Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Bei Amtrak sind Waffen willkommen

15.01.11 (Eisenbahn, Marginalien, Marketing, Nordamerika, Personenverkehr)

Ausschnitt aus TRAINS Februar 2011

Unmittelbar nach dem Attentat auf die demokratische US-Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords las ich in “Trains” eine Meldung, die unter der schönen Überschrift “This car is packing heat” = “In diesem Wagen ist heiße Ladung” die seit Ende 2010 neuen Beförderungsbedingungen bei der amerikanischen Personenfernverkehrsgesellschaft Amtrak schildert. Ein gottesfürchtiger republikanischer US-Senator und – natürlich – die geliebte National Rifle Association haben durchgesetzt, dass Reisende im Gepäckwagen von Amtrak-Zügen zum persönlichen Schutz am Zielort ein kleines Waffenlager mitnehmen können. Insgesamt bis zu 23 Kilo. Man muss den Transport 24 Stunden vorher anmelden und kann nur in Bahnhöfen einsteigen, die noch besetzt sind, was eher selten bei den Landbahnhöfen der Fall ist, in deren Nähe man Elchgewehre und Bärentöter (bis zu 1575 mm lange Gewehre sind erlaubt) sofort gezielt einsetzen könnte.

Aber auch die Sporttasche mit der ordentlich in einem Futteral verstauten Pistole darf nun im Gepäckwagen abgegeben werden. Dazu bis zu 11 Pfund Munition, was für eine nette kleine Schießerei unter Schutzgelderpressern oder die so beliebten Massaker in Schulgebäuden ausreichen dürfte. Vorsichtshalber sollte man den Transport in solchen Fällen aber unter einem falschen Namen registrieren, um die Täterermittlung nicht unnötig zu beschleunigen. Ein Auszug aus den Beförderungsbedingungen:

All firearms (rifles, shotguns, handguns, starter pistols) must be unloaded and in an approved, locked hard-sided container not exceeding 62″ L x 17″ W x 7″ D (1575 mm x 432 mm x 178 mm). The passenger must have sole possession of the key or the combination for the lock to the container. The weight of the container may not exceed 50 lb/23 kg.

Damit sich Waffennarren unterwegs nicht mal schnell eine Knarre aus dem Gepäckwagen holen und Raubüberfälle auf die zuweilen langsam dahinkriechenden und Güterzügen ausweichenden Fernzüge soweit wie möglich erschwert werden, installiert Amtrak für über 2 Millionen Dollar in 142 Wagen abschließbare Schränke.

Der kostenlose Service soll sich auszahlen. Vermutlich, weil sich Amtrak ein paar Kunden mehr verspricht, die ihre Lieblinge aus bekannten Gründen im Flugzeug nicht mitnehmen können.

Die Marketingabteilung von DB Fernverkehr ist ja für alle Ideen aus dem Flugverkehr sehr aufgeschlossen und hat ihre Fernzüge seit Jahren geschickt als Alternative zum Flugverkehr platziert, was sich in hohen Preisen, “Service am Platz”, Verspätungen und wenig Stauraum für Menschen und Gepäck niederschlägt. Nur die redundante, also mehrfach vorhandene Klimaanlage, konnte aus Kostengründen noch nicht aus dem Flugzeugbau übernommen werden.

Der Marketingabteilung sei dieser bahnbrechende Service aus den USA jedenfalls wärmstens empfohlen. Am besten unterstützt von einer breit angelegten Werbekampagne in den Waffenzeitschriften und – unbedingt viral – in Facebook und anderen unsozialen Medien. Stilvoll ergänzt durch die brünierte Spezial-BahnCard Rail’N’Gun mit 20 % Aufschlag und einem Fläschchen Waffenpflegeöl Ballistol, das auch sonst beim Überleben hilft. Der Waffen tragende baden-württembergische Justizminister Ulrich Goll (FDP) dürfte einer der ersten sein, der seinen lauten Ferrarisitz gegen einen leisen ICE-Platz 1. Klasse eintauscht. Das Waffenabteil kann die Bahn diskret in einer der Toiletten einrichten, die “vorübergehend außer Betrieb” sind.

Der prestigefördernde Aufmerksamkeitseffekt, der bei der Waffenübergabe zugunsten von Managern und Politikern mit unterentwickeltem Selbstbewusstsein oder professionell bedingten seelischen Deformierungen generiert wird, sollte marketingtechnisch nicht unterschätzt werden. Zumal in Zeiten, in denen fast jeder Durchschnittsbürger ein iPhone bei sich trägt.

3 Kommentare

  • 1
    Tweets that mention Bei Amtrak sind Waffen willkommen /// Railomotive -- Topsy.com:

    [...] This post was mentioned on Twitter by alfanovember. alfanovember said: RT @RAILoMOTIVE: Endlich! In den USA können Sie Ihre Waffen im Zug mitnehmen! http://t.co/Y7ZSMkR #bahn #amtrak [...]

  • 2
    Stefan Kirchberger:

    ;-) Erinnert mich an einen Inlandsflug vor Jahren im Jemen: dort mußte man bei Yemenia den zur Männermode gehörenden Krummdolch vor dem Einchecken abgeben. Die Fluglinie hatte passende verzierte Kartons in verschiedenen Größen dafür…

  • 3
    HJ:

    Ja, die Amis …. wenn’s um Waffen geht sind die sehr entgegenkommend, ganz im Gegensatz zum Import von Kinder-Überraschungseiern.
    http://ca.news.yahoo.com/womans-candy-egg-seized-border-20110110-145449-459.html
    Wurde einer Kanadierin bei der Einreisekontrolle in die USA ein $2 Überraschungsei beschlagnahmt, ihr wurde weisgemacht dass es sich dabei um Konterbande (Waffen-Schmuggelgut) handle, die Strafe dafür betrage $300 etc.
    Sie erhielt auch einen siebenseitigen Brief, den sie zur offiziellen Zerstörung des Kindereis beantworten musste. Alles sehr interessant und aufschlussreich.
    Wohne gar nicht weit von der Grenze nach USA, war aber seit 1999 nie mehr da unten. Zuviele Waffen und nicht genug Kinder-Eier. Oder wie man auf gut Deutsch sagt “die sind mir zu bekloppt!”

 
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