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Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

NordWestBahn droht DB Netz mit Zahlungsboykott

10.01.11 (Bahnhöfe, Deutschland, Eisenbahn, Gleisbau und Wartung, Personenverkehr)

Während sich die Berliner Stadtregierung weiter als unfähig erweist, das S-Bahn-Problem endlich anzupacken, der selbsternannte Brot-und-Butter-Mann (eher: Weckenmännle) Grube im Berliner Abgeordnetenhaus ausgelacht wird, weil ihm keiner mehr glaubt und Berlin als versagendes Gemeinwesen apostrophiert wird, wehrt sich nicht nur die Bahnindustrie gegen die ständigen Vorwürfe, Schrott abgeliefert zu haben. Grube, offensichtlich ebenso überfordert wie sein Personenverkehrsvorstand Homburg, hält das S-Bahn-Chaos sogar für unlösbar. Eine Pleiteerklärung, die bei dem Bundesverkehrsministerdarsteller Ramsauer, gemeinhin Fähnchen im Wind, keine Reaktion auslöst. Investieren müsse man. Für ihn offensichtlich eine neue Erkenntnis. Und damit es leichter fällt, muss die DB eben 500 Millionen an den Bund abdrücken. Wie wär’s denn mit einem Investitionsverbot im Ausland, um den Spielkindern im DB-Vorstand mal das Finanz-Spielzeug wegzunehmen und ihn auf den harten Boden des Kerngeschäfts zu holen?

Die FTD hat Grubes heutigen Tag, auch eine Art Majestätsbeleidigung für den arroganten Vorstandsvorsitzenden mit seinen durchaus beeindruckenden rhetorischen Fähigkeiten, dem Händeschütteln als verlogene Freundschaftsgeste und dem Talent zu ausweichenden Antworten, sehr schön beschrieben.

Die NordWestBahn ist mit dem schlechten Zustand von Bahnhöfen und Strecken sehr unzufrieden und sieht sich von der DB Netz AG ausgebremst (Foto: FW)

Inzwischen wird auch der Ton der DB-Mitbewerber schärfer, denn sie sind auf eine DB Netz AG angewiesen, die ihr Netz ganz offensichtlich auf Verschleiß fährt. Dabei hat sie es mit Strecken, die Mitbewerber befahren, am wenigsten eilig, wenn wesentliche Komponenten ausfallen. Das passt zu dem Eindruck der Privatbahnen, den sie auch bei anderen Dienstleistungen der DB haben. Heute machte die Nordwestbahn ihrem Ärger mit der folgenden Pressemitteilung Luft:

Immer häufiger bremsen Bahnübergangsstörungen, Stellwerkausfälle, festgefrorene Weichen, Langsamfahrstellen und Personalausfälle bei DB Netz die NordWestBahn aus.  „Unsere Kunden haben zu Recht den Anspruch, dass wir sie das ganze Jahr über pünktlich an ihr Ziel bringen. Wir zahlen an DB Netz für die ganzjährige Nutzung der Schieneninfrastruktur einen zweistelligen Millionenbetrag. Wir erwarten deshalb, dass DB Netz alles dafür tut, das wir ganzjährig ohne Einschränkung fahren können“, so die Geschäftsleitung der NordWestBahn (NWB). Derzeit sind Wartung und Qualität der Infrastruktur aber oft derart miserabel, dass sich das Osnabrücker Unternehmen nun entschieden hat, DB Netz mit der Zurückhaltung einer Millionenzahlung zu drohen.

In den letzten Wochen waren es Schnee und Kälte, die die Zuverlässigkeit aller Verkehrsmittel beeinträchtigen. Bei der DB kam es immer wieder zu Weichen-, Signal- und Bahnübergangsstörungen. Dabei wurden von den Betriebsleitungen der NWB regional große Unterschiede festgestellt. Während beispielsweise in Ostwestfalen viele DB-Mitarbeiter vor Ort mit Engagement gegen Schnee und Kälte ankämpften, vermisste die NordWestBahn jenes Bemühen insbesondere an Niederrhein und im Ruhrgebiet. So hätten die Züge der NordWestBahn am 23. Dezember über Stunden das Depot in Duisburg nicht verlassen können, weil Weichen eingefroren waren. Auch auf der Strecke zwischen Dorsten und Bottrop sowie Dorsten und Dortmund kam es im Dezember immer wieder zu massiven Störungen. „Es fehlen oft schlichtweg funktionierende Weichenheizungen. Umso ärgerlicher, wenn man sich bei DB Netz sehr viel Zeit lässt, die Weichen wieder in Gang zu setzen“, kritisiert die NWB.

Ärgerlich im Winter waren auch vereiste Bahnsteige, die so gefährlich für die Fahrgäste waren, dass die DB eine Sperrung oder Teilsperrung veranlasste. Und Teilsperrung bedeutete, dass Fahrgäste nur in ein Fahrzeug einsteigen konnten, selbst wenn die NWB mit drei aneinander gekuppelten Fahrzeugen gefahren ist. Ergebnis: Verspätung wegen langer Einsteigezeiten und Enge in den Fahrzeugen für die Fahrgäste. (Anm.: Die DB kassiert für jeden einzelnen Halt eines Zuges Gebühren für einen ordentlichen Bahnhofszustand.)

Aber auch rein organisatorische Gründe hindern die NWB immer wieder an einer planmäßigen Befahrung der Strecken, zum Beispiel, weil morgens die Fahrdienst- und Stellwerksleiter nicht rechtzeitig vor Ort sind „Wir fordern – wie bei unseren eigenen Lokführern üblich – von der DB im Winter einen früheren Dienstantritt, damit z. B. frühzeitig Weichenheizungen eingeschaltet werden“, so die NWB.

Ganz dramatisch sieht die NordWestBahn die Infrastruktur auf der Linie RE 10 zwischen Kleve und Düsseldorf getroffen. Nicht weniger als 1.500 Streckenstörungen haben die Mitarbeiter des Unternehmens dort im Jahr 2010 gezählt: Schranken funktionieren nicht, Signale fallen aus, über Monate behindern Langsamfahrstellen den Verkehr. „Das sind im Schnitt vier Streckenstörungen am Tag! Das erschwert es uns immens, den Fahrplan im 30-Minuten-Tag verlässlich einzuhalten“, so die NWB-Geschäftsführung.

Auch auf den elektrifizierten Strecken im Netz der Regio-S-Bahn rund um Bremen kam es zum Jahresende zu massiven Störungen der Infrastruktur. So fielen wichtige Stellwerke an größeren Stationen wie Delmenhorst aus, die Hubbrücken über die Hunte in Oldenburg und Elsfleth waren über Stunden eingefroren und zahlreiche Weichen waren morgens festgefroren.

Besonders ärgert die NordWestBahn, dass offenbar für den Fernverkehr Sonderregeln im winterlichen Verkehr gelten. Auf den Strecken Osnabrück – Bremen und Hannover – Bielefeld wurden wiederholt pünktliche Züge der NWB in Abstellgleise rangiert, um dort bis zu 15 Minuten auf die Überholung durch verspätete IC zu warten. Bei der NWB kommt der Verdacht auf, dass Strecken privater Betreiber durch DB Netz einen schlechteren Service erhalten als Strecken für DB-Züge.

Die Mängelliste der NordWestBahn ist lang. Regelmäßig hat das Unternehmen die verschiedenen Problemfelder mit den Kollegen von DB Netz diskutiert. Die Verantwortlichen der DB Netz vor Ort, so die Erfahrung, zeigen Verständnis und sind zu einer guten Zusammenarbeit bereit. Strukturelle Probleme oder Investitionsstaus können sie aber auch nicht lösen. Und zu konkreten, verbindlichen Lösungen zu kommen, setzt die Geschäftleitung der NordWestBahn nun auf die Drohung der Zurückhaltung der nächsten Millionenzahlung. Die NWB wird außerdem die Bundesnetzagentur, das Eisenbahnbundesamt und das Bundesverkehrsministerium einschalten, um sicher zu stellen, dass die DB ihren Verpflichtungen zur Infrastruktur nachkommt.

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