Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Stuttgart 21 und besondere Lektüre

25.01.11 (Deutschland, Eisenbahn, Literatur, Marginalien, Nordamerika, Straßenverkehr)

Zu den schönen Erlebnissen des Bahnfahrens gehört, dass die Züge im Regionalverkehr seit Tagen auf die Minute pünktlich sind. Ob das an den Temperaturen liegt oder dem verdienten Donnerwetter, das hoffentlich über die Bahnvorstände hereingebrochen ist, weiß ich nicht. Eine Verbesserung, die hoffentlich noch eine Weile anhält, ist es allemal.

Zu den schönen Erlebnissen des Bahnfahren gehört auch, wenn niemand seine Berufs- oder Lebensgeschichten lauthals am Handy erzählt und man in Ruhe lesen kann. Und seitdem ich diesen Eisenbahn-Thriller in der Bahnhofsbuchhandlung entdeckt habe, freue ich mich auf jede Bahnfahrt. Es ist wohl kein historischer Roman und reine Fiktion, aber so gut und detailreich erzählt, als würde man einen Kinofilm sehen: Die Detektive von Van Horn, zweifellos eine Anlehnung an die bekannten Pinkertons, versuchen einen Kriminellen zu finden, der in äußerst trickreicher Weise Züge der Southern Pacific entgleisen lässt. Der Chefdetektiv nähert sich ihm immer wieder, verpasst ihn aber um Haaresbreite. Der „Wrecker“, der Saboteur, entkommt ihm natürlich jedes Mal, weil er skrupellos und sehr einfallsreich ist. Und wir wollen ja noch ein weniger mehr Spannung haben. Der Roman spielt 1907 und endet (vermutlich) im ersten Kapitel 1934 in Garmisch-Partenkirchen. Um den Zusammenhang zu erkennen, muss ich den Roman noch bis zum Ende auf Seite 451 lesen. Bis Seite 174 bin ich in einer Woche gekommen – was für das Buch spricht, auf das ich mich jeden Tag freue.

Das Englisch ist manchmal bewusst etwas altmodisch, aber die Bestsellerautoren Clive Cussler und Justin Scott beschreiben die Szenen so ausführlich, dass man schon einmal über unbekannte Worte hinweglesen kann. Sie verstehen etwas von Eisenbahn, was den spannenden Lesespaß noch erhöht.

Erfreulich ist auch, dass in Stuttgart die Montagsdemonstrationen weitergehen und jedesmal Tausende vor Ort sind – auch wenn dpa und Polizei die Teilnehmerzahlen grundsätzlich wieder stark herunterrechnen. Gut auch, dass Eisenbahn-Romantiker Hagen von Ortloff am Montag mal wieder Flagge zeigte. Ich hatte schon den Verdacht, dass sein meinungsfreudiger Sender SWR ihm einen Maulkorb verpasst hätte…

Der Wahlkampf ist in vollem Gang. Das Lügenpack – man kann es nicht anders nennen – lanciert Meldungen, die der CDU nützen sollen. Doch sollte man  nicht zu viel Raffinesse erwarten, schon gar nicht spin doctors der gehobenen Kategorie, wie man sie zur Desinformation und Propaganda heutzutage braucht. Und so kommt nichts heraus als durchsichtige Lügen und pralle Dummheiten, auf die nur ein naiver Noch-CDU-Wähler hereinfällt.

Jüngstes Beispiel: Die Stuttgarter Zeitung entblödet sich nicht, den natürlich über die bei Stuttgart 21 bekanntlich immer wahrheitsgemäß und vor Ort akribisch recherchiert berichtende dpa (Kürzel: lsw für Landesdienst Südwest der einst ehrwürdigen Deutschen Presse-Agentur) in die Medien geschobenen Blödsinn des Innenministeriums abzudrucken. „Keine Zeit für Tempokontrollen“ wegen der Montagsdemos ist durchsichtige CDU-Propaganda mit eingebautem Boomerang-Effekt, weil es wohl keinen stören wird in diesem Autonarren-Land mit einer Blitzerdichte, die ihresgleichen sucht und von pietistischem Kontrollzwang geprägt ist. StZ-Redakteure geben sowas unkommentiert weiter, obwohl dieser Pressemitteilungsmüll direkt in den Papierkorb gehört. Aber die lieben copy&paste-Journalisten dort lesen wahrscheinlich nicht einmal, was sie da ins Internet gestellt haben. Zumal Tempokontrollen in Baden-Württemberg wie in keinem anderen Bundesland reine Wegelagerei ohne Nutzen (außer für die Staatskasse) sind. Zitat der Rechschen Pressemitteilung: „Als möglichen Grund für den Rückgang (der Straßenverkehrskontrollen) nannte das Innenministerium die hohe Einsatzbelastung der Beamten – unter anderem aufgrund zahlreicher Demonstrationen gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21. Auch die Dauerbewachung freigelassener, psychisch gestörter Straftäter habe zahlreiche Beamte gebunden. Deshalb habe die Polizei weniger kontrolliert.“

Ja hallo, ist das Musterländle denn ein Land von Geistesgestörten? Manchmal drängt sich das ja auf, wenn ich mir die Politik dort anschaue. Ich wusste jedenfalls nicht, dass Baden-Württemberg so viele psychisch gestörte Straftäter hat, dass ganze Polizeihundertschaften zum Schutz erforderlich sind! Geistige Störungen vermute ich eher ganz woanders, doch zu einer Anklage geschweige denn Verurteilung wird es in diesem Land nie kommen. Nicht zuletzt, weil die Stuttgarter Zeitungen das Recherchieren längst verlernt haben. Da übernimmt man doch lieber kritiklos dpa-Texte und spart sich das Denken und eine Menge Arbeit. Ein paar schlichte Gemüter finden sich ja immer, die für solche journalistischen Minderleister auch noch Geld bezahlen.

Ein Kommentar

  • 1
    besorgter Bürger:

    Mit Entsetzen habe ich diesen Beitrag gelesen. Wenn in nächster Zeit die Unfallrate wegen Raser oder Alkoholfahrten wieder hoch geht, werden sich hier einige ganz schon umschauen. Wenn es dann einen persönlich trifft, ist das Geschrei groß, aber dann sollte man sich kurz besinnen, daran erinnern, dass man den „Kontrollzwang“ des Staates ja veruteilt, und das eigene Schicksal annehmen. Ich jedenfalls bin ein Befürworter der Kontrollen, denn der Mensch neigt dazu, im Laufe der Zeit seine Grenzen immer weiter weg zu schieben, wenn er nicht an eine gesetzte Grenze stößt. Und was den Einsatzaufwand für die Polizei betrifft. Am besten sollte die Polizei bei der nächsten Demo einfach mal weg bleiben und schauen, was passiert. Danach nimmt man einfach den Versammlungsleiter und stellt im alle Kosten in Rechnung, für jeden Schaden, für jede Straßenblockade, für jeden Bürger, der wegen der Demo im Stau stand und Schadensersatz für seinen ausfall fordert. Ja, ich denke, das würde vielen die Augen öffnen, was hier gerade passiert.

 
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