Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Höhere Gewalt

29.12.10 (Deutschland, Eisenbahn, Fernverkehr, Marginalien, Nahverkehr, Straßen-/Stadtbahnen, Triebwagen)

Höhere Gewalt war früher ein Begriff für Erscheinungen, gegen die Menschen machtlos sind. Sieht man von göttlicher Fügung ab, gehören heftige Wetterphänomene – Sturmfluten, Dauerregen, schwere Gewitter und Orkane – zweifellos zu höherer Gewalt, die das öffentliche Leben und den Verkehr stark beeinträchtigen oder für gewisse Zeit lahmlegen können.

Jahreszeiten gehören per Definition nicht zu den Phänomenen höherer Gewalt, zumal wir alle eine gewisse Erfahrung damit haben und wissen, dass es im Sommer gewöhnlich warm bis heiß ist und im Winter kalt, mit mehr oder weniger Schnee. Das weiß jeder Mensch und versucht sich darauf einzurichten, so gut es eben geht. Anders wäre ein Überleben in Sibirien oder den Tropen nicht möglich.

Verkehrsunternehmen wie die Deutschen Bahn und die Rheinbahn kennen menschliche Erfahrungen jedoch nicht. Sie scheinen dem Kalkül von Kostenrechnern unterworfen zu sein, denn diese Unternehmen – und zahllose andere – rechnen im Winter nicht mit Winter und im Sommer nicht mit Sommer. Diese Verkehrsunternehmen haben sich so sehr von ihren Kunden abgewendet, dass sie selbst höhere Gewalt ausüben.

Denn sie haben Eigennutz über ihren Daseinszweck gestellt, und der wäre eigentlich, Verkehrsleistungen für ihre Kunden zu erbringen.

Es ist inzwischen unnötig, sich über das flächendeckende Versagen der Deutschen Bahn noch länger zu erregen, selbst wenn einer der größten Opportunisten und Lobby-Vertreter, Verkehrsminister Ramsauer, nun die Mängel der Bahn ermitteln lässt. Die waren übrigens schon letztes Jahr bekannt. Mit dem Effekt, dass es dieses Jahr nur noch schlimmer ist und sich Bahnchef Grube erneut als verbaler Seifenblasenproduzent ohne Durchsetzungskraft deklassiert hat. Und weil er in Deutschland nichts, aber auch rein gar nichts zustandebringt, vergnügt er sich mit Züglein in die Nachbarländer oder kauft gleich ganze Netze auf. Wohl in der Hoffnung, dass dort noch Eisenbahner sitzen, die ihren Job gelernt haben und ihr Netz beherrschen. Auch bei 20 cm Schnee, so wie bei der Deutschen Bundesbahn und der Deutschen Reichsbahn, bevor diese 1994 dem Privatisierungswahn zum Opfer fielen.

Dynamische "Fahrgastinformation" am 1. Weihnachtstag, als der Verkehr am Morgen kurz lief und dann fast komplett wieder eingestellt wurde (Foto: FW)

Bei der Düsseldorfer Rheinbahn findet man bereits bei 10 cm Pulverschnee hinreichend Gründe,  den Betrieb mit Bussen und Straßenbahnen an Heiligabend bis auf weiteres einzustellen: Die Awista, ebenso ein städtischer Eigenbetrieb, habe die Straßen nicht geräumt (was er auch fünf Tage später noch nicht getan hat); die Elektronik der Niederflurbahnen würde die Fahrzeuge abschalten; man habe nur noch einen Schneepflug; in den Rillen sei Schnee, der sofort zu Eisklumpen gefrieren würde. Was man nicht sagt: Nach dem schneereichen Winter letztes Jahr hat die Rheinbahn offenbar mit rheinischer Lässigkeit darauf gesetzt, dass es dieses Jahr keinen Schnee geben würde. War ja nur Zufall, dass es im Winter geschneit hat. Deshalb hat man auch kein “Notfall”-Konzept und stellt den Betrieb lieber komplett ein. Das erspart mühseliges Nachdenken. Wie gut, dass es die Feiertage waren und der Schnee auf den Straßen fast weggetaut ist. Durch Nichtstun erledigt sich manches, wenn man es mit der Betriebspflicht nicht so ernst nimmt. Und der Bilanz tut es allemal gut, wenn man Kosten spart und das strapazierte Personal ausruhen lässt.

Ich habe am 1. Weihnachtsfeiertag, als bei der Rheinbahn fast nichts ging, am Bilker Bahnhof mit den Schuhen und Fingern an den verschneiten, teilweise von Bussen mit Schnee zugefahrenen Gleisen gekratzt und nur Schneematsch gefunden. Hier die Fotos:

Bei diesem Schneematsch kapituliert die Rheinbahn. Zu viel für tonnenschwere Straßenbahnen.

Gegen zwei Tage alten Schnee ist die Rheinbahn machtlos, das müssen Sie doch verstehen!

Mit zwei Fingern habe ich mühelos den Schneematsch aus der Rille gewischt, bei ca. 1° C. Die Rheinbahn kann das nicht.

Gewalt, das ist das, was heute die Deutsche Bahn und die öffentlichen Verkehrsbetriebe gegen Menschen ausübt. Obwohl sie dazu nicht legitimiert sind. Indem sie Fahrgäste zu Geiseln ihres Unvermögens machen und ihnen Lebenszeit und Bewegungsfreiheit stehlen und sich ihre schlechten Leistungen teuer bezahlen lassen. Eine besondere Form der Wirtschaftskriminalität.

Ein Produkt aus mangelnder Demut gegenüber Kunden, Unfähigkeit, Arroganz und Profitgier. Gestärkt durch Aufsichtsräte und Abgeordnete, die ihren Job nicht machen oder schlicht intellektuell überfordert sind.

In den Leserbriefspalten der Zeitungen erregen sich inzwischen überall Hunderte über unsere Verkehrsunternehmen. Schade, dass es kaum andere Möglichkeiten gibt, den Zuständen und der Überheblichkeit der Vorstände und Politiker ein Ende zu machen. Wir ertragen sie schon viel zu lang auf dem Weg in ein verkehrspolitisches Entwicklungsland.

Rheinische Post

Kölner Stadtanzeiger

Versagen auch in Köln

Dauer-Drama S-Bahn Berlin

Keine Geduld mehr mit der DB

Die Regiobahn, eine Privatbahn mit einer Pendelstrecke und nicht verspätungserzeugenden Langläufen durch ein großes Bundesland, fuhr trotz Schnee in aller Regel bis auf zwei bis fünf Minuten pünktlich. Aber die wird auch von Eisenbahnern und nicht von Selbstdarstellern geleitet. Danke!

Beliebt und pünktlich bei jedem Wetter: Regiobahn Kaarst - Mettmann (Foto: FW)

 
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