Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Die kleine Welt des Rüdiger G.

17.01.11 (Bahnindustrie, Deutschland, Eisenbahn, Marginalien, Personenverkehr)

Es ist aufregend, wenn ein Lokalredakteur einen Vorstandsvorsitzenden interviewen kann oder Mäuschen spielen kann, wenn jener große Reden hält. Wer dann nicht vom Fach ist und mitschreiben muss, weil kein Rekorder zur Hand ist, bekommt schon einmal was nicht ganz mit. Das ist menschlich und normal.

Ich weiß nicht, ob der Kollege der Sindelfinger/Böblinger Zeitung eine Aufnahmegerät mit hatte. Jedenfalls präsentiert er eine Menge Aussagen und Zahlen, die Explosionskraft hätten, wenn, ja wenn es nicht die Lokalpresse gewesen wäre, die das veröffentlichte. Ich bin zufällig über einen Twitterer darauf gestoßen. Der Artikel gibt einen schönen Einblick in die kleine Welt des Rüdiger G., der geliebt werden will und der nach eigener Einschätzung alles tut, um die Deutsche Bahn besser zu machen. Wenn, ja wenn nicht die böse SPD, die böse Natur und das böse Eisenbahnbundesamt niederträchtig gegen ihn arbeiten würden.

Nach einer wahrscheinlich von dem CDU-Landtagsabgeordneten vorgetragenen, zu Tränen rührenden Geschichte, wie Grube quasi vom Tellerwäscher zum Millionär wurde und von dem Talentscout Merkel gezwungen wurde, über Nacht bei Daimler hinzuschmeißen und ihm Tiefensee das Du angeboten habe, muss Grube natürlich auf die SPD schimpfen. Die Stuttgarter SPD soll eine Position haben? !“Da wissen Se mehr als isch“, sagt man im Rheinland dazu zweifelnd. Denn die SPD stellt sich bei Stuttgart 21 noch mehr tot und noch dümmer an als die Regierungsparteien.

Zitat: In der Sektkellerei bezog er Stellung: Mit Authentizität habe die Haltung der SPD zu Stuttgart 21 nichts mehr zu tun, kritisierte der Bahnchef. Schröder habe für das Projekt einen Eilantrag unterschrieben und Müntefering sich dafür eingesetzt. Jetzt wolle die SPD das Volk nochmal abstimmen lassen. Das gehe gar nicht, so Rüdiger Grube. Seit 1995 gebe es das Konzept für S21. „Es tut mir leid, dass ich bei Ihnen vor der Haustür so viel Ärger bereitet habe“, sagte Grube.

Ja, er will geliebt werden. Und lamentiert, nicht nachprüfbar: „Das Eis im Gleisbett hat uns in einer Nacht dreißig IC-Züge kaputt gemacht und wir haben nur 352.“ Eine Packung Mitleid bitte, möchte man da tränenerstickt rufen! Jetzt macht schon das Gleisbett die Züge kaputt! Wer’s glaubt, wird selig. Und ich kann mich an Zeiten erinnern, als das Eis noch friedlich war und Züge auch im Winter pünktlich durch Schnee und Eis rollten. Es kann also nur an Grube liegen, wenn das Eis sich jetzt so wehrt.

Doch jetzt kommt’s: 176 Fahrzeuge der Firma Bombardier seien schon im Sommer lieferfertig gewesen, aber das Eisenbahnbundesamt und die Firma haben sich über die Zulassung nicht einigen können. Dieses Amt ist für Grube ein Hemmschuh.

Ich weiß nicht, ob er es so gesagt hat und weiß, was ein Hemmschuh ist. Den legten die Rangierer früher auf die Schiene, um Güterwagen zu bremsen oder im Stand zu sichern. Die Aufsichtsbehörde zu beschimpfen, ist jedenfalls kein guter Stil – selbst wenn die manchmal ein wenig langsam zu sein scheint. Doch die hat die Aufgabe, die DB zu kontrollieren, was sie viel zu wenig tut, mangels Personal.

Im Grunde war das Lamento ein Affront, aber wer merkt das schon… Ein Zeichen, dass der Automanager noch immer nicht in der Welt der Eisenbahn und der Zulassungsverfahren angekommen ist, ist es allemal. Wen überrascht das schon?

Kein Trost ist auch folgende Botschaft, auch wenn der Lokalreporter sehr beeindruckt zu sein scheint:

2016 kommen 300 neue Züge. Ein 5,5-Milliarden-Auftrag für die Firma Siemens sei vorbereitet. Damit werden 300 Milliarden Euro in die IC-Flotte investiert.

Da wird sich Siemens aber freuen, das aus der Lokalzeitung oder hier bei RAILoMOTIVE zu erfahren. Bisher hatte Grube die Verhandlungen über ein halbes Jahr herausgezögert und wollte dem Vernehmen nach die Kaufsumme für die Siemens-ICx von 4 auf 3 Mrd. Euro drücken. Jetzt sind es also 5,5 Milliarden? Gratulation!

Die Züge sollten eigentlich 2014 kommen. Aber auf ein paar Jahre kommt es ja nicht an, obwohl Grube für das „meist befahrenste Schienennetz der Welt“ (eine hübsche doppelte Steigerung und nicht unbedingt wahr) „am optimalsten“ wie ein Vater hanseatischer Brot-und-Butter-Mann sorgt. Wahrscheinlich hat er ein paar Jahre Verzögerungen durch das böse Eisenbahnbundesamt schon einkalkuliert in seiner kleinen Welt, in der er, der Gute, allein gegen das Böse kämpft. Wenn ihm nicht der plötzlich aufgewachte Ramsauer ein paar Bilanzierungstricks und Gewinnverschiebungen vermasselt.

Übrigens: Nie und nimmer werden 300 Milliarden in die IC-Flotte investiert. 300 Millionen – höchstens. Wo doch Stuttgart 21 am Ende nur 25 Milliarden kosten wird… 😉



 
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