf diese neue Schotterfläche umzuziehen, landespolizeilich oder durch gewaltbereite bayerische BFE-Beamte dorthin verbracht werden. Ich vermute, durch Mittel des unmittelbaren Zwangs und mit Kabelbindern. Wobei die Polizei beachten müsste, dass Wasserwerfer auf Hasen eine ungleich stärkere Wirkung hätten und der Wasserdruck tierisch reduziert werden muss. Aber bis 2035 werden sanfte Wasserwerfer für Stuttgart bestimmt längst geliefert sein.

Der Düsseldorfer Architekt Ingenhoven war nicht eben ein Sympathieträger für die eigentlich sehr schöne Stadt, in der ich lebe. Und die noch schöner wäre, wenn man hier nicht auch einen „Stararchitekten“, wie die Rheinische Post erfürchtig den Libeskind nennt, einen billigen Glaspalast hinstellen ließe und eine überflüssige U-Bahn und viele Straßentunnel bauen würde.

Großartig und ein Monument der Architekturkunst ist Ingenhovens „wassergebundener Park“ (für uns doofe Nichtarchitekten: mit Erde aufgefüllte Fläche) mit dem sinnigen Namen „Straßburger Garten“ (warum auch immer) auf dem 8 m hohen U-Bahnhofsdach, der nach seiner Ansicht mindestens Versailles und Schloss Linderhof (warum eigentlich nicht lieber die Venusgrotte?) zum Vorbild hat und vermutlich auch Anleihen bei Pariser Pissoirs und dem Südfriedhof von Bratislava nimmt, aber leider gepflastert werden muss und nicht für anderswo „entnommene“ Bäume taugt. Skater und Sprayer werden die schrägen Bullaugen, sofern sie nicht auch eingespart werden, was Ingenhoven für möglich hielt, gern als Übungsfeld gern nutzen. Spötter bei Twitter empfahlen, doch genau hier die Ersatzfläche für das Schotterbiotop anzusiedeln. Das würde ich auch empfehlen, und zwar als Feldhasenpark. Denn das neue Herz Stuttgarts braucht ja auch etwas, was nicht aus Beton ist.

Wenn ich mich mal düsseldorferisch unbescheiden selbst aus Twitter zitieren darf:

Das sollten die alten Hasen mal ihren Enkeln erzählen: Ab 2035 werden sie zwangsumgesiedelt und haben keinen Verkehr mehr.

Herrlich auch: Die Stadt hat die Gäubahnstrecke von der Bahn gekauft, um sie für den S-Bahn-Verkehr offen zu halten. Vielleicht liegt hier das eigentliche Interesse der SSB, die damit (natürlich ohne Ausschreibung) ins S-Bahn-Geschäft einsteigen könnte. Die Stadt Stuttgart gehört demnach zu den besten Subventionierern der DB. Wird schon seinen Grund haben.

Die heutige Diskussion, in der sich Frau Gönner bewundernswert weitgehend zurückhielt und Herrn Bräuchle den Vortritt ließ mit weit sinnloseren Einwürfen und schrägen Verständnisfragen, hat erneut gezeigt:

Schtudgart eisezwanzig kannsch de Hase gäbe!

So hätten doch wenigstens diese possierlichen Tiere etwas von der 460 Millionen Euro teuren Planung.

In Düsseldorf sind die Wiesen und Parks voll von Kaninchen. Das sind die Tierchen mit den kürzeren Ohren, die sich ihre Ersatzflächen noch selber suchen.

 
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