Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Ein nettes Weihnachtsgeschenk für DB-Mitarbeiter

14.12.10 (Deutschland, Eisenbahn, Marginalien, Personenverkehr)

Es ist doch immer wieder schön zu lesen: Redakteure bedanken sich bei Bahnchef Grube artig für ein Telefoninterview, lassen sich vom Brot-und-Butter-Mann mit altbekannten Sprüchen abspeisen und Geschichten aus der großen, weiten Welt des Wettbewerbs und des grenzenlosen ICE-Verkehrs erzählen und freuen sich, dass er für den RRX (den Rhein-Ruhr-Express) ist. Für den bin ich auch, aber meine Meinung hat genauso wenig Bedeutung wie Grubes Freundlichkeiten. Denn die Streckenerweiterungen und Finanzierungen würden sich bis 2020 oder 2025 hinziehen und hängen von Bundes- und Landesmitteln ab. Da kann man schon mal ohne Risiko dafür sein. Einen Realisierungszeitraum zu nennen, findet Grube „unprofessionell“. Einfluss auf die Realisierung hat Grube in der Tat keinen. Obwohl ja sehr starke DB-freundliche Kräfte im nordrhein-westfälischen Verkehrsministerium am Werk zu sein scheinen…

Freundlichkeiten hat Grube nach vielen Monaten auch wieder für seine Mitarbeiter übrig, als er danach gefragt wird, ob er seinen Job schon bereut hat: „Mir macht es Tag für Tag mehr Spaß. Wenn man täglich mehr in das Unternehmen hineinschaut, ist man überrascht, welches Potenzial und welche Leistungsfähigkeit dieses Unternehmen hat. Total begeistert bin ich von unseren Mitarbeitern. Die sind echt klasse und mein ganzer Stolz.“ So lobt sich’s väterlich, leicht und kostenlos. “DerWesten”-Leser und offenbar DB-Mitarbeiter „Bahnschalker“ hat’s sogar geglaubt.

Lob ist überflüssig, und müde Eisenbahner sollen doch lieber den Fahrgästen Platz machen, finden dagegen Grubes Vorstandskollegen. Deshalb wurde den „lieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern“ pünktlich zu den Feiertagen eine Liste vorgelegt, die unter dem harmlosen Namen „Temporäre Zugliste Winter 2011“ daherkommt. Im Klartext: Ab 1.1.2011, möglichst aber schon im Weihnachtsverkehr, dürfen DB-Mitarbeiter einige Dutzend ICE nicht mehr für Privatfahrten und nur in sehr beschränktem Umfang für Dienstfahrten nutzen. So sollen Teilräumungen auf einigen Strecken“ verhindert werden.

Das wird dann auch noch liebevoll und mit großer Geste im Sinne der doch eher fiktiven Freundlichkeits- und Informationsoffensive formuliert:

Auszug aus dem Mitarbeiterbrief

Mit anderen Worten: Wir haben nirgends mehr Mitarbeiter und zu wenig Sitzplätze, tun aber alles für ein tolles Image. Gern auch auf dem Rücken der Mitarbeiter.

Das Verbot, viele ICE zu benutzen, heißt im Klartext nichts anderes, als dass die DB wieder mit einem zu knappen Sitzplatzangebot kalkuliert und die im letzten Winter so beliebten Teilräumungen von überladenen ICE durch die Bundespolizei auch in den kommenden Wochen nicht ausschließt. Reserven hat man ja keine und tut auch nichts dafür. Denn wer – wie Grube, trotz großartiger Versprechungen – keine neuen Züge bestellt, hat auch in zwei, drei Jahren keine. Aber bis dahin mehr Gewinn mit den winterlichen ViehMenschentransporten.

Obwohl, Grube tönte doch im Interview: „Eine neue Reserve bauen wir mit dem Fahrplanwechsel ab 12. Dezember auf. Damit gewinnen wir rund 10 ICEs für die Reserve hinzu.“ Will sagen, durch die Streichung von ICE-Verbindungen und halbierte Einheiten bleiben ein paar ICE übrig, um ausgefallene und mangels Wartung mit den üblichen Defekten liegenbleibende Züge zu ersetzen. Denn geändert hat sich auch in diesem Winter an der DB-Verkehrssituation nichts. Sobald 3 cm Schnee fallen und die Temperatur -3 °C erreicht, fallen ICE und Weichen aus. Weil Vorsorge einfach zu teuer ist und kaum noch Personal vor Ort ist, vor allem kein sachkundiges.

Bei den genannten leichten, wirklich harmlosen Winterbedingungen am Gleis fuhr auch der in Neuss noch pünktliche RE bis Köln um die 12 Minuten Verspätung ein. Wegen „hoher Streckenauslastung“ (ein Witz) und deshalb mehrenen Halten auf freier Strecke und wegen nicht funktionierender Weichen, die einen Umweg über ein paar Meter weiter rechts parallel laufende Gütergleise erforderte. Auch mein Feierabend brach wegen „hoher Streckenauslastung“ später an. Die DB-Mitarbeiter, hoffe ich, bekommen die Überstunden im späteren Zug wenigstens bezahlt. Ich nicht.

Es ist also wie immer, und als Weihnachtsgeschenk haben nun auch die DB-Mitarbeiter das Nachsehen. Wenn das nicht motiviert…

Nachtrag: In Goslar räumte die Polizei teilweise einen überfüllten Triebwagen, berichtet die Goslarsche Zeitung. Siehe auch hier.

2 Kommentare

  • 1
    Daniel Weigelt:

    Am Montag Abend hat es der RE von Muenchen Hbf nach Passau auch geschafft, auf dem haltlosen Stueck zwischen Muenchen und Freising 8 Minuten Verspaetung wegen hoher Streckenauslastung zu erreichen. Auf einer Strecke, die er normal in gerade mal 25 Minuten faehrt.

    Aber noch besser war das Erlebnis am Freitag davor. Der Algaeu Express (ALEX) (Gehoert der Vogtlandbahn gehoert Arriva gehoert inzwischen der Deutschen Bahn, wenn ich noch richtig durchsehe) kam 20 Minuten zu spaet in Freising an und damit auch in Muenchen. Der ICE nach Stuttgart in Muenchen war inzwischen weg, also nahm ich den folgenden EC. (Lt. Fahrplan ein paar Minuten schneller als der ICE!) Der fuhr 10 Minuten zu spaet ab, weil man noch was an einem Wagen kontrollieren musste. Als der dann aus Ulm raus war, wurde durchgesagt, das er auf Grund eines Problemes an einem Wagen Stuttgart nicht anfahren kann und man deshalb in Esslingen in die S-Bahn nach Stuttgart umsteigen musste. In Esslingen konnte ich einige Leute noch vom Einsteigen abhalten, dort wurde auf dem Bahnsteig nichts durchgesagt, dass der EC nicht ueber Stuttgart fahert.

  • 2
    Lukas:

    Hallo Daniel,

    ALEX heisst inzwischen Arriva-Laenderbahn-Express (zumindest der Nordast) und gehoert jetzt Trenitalia.

    Muenchen-Freising wundern mich 8 Min gar nicht. Die Strecke ist mit ALEX+RE+S-Bahn+GV am Anschlag.

    Achja, und wenn wegen des Schadens Stuttgart nicht angefahren werden kann, handelt es sich ziemlich sicher um einen Fehler am Steuerwagen/der Leitung fuer die Steuersignale. Dann wuerde der Kopfbahnhof unverhaeltnismaesig Verspaetung produzieren. (Ich will damit keine neue S21 Diskussion anstossen, nur eine nuechterne Feststellung.)

 
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