Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Touch & Travel jetzt im iPhone-Test

07.01.11 (Deutschland, Eisenbahn, Innovationen, Marketing, Personenverkehr, Technologien)

Im August habe ich den Sinn und Erfolg von Touch & Travel negativ bewertet, weil es an Handys fehlt, die mit einem NFC-Modul (Near Field Communication) ausgerüstet sind und niemand Lust hat, beim starken Trend zu Smartphones mit Oldtimer-Geräten herumzulaufen. Ich habe noch nie jemand gesehen, der sein Handy an eine der blauen Tafeln gehalten hat, die, scheinbar willkürlich verteilt, in manchen Bahnhöfen (z.B. Köln und Düsseldorf Hbf) reichlich zu finden sind, in Neuss und meinem Regionalbahnhof dagegen nicht. Nur flächendeckend hätte Touch & Travel Sinn.

Ein Leser mit fachlichem Hintergrund teilte diese Meinung nicht, weil Apple doch in NFC investieren würde. In der Tat, als iPhone-App wäre Touch & Travel vielleicht ganz praktikabel, doch wie bekommt man einen NFC-Chip ins iPhone?

Den gibt es noch immer nicht, doch heute verkündete die Bahn, dass es auch anders geht (Pressetext) und man weiter testet:

Die Touch & Travel iPhone-Applikation unterstützt drei An- bzw. Abmeldearten: die automatische Positionsbestimmung mittels Geokoordinaten, das Abfotografieren von 2D-Barcodes und die Eingabe der Touchpoint-Nummer. Mit der An- bzw. Abmeldung kurz vor und nach der Fahrt entfällt der eigentliche Fahrkartenkauf (Anm.: gibt es auch einen uneigentlichen?). Der Preis der Fahrt wird automatisch berechnet und am Ende des Monats per Einzugsermächtigung bezahlt.

Fernverkehrsverbindungen (ICE, IC/EC) können deutschlandweit mit der An- und Abmeldung per Positionsbestimmung genutzt werden. In den Zügen des Nahverkehrs und bei der Berliner S- und U-Bahn sowie im Potsdamer Stadtgebiet sind alle drei Möglichkeiten nutzbar. Die Haltestellen werden sukzessive mit einem entsprechenden 2D-Barcode ausgestattet.

Angeboten werden der DB Normalpreis (mit/ohne BahnCard Rabatt) sowie Einzel- und Tagestickets im Verbund.

Interessierte iPhone-Nutzer finden weitere Informationen zu Touch & Travel und zur Applikation unter www.touchandtravel.de. An das Fahrverhalten der Tester werden keine besonderen Anforderungen gestellt. Die Registrierung ist ab 18 Jahren mit einem Telekom Deutschland GmbH Vertrag und einem iPhone ab der zweiten Generation (iPhone 3G) möglich. 10.000 Nutzer können die neue Applikation in der Pilotphase bis zum 30. Juni 2011 testen.

Ein Anfang also, der allerdings nur den „klassischen“ iPhone-Kunden offensteht, die einen Vertrag mit der Telekom haben. Das Ganze funktioniert ohne NFC und ist ein bisschen EDV zu Fuß, wie wir früher sagten. Natürlich muss man gerade an Orten ohne die blauen T&T-Tafeln daran denken, den stromfressenden Ortungsdienst eingeschaltet zu haben und das Ende der Fahrt durchzugeben. (Mir sind die Zugriffe auf die häufig benötigten Einstellungen des iPhones, gerade was Ortungsdienste und Netzwerk betrifft, immer ein wenig zu umständlich und im iOS ungeschickt platziert.)

Trotz vollmundiger Versprechungen, dass man verkehrsmittelübergreifend fahren könne, handelt es sich um ein weiteres Pilotprojekt. Die Testkunden tragen nicht nur die Kosten für den Datenaustausch, sondern auch das Risiko, etwa vom Wechsel aus einem ICE in einen Zug eines Verkehrsverbunds oder bei einem Busfahrer nachweisen zu müssen, dass sie im Besitz eines gültigen Fahrausweises sind. Von einem leeren oder zusammengebrochenen Akku einmal abgesehen. Und bekanntlich ist eine Ortung in unterirdischen Bahnhöfen nicht möglich.

Klar ist auch, dass die Deutsche Bahn auf diese Weise noch mehr Personal einsparen will und dem Kunden die Arbeit und die Kosten des Fahrscheinkaufs aufbürden. Zudem erzeugt die Ortungsfunktion wunderschöne Bewegungsprofile – selbst wenn sie nur anonymisiert ausgewertet werden, wie die DB verspricht. Anders als bei einem vorab gekauften Fahrschein muss die gesamte Fahrtroute aufgezeichnet werden. Wobei ich mir bei den zahlreichen Verspätungen nicht klar bin, wie präzise das aufwendige Abrechnungssystem hinter Touch & Travel die tatsächlich benutzten Züge ermittelt. Bekanntlich gibt es bereits deutliche Abweichungen zwischen den (ziemlich korrekten) Daten im DB-Navigator und (oft falschen) Anzeigen auf den Bahnhöfen, die – soweit ich weiß – aus einem anderen System gespeist werden. Fraglich ist auch, wie jemand, der auf einen verspäteten Zug wartet, den richtigen Startzeitpunkt erwischen soll, steht man doch oft lange Zeit herum und wartet auf die Züge, die sich laufend mehr verspäten. Die DB schreibt: „Anmeldung unmittelbar vor Fahrtbeginn über die Touch & Travel-Applikation. Der Fahrtantritt wird vom System festgehalten.“ Bei dem täglichen Chaos darf man zwar als Testkunde wohl mit Kulanz rechnen. Ich möchte aber nicht gezwungen sein, die Zugnummern der benutzten Züge selbst festzuhalten für den Fall, dass die Abrechnung nicht stimmt.

Mit anderen Worten: Der Nachweis, welche Züge tatsächlich genutzt wurden, muss vom Kunden erbracht werden. Er bezahlt für den Datenverkehr (nicht jeder hat eine Flatrate), bekommt keinen Rabatt und hat nichts in der Hand, wenn das iPhone stromlos ist oder unterwegs gestohlen oder verloren wird. Und wer sich abzumelden vergisst oder sich erst einmal in die Schlange anstellen muss, die lustig die blaue Tafel fotografiert oder den neunstelligen Code eintippt, hat auch ein Problem.

Daran wird sich auch nicht viel ändern, falls Apple bald iPhones mit NFC ausliefern sollte. Im Gegenteil, denn dann hat man einen Stromfresser mehr im Smartphone. Da das iPhone dann der Sender ist, braucht es ständig Strom. Es sei denn, Apple würde einen zusätzlichen NFC-Knopf einplanen, was eher unwahrscheinlich ist. Noch ein Feature mehr in den Einstellungen brauche ich wirklich nicht.

Nach „praktikabel“ klingt Touch & Travel weiterhin nicht.

 
Get Adobe Flash player

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen