Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Stuttgart 21: So geht’s nicht weiter

26.11.10 (Bahnhöfe, Deutschland, Eisenbahn, Marginalien)

Mit diesem oft wiederholten Satz „So geht’s nicht weiter“ machte ein schlecht gelaunter, genervter Schlichter Heiner Geißler den heutigen Verhandlungstag immer mehr zur Farce. Heute wurde der gesunde Menschenverstand ausgeschaltet, der besagt, dass Großprojekte bei der Bahn IMMER doppelt bis dreifach so teuer werden und Stuttgart 21 äußerst knapp kalkuliert ist.

Das hat Geißler heute nicht mehr interessiert. Er wollte nur noch hören, dass die Zahlen der DB korrekt sind und versteifte sich in der Haltung, dass keiner in die Zukunft sehen könne. Kein Wunder, dass Gönner sich ins Fäustchen lachte.

Die bewundernswert klaren und seriös argumentierenden Wirtschaftsprüfer haben, auf der Basis der von der DB und ihren Planern vorgelegten Zahlen (also nicht selbst kalkulierten, lebensnahen Zahlen!) nachgewiesen, dass das Einsparungspotenzial bei nicht sicher kalkulierbaren Kosten optimistisch angenommen wurde. Die DB hat sogar Grundstücke als Einsparpotenzial eingerechnet, die der Bahn gehören und die niemals kostenwirksam bei S21 waren. Die Gefahren, dass unverhergesehene Kosten auftreten könnten, wurden von der DB laut den Prüfern ebenso optimistisch heruntergerechnet. Auf Kölsch: Et het no emmer jotjejange. Wird schon nix passieren.

Das Fazit der Prüfer: Es gibt Reserven von 318 Millionen Euro (was für so ein Projekt sehr wenig ist). Zumal es im Vorjahr noch 1,45 Mrd. waren. Man sei aber noch in einem vertretbarem Rahmen. Dass man aber nicht in die Zukunft schauen könne und eben nur auf der Basis dieser Zahlen rechnen konnte. Das heißt aber nicht, dass ein vertretbarer Rahmen auch realistisch ist!

Der Vorwurf der Gegner: Man bewegt sich heute schon an der Sollbruchstelle von 4,5 Mrd. Euro, die Grube definiert hat. Spätestens seitdem auch Heimerl zugibt, dass es noch einige Ergänzungen gibt, um S21 zu einem brauchbaren Projekt zu machen, weiß man, dass die heutige Kalkulation nicht ausreicht und man schon heute bei wenigstens 6 Mrd liegt. Alles in allem sind die 18 Mrd. zu erwarten, wie Vieregg & Rössler aus abgeschlossenen Projekten berechnet hat. Die Neubaustrecken Frankfurt – Köln und Nürnberg – Müchen waren doppelt so teuer, Berlin Hbf dreimal so teuer.

Das zählt wohl nicht. Geißler blockte und schwadronierte heute lieber.

Wer so, wie heute Geißler, die Erfahrung mit Großprojekten negiert, ist als Schlichter und Sachwalter der Steuerzahler fehl am Platz. Geißler hat die Schlichtung zu einer Farce gemacht. Denn Fakten und Erfahrungen aus anderen Projekten werden anhaltend ignoriert, selbst wenn sie mehrfach belegt sind. Zumal niemals klar war, was das Ergebnis sein soll.

Abbruch, neue Verhandlung zwischen wem auch immer oder doch weiterbauen trotz der hunderten nachgewiesenen Sicherheits-, Finanz- und Planungsprobleme? Ich fürchte, dass diese Schlichtung als Alibiveranstaltung ohne sinnvolles Ergebnis endet. Ohne Verantwortung für die Interessen der Steuerzahler. Es wird solange weitergebaut, bis sich das Immobilien-Projekt Stuttgart 21 selbst ad absurdum geführt hat und auch dem Dümmsten als unnütz und undurchführbar präsentiert. Die Milliarden dafür bezahlen wir. Und die wirklich wichtigen deutschen Schienenverkehrsprojekte bleiben noch Jahrzehnte in den Schubladen.

Der Druck der „Straße“, also der Bürger und Steuerzahler, muss wieder stärker werden.

Geißler sorgte heute durch sein ungeschicktes Vorgehen und seine deutlich gewordene Einseitigkeit ungewollt dafür.

In der Tat: So geht’s nicht weiter!

PS: Gegen Abend hat sich Geißler wieder eingekriegt und lässt auch mal die Gegner mal ausführlicher sprechen. Hervorragend und souverän: Winfried Hermann und Holzhey. Doch obwohl die Güterzüge früher sogar von Kefer als nicht relevant genannt wurden, sind sie heute wieder Bestandteil von Wirtschaftlichkeitsbehauptungen. Die Diskussionen haben auf dieser Basis etwas Schwachsinniges.

Ein Kommentar

 
Get Adobe Flash player

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen