Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Stuttgart 21: Schaulaufen unter falschen Voraussetzungen

04.11.10 (Bahnhöfe, Deutschland, Eisenbahn, Güterverkehr, Personenverkehr, Strecken)

Der heutige Schlichtungstag hat gezeigt, dass

  • die Detailbesessenheit in Sackgassen führt und wertvolle Zeit stiehlt
  • der Tag viel zu lang ist
  • Powerpoints nicht viel bringen (vor allem, wenn sie nicht lesbar sind)
  • Phoenix unnötig mit einem ProS21-Meinungsmacher wie Wolfgang Molitor (Stuttgarter Nachrichten) spricht, der sich kaum mit Fakten beschäftigt, sondern sich in CDU-Allgemeinplätzen über „Zukunft“ verliert
  • die Visualisierungsmöglichkeit an einem elektronischen Zeichenbrett fehlt
  • ständige Ermahnungen, doch für das Publikum draußen einfache Worte zu nutzen, bei so einem Thema nicht fruchten, eine abgeschlossene, wenigsten mittlere Schulbildung darf wohl bei einem Phoenix-Zuschauer vorausgesetzt werden (ich wartete noch darauf, dass Geißler fragte, was km/h bedeutet)
  • die Befürworter, von dem völlig überforderten CDU-Mann Bräuchle abgesehen, strategisch gut vorbereitet waren
  • die Gegner auf den hingehaltenen Köder „könnt ihr’s besser?“ hereingefallen sind.

Die ganze Diskussion erfolgte unter der Prämisse, dass S21 gebaut wird und eine Neubaustrecke (NBS) unbedingt notwendig ist.

Das ist Quatsch. Denn die Neubaustrecke ist nur notwendig, wenn der Untergrundbahnhof gebaut wird. Die Fahrzeit entspricht bis auf wenige Minuten der Fahrzeit auf der alten Strecke, wenn sie so gepflegt wäre wie vor 15 Jahren.

Es gibt keinen Grund für eine NBS, denn man braucht weder neue Kapazitäten für den Fernverkehr noch für den Güterverkehr. Sondern Kapazitäten für den Nahverkehr, weil Stuttgart nur eine regionale Bedeutung hat.

Der Güterverkehr macht, wie Alexander Kirfel, Geschäftsführer des Netzwerk Privatbahnen, sehr gut erklärte, einen großen Bogen um Stuttgart, weil die Geislinger Steige (und die mit 4 % Steigung noch schlimmere und nur für 7-Wagen-Güterzüge geeignete Neubaustrecke) eine Schiebelok braucht, die die Kosten verteuert und 10 % der geringen Marge auffrisst. Er erläuterte auch, dass das für S21 eingeplante Geld fehle, die (vertraglich mit der Schweiz vereinbarte) Rheintalmagistrale um Jahre endlich fertig zu bauen. Die erfolgreichen Güterverkehrskonkurrenten der DB wollen und brauchen S21 nicht, war die klare Botschaft. Die detailverliebten Einwürfe des SSB-Mannes Florian Bitzer waren vollkommen überflüssig. Der Politblogger bezichtigt ihn auch der Lüge.

DB-Vorstand Kefer musste sich vorwerfen lassen, dass die DB immer den Güterverkehr auf der NBS in die Wirtschaftlichkeitsberechnungen einbezogen habe und er nun zugegeben habe, dass der dort gar nicht sinnvoll und ernsthaft eingeplant sei. Die Gegner haben ihn wunderbar vorgeführt. Ex-Professor Heimerl, der sich das Unsinnsprojekt S21 vor 30 Jahren ausgedacht haben soll, verwies auf „irgendwann einmal vielleicht doch mal fahrende kurze Güterzüge“ als Zukunftsperspektive. Ein peinlicher Einwurf eines alten Mannes, der offenbar nicht mitbekommen hat, wie schnell die leichten und dann doch viel zu kurzen Cargosprinter (ich war in den 90er Jahren bei der Vorstellung dabei) in der Versenkung verschwanden. 4 % Steigung würden sie im Übrigen nur im Schneckentempo bewältigen. Wer solche Steigungen bauen will, sollte doch besser alpine Feldwege trassieren und nicht Eisenbahnen für immer schwerere und längere Züge. Kürzer und leichter werden sie jedenfalls nicht mehr, allein aus Wirtschaftlichkeitsgründen. Das weiß sogar die schwäbische Hausfrau.

Der smarte Holzhey wies nach, dass keine der vielen Voraussagen, wie viele Güterzüge auf NBS fahren würden, eingetroffen sind. Ein Mischverkehr hat – das wissen auch Eisenbahnanfänger – keinen Sinn, weil sich langsame und schnelle Züge blockieren und die Streckenkapazität drastisch senken. Für ZWEI ICE pro Stunde (zwischen Stuttgart und Ulm und zurück) braucht man aber keine NBS für 4,5 Mrd und mehr. Die Crux für die S21-Freunde: Ohne NBS ist aber der U-Bahnhof S21 nicht funktionsfähig. Und nur vier der acht Abschnitte der NBS sind bisher planfestgestellt. Die S21-Freunde hatten zuvor behauptet, dass alle Abschnitte planfestgestellt seien.

Was bedeuten könnte, dass man einen neuen Bahnhof fertig hat, der aber nicht in Betrieb genommen werden kann, weil die NBS gar nicht existiert. Dümmer geht’s nimmer. Könnte bitte mal jemand den Verstand einschalten und für logisches Vorgehen beim Neubau plädieren?

Erst die Neubaustrecke, dann der Bahnhof. Hallo, Herr Geißler?

Es liegen bereits hinreichend Gründe vor, S21 sofort zu den Akten zu legen, doch Verkehrsministerin Gönner hält verbissen daran fest. Viele Twitterer vermuten, dass davon ihre weitere politische Karriere (in Berlin!) abhängt. Aber vielleicht reichen ihre Wurzeln im ECE-Freundeskreis ja tiefer als bekannt ist? Twitterer, die Körpersprache professionell deuten können, schrieben, wie angespannt sie mit ihrem fast schon zwanghaften Dauergrinsen und Kiefermahlen war, wenn die Kamera sie erfasste. Sie muss unter einem ungeheuren Druck stehen.

Warum die Stuttgarter Straßenbahnen so vehement für S21 kämpfen, erschließt sich mir nicht. Denn sie müssen für die Verlegung ihrer Untergrundtrassen bezahlen. Filz auch da? Wundern würde es mich nicht.

Die S21-Freunde erschienen heute strategisch gut vorbereitet und drehten den Spieß einfach um: „Sagt ihr uns doch, was ihr besser machen würdet, liebe Gegner.“ Die fielen darauf herein wie ein Filmkritiker, dem der gescheiterte Regisseur zuruft: Dann mache doch einen besseren Film!

Wenn ich ein verbrauchsarmes Auto wünsche, sagt mir auch kein Autoverkäufer oder Marketingmensch, dass die armen Ingenieure es nicht besser könnten und ich erst einmal beweisen müsse, dass ich ein besseres Auto bauen könnte. Was für eine Unverfrorenheit!

Die Planer, die 170 Millionen Euro für eine unausgegorene, in weiten Teilen peinlich dilettantische Planung verbraten haben, verlangen also von einer Bürgerinitiative, für lau bessere Pläne zu präsentieren! Geht’s noch?

Auf solche Spielchen hätten sich weder Geißler noch die Gegner einlassen sollen.

Die Gegner brauchen einen Coach, der sie strategisch berät. Denn heute haben sie sich in unverschämter Weise in die Defensive treiben lassen

Die Befürworter müssen den Beweis liefern, dass die Milliarden für den Bahnhofsneubau und die NBS gerechtfertigt sind. Denn es kostet Steuergeld.

Nur darum geht es!

Und nicht um den Nachweis der Gegner, warum sie die bis zu 18 Milliarden nicht ausgeben wollen. Ich muss einem Händler schließlich auch nicht nachweisen, warum ich nichts kaufen will.

12 Kommentare

  • 1
    Tweets that mention Stuttgart 21: Schaulaufen unter falschen Voraussetzungen /// Railomotive -- Topsy.com:

    […] This post was mentioned on Twitter by Advocatus Diaboli, eisenbahn, Friedhelm Weidelich, Siegfried Hornecker, Michael Andres and others. Michael Andres said: RT @RAILoMOTIVE: Meine Zusammenfassung der Schlichtung heute: http://bit.ly/bVaDBJ #s21 […]

  • 2
    Tom:

    Kleinigkeit: Molitor ist bei den Stuttgarter Nachrichten (noch schlimmer), nicht Stuttgarter Zeitung.

    Danke, da hab ich mich vertan. Ist korrigiert.

  • 3
    frohmund:

    exzellente zusammenfassung – würdest du vielleicht enthüllen, ob du ein parkschützerpseudo hast und wenn ja, welches? jedenfalls danke für diese spitzenelaborat! gruß

  • 4
    Tweets that mention Stuttgart 21: Schaulaufen unter falschen Voraussetzungen /// Railomotive -- Topsy.com:

    […] This post was mentioned on Twitter by mBloging Tester, vera boehmer . vera boehmer said: #s21 Schaulaufen unter falschen Voraussetzungen http://t.co/GmiKYeQ via @AddThis Befürworter müssen beweisen..daß Milliarden..gerechtfertigt […]

  • 5
    lieber namenlos:

    „Warum die Stuttgarter Straßenbahnen so vehement für S21 kämpfen, erschließt sich mir nicht. Denn sie müssen für die Verlegung ihrer Untergrundtrassen bezahlen. Filz auch da? Wundern würde es mich nicht.“

    Die SSB zahlt für die Verlegung keinen Cent, da sämtliche S21 Folgekosten auf die Bahn abgewälzt werden. Die SSB schlägt letztlich sogar Profit aus der Geschichte.
    Die Staatsgalerie und die Türlenstrasse wurden jahrelang aus dem Projekt „barrierefreier Zugang“ ausgespart und nur notdürftige Reparaturen vorgenommen.Nun können diese für lau mit Aufzügen ausgestattet und modernisiert werden.

    Danke für diese Informationen.

  • 6
    Friedhelm Weidelich:

    Hallo Frohmund,

    ich bin kein Parkschützer. Ich bin schlichtweg dagegen, dass bis zu 20 Mrd. Euro in ein eisenbahntechnisch sinnloses Projekt gesteckt werden. Denn jeder Steuerzahler und unsere Kinder werden für diesen Irrsinn bezahlen müssen, falls er nicht endlich gestoppt wird.

  • 7
    Tobias Mey:

    Auch wenn moniert wird, der Zuschauer solle doch wenigstens über einen mittleren Schulabschluß verfügen, um die Schlichtung zu verfolgen:
    Herr Holzey hat seine wirklich fundierte Ablehnung des Projekts ZU SCHNELL für das Publikum vorgetragen. Er hätte sich die Zeit nehmen
    sollen,erstmal die schnell hintereinander eingeblendeten Tabellen langsamer und ausführlicher zu erklären, wer hätte im dies verbieten können ? Das ist bedauerlich gewesen, ermöglichte es so den Befürwortern auf vieles Unsinnige der Planung gar nicht reagieren zu müssen.
    Tobias

  • 8
    trueten.de - Willkommen in unserem Blog!:

    Was mir heute wichtig erscheint #234…

    Resozialisierung: „Undisziplinierte“ Abgeordnete sollen zukünftig mit 500 bis 3000 Euro Strafe zur Kasse gebeten werden, wenn sie „grob“ gegen die Geschäftsordnung des Parlaments vestoßen, zum Beispiel durch Protestaktionen der Linksfraktion im Bun…

  • 9
    Lukas:

    Hallo,
    bei 4% maximal 7 Waegen und dazu ne Schublok halte ich fuer eher fragwuerdig. Das schaft ja eine einzelne Ludmilla (BR232) mit 80km/h bei Erzwaegen. Eine Doppeltraktion ES64 oder Vectron sollte da kein Problem haben einen 16 Wagenzug mit 100+km/h zu ziehen. Vorallem, da diese beiden Fahrzeuge fuer kurze Zeit biszu 7,2 MW liefern koennen.

  • 10
    Friedhelm Weidelich:

    Wie Herr Kirfel vom Netzwerk Privatbahnen ausführte, ist eine Schiebelok oder Doppeltraktion unwirtschaftlich. Auch wenn es zwei bis drei Wagen mehr wären, die einen 1000-Tonnen-Zug ausmachen. Aber das wäre eher eine größere Rangierabteilung als ein sinnvoller Güterzug. Näheres dazu im Interview mit H. Kirfel vom Netzwerk Privatbahnen hier im Blog.

  • 11
    marty:

    es sind 4 promille Steigung, nicht 4%

    Da ja immer mit k21 geworben wird kann man m.E.n. (Abkürzung!) sich nicht nur zurückziehen und sagen das andere ist schlecht. Die pro Seite hat ja nun argumentiert warum das S21 soo wichtig und gut ist. nun muss eben was noch besseres her.

  • 12
    Gab73:

    @Lukas:

    „… sollte da kein Problem haben einen 16 Wagenzug mit 100+km/h zu ziehen. Vorallem, da diese beiden Fahrzeuge fuer kurze Zeit biszu 7,2 MW liefern koennen.“

    OK, alles einleuchtend. Was ist aber, wenn der Zug auf der Steigung anhalten muss (ausserplanmässige stopps müssen mit eingeplant werden)? Meinst du, man kriegt den Zug mit einer Lok wieder in Gang gesetzt?

 
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