Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Der Widerstand gegen Stuttgart 21 geht kraftvoll weiter

29.01.11 (Bahnhöfe, Eisenbahn, Marginalien)

Der Widerstand gegen das Immobilienprojekt mit angeschlossenem Tiefbahnhof Stuttgart 21 geht weiter und wird heute um 14 Uhr in einer Großkundgebung am Hauptbahnhof wieder Zehntausende auf die Straße bringen.

Der Deutschlandfunk erinnerte in einer ausgewogenen Sendung heute an den Baubeginn vor einem Jahr und machte auch deutlich, dass der Widerstand gegen S21 eine kulturelle und politische Bewegung geworden ist. Zwar ist zu befürchten, dass auch heute die Medien die Kundgebung etwa so intensiv beachten wie den Widerstand der Ägypter – gestern berichteten nur ZIB des österreichischen ORF, CNN und Al Jazeera ausführlich und live, so gut es ging, aus Ägypten, während Punkt 22 Uhr auf fast allen deutschen Sendern die Talksshows zu laufen begannen. Keine Sondersendung. Aber es hat ja auch nicht 10 cm geschneit, um eine leicht zu bebildernde „Schneekatastrophe“ herbeizureden. Und mit Schnee kennen wir uns ja auch gut aus, gell, liebe Kollegen?

Deutschen Redakteuren scheint generell ein Gefühl für soziale und politische Bewegungen zu fehlen, sofern diese nicht schon eine jahrelange Tradition und sich thematisch „bewährt“ haben. Wie anders wäre sonst die wochenlange Beschäftigung mit einem künstlichen Pseudodschungelcamp bis hinein in die Feuilletons eigentlich ernstzunehmender Blätter zu erklären? Unwichtiger und irrelevanter geht es wirklich nicht mehr. Aber Irrelevanz gehört mehr und mehr zum medialen Geschäftsprinzip.

Nicht oder mit offensichtlich falschen Zahlen über die Montagsdemos zu berichten, hat in Stuttgart bereits Tradition. Darauf habe ich am 10. Januar erneut hingewiesen. Jetzt hat auch die Stuttgarter Zeitung mal vom Schreibtisch aus recherchiert (also praktisch wie immer) und berichtet sogar über von der Polizei heruntergerechnete Zahlen. So wie die Polizei ganz offensichtlich die Zahlen der Pro-Teilnehmer, nach dem, was ich über die Webcams beobachten konnte, jeweils mindestens verdoppelt bis vervierfacht hat. Klar, dass das „ohne“ politischen Druck geschehen ist und die offensichtlich falschen Zahlen bereitwillig von dpa und den Medien wiedergegeben wurden, weil die Damen und Herren Redakteure in Stuttgart offenbar einen frühen Feierabend der Berichterstattung über gesellschaftlich relevante Montagsdemos vorziehen. Es wäre natürlich zu viel verlangt, einmal den Zählern der Demo-Organisatoren über die Schulter zu sehen oder das mal mit Fotos zu dokumentieren. Den Vertrauensverlust, der durch offensichtlich falsche Zahlen entsteht, nehmen die Journalisten demnach in Kauf. Auch wenn der eines Tages ihre Arbeitsplätze kosten wird, weil sich viele Stuttgarter nicht hinters Licht führen lassen.

Wenn es noch weiterer Beweise bedurft hätte, dass Stuttgart 21 auf einem Berg von Lügen, Vetterleswirtschaft, CDU-Seilschaften und kriminellen Aktivitäten beruht, ließe sich der unbekümmerte Umgang der Stadt Ulm mit Steuergeldern anführen. Wie die Augsburger Allgemeine berichtete, verschenkte die Stadt Ulm Fahrkarten für Teilnehmer von Pro-S21-Demonstrationen. In Ulm regiert die SPD, die momentan überflüssigste Partei Deutschlands.

Bei Ulm, wenn auch im bayerischen Neu-Ulm, ist ja schon ein Bahnhof entstanden, der den Charme vieler neuer DB-Billigbahnhöfe an Fernstrecken ausstrahlt. Die Kombination aus Klohäuschen, Tankstellendesign und Brachland-Highlight hat jemand hier und in zahlreichen Fotos hier festgehalten. Gebaute Unmenschlichkeit wie der Tiefbahnhof S21, der uns und unseren Nachkommen erspart bleiben soll.

Und schon deshalb muss heute wieder gegen Stuttgart 21 demonstriert werden!

Am 5. Februar geht es überall in Baden-Württemberg weiter: Stuttgart 21 bremst aus.

Nachtrag 18 Uhr: Auf der Großdemonstration waren nach Angaben der Veranstalter 40.700 Menschen. Die Polizei hat 13.000 Teilnehmer geschätzt. Die Redakteure von dpa Stuttgart, denen ich inzwischen Böswilligkeit und unseriöse Arbeit bescheinigen muss, schreiben, in der StZ wiedergegeben: „Mit roten Nasen und klammen Fingern haben am Samstagnachmittag wieder etliche tausend Menschen in Stuttgart gegen die Bauarbeiten am umstrittenen Milliardenprojekt Stuttgart 21 demonstriert.“ Sind über 10.000 oder Zehntausende „etliche tausend?“. Grundkenntnisse der Mathematik sind offenbar keine Einstellungsvoraussetzung bei dpa Stuttgart.

Ich empfehle den Stuttgarter dpa-Redakteuren, sich eine rote Pappnase als Erkennungszeichen für ihre journalistische Kompetenz aufzusetzen und nach Köln umzuziehen. Dort können sie dann kompetenz- und recherchefrei vom Fenster aus über den Karneval berichten. Klamme Finger und rote Pappnasen sind in dort in der Karnevalszeit (schwäbisch: Fasnacht) sowieso Standard. Und die dpa-Schreiberlinge nicht mehr intellektuell und sprachlich überfordert.

Nachtrag 19.15 Uhr: Interessant! Entweder hat dpa nachgearbeitet oder ein StZ-Redakteur mit Verstand nachgeholfen: Der alte dpa-Beitrag ist verschwunden und wurde durch einen neuen ersetzt, der jetzt so anfängt: „Liebevoll wärmt eine Mutter die Ohren ihres Sohnes. Die Seniorin nebenan zieht ihren Schal ein wenig enger. Es ist kalt an diesem Samstag in Stuttgart, minus ein Grad zeigt das Thermometer. Doch die Gegner des umstrittenen Milliardenprojekts Stuttgart 21 lassen sich davon nicht schrecken. Zu Tausenden sind sie in die Innenstadt gekommen, um bei der ersten Großdemonstration des neuen Jahres gegen die Tieferlegung des Bahnhofs zu protestieren. Und wieder das alte Spiel: Die Polizei errechnet 13.000 Demonstranten, die Veranstalter zählen mehr als 40.000 Menschen.“

Vielleicht kommt der Sinneswandel wegen der Bildstrecke (mit eingestreuter Werbung). Die Berichterstattung bleibt aber auf Anfängerniveau: Wer hat gesprochen, was wurde gesagt? Auf Fluegel.tv hätten die bequemen und wohl kältescheuen dpa-Redaktuere die Reden verfolgen können. Wenn neben dem gewitzen Regisseur Klaus Hemmerle Francisco Whitaker Ferreira, alternativer Nobelpreisträger und Mitbegründer des Weltsozialforums, und Winfried Herrmann, Bundestagsabgeordneter und Verkehrsausschussvorsitzender, dort auftreten, ist das dpa keine Zeile wert. Lieber wird Frau Gönner zitiert, die nun wirklich nicht auf der Demo gesichtet wurde und in diesem Bericht nichts zu suchen hat. Aber ich sagte ja schon, was ich von dpa Stuttgart halte…

5 Kommentare

  • 1
    Tweets that mention Der Widerstand gegen Stuttgart 21 geht kraftvoll weiter /// Railomotive -- Topsy.com:

    […] This post was mentioned on Twitter by eisenbahn, Ludger Krusenbaum, Siegfried Hornecker, Loretta, Marilen K. and others. Marilen K. said: RT @RAILoMOTIVE: http://railomotive.com/2011/01/der-widerstand-gegen-stuttgart-21-geht-kraftvoll-weiter/ #s21 […]

  • 2
    Daniel Weigelt:

    Sehr schönes Stillleben da in Neu-Ulm. Vor allem mit den zerbrochenen Bierflaschen auf der Treppe, das hat etwas total romantisches.

    Ich hab dieses Feld mit Loch am 1. Mai 2009 gesehen. Was war da vorher? Weißt Du das zufällig?

  • 3
    Friedhelm Weidelich:

    Nein, leider kenne ich mich dort nicht aus. Ein Kollege hat mir den Link zu den Bildern geschickt. Einfachstbahnhöfe, ohne Personal, davon träumt die Bahn. Hauptsache, die Betriebskosten sind niedrig.

  • 4
    Daniel Weigelt:

    Am besten wären doch gar keine Bahnhöfe mehr. Dann könnten die Passagiere nicht mehr zusteigen und wer nicht Bahn fährt, kann sich auch nicht darüber beschweren. Die Züge fahren immer nur noch im Kreis.

    Die Kosten lassen wir in Form einer monatlichen Abgabe (unabhängig vom Einkommen, pro lebender Person und Haustier 49 Euro) von der GEZ-Behörde mit eintreiben.

  • 5
    pseudoruprecht:

    Die Kombination aus Klohäuschen, Tankstellendesign und Brachland-Highlight

    Großartig, Widerstand bringt einfach noch immer die schönsten sprachlichen Leistungen hervor.

    Und ich muss zustimmen; die Berichterstattung der klassischen „Funkhausposaunen“ ist sowohl in der Wahl dessen, worüber, als auch in der Art, wie berichtet und der Tiefe, in die Recherche betrieben wird (ca. 10cm) unglaublich dürftig. Ein Zeitungsabo und jeder Cent GEZ sind inzwischen rausgeschmissenes Geld.

 
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