Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Eisenbahnfotografie – etwas anders

26.02.11 (Bahnindustrie, Fotografie, Österreich)

Manchmal muss man sich ärgern, um einen kreativen Impuls zu bekommen. Vor wenigen Wochen besuchte ich in Düsseldorf die Fotoausstellung über Stephen Shore. Sein Bildband Uncommon Places hatte mich Mitte der 80er Jahre beeinflusst, als ich mein Buch „Waggons im Werk“ über das Ausbesserungswerk Paderborn machte. Weniger haben mich seine Fotos beeindruckt, die sehr simpel und unspektakulär wirkten. Mit Abstand und im Original betrachtet, haben sie doch eine Qualität, die ich damals nicht erkannt habe. Das schlichte zentrierte Layout gefiel mir, ich habe mich davon bei meinem Buch inspirieren lassen aber auch ein wenig Witz einfließen lassen wie das einzige Farbfoto am Ende des Buches, das auch auf dem Schutzumschlag zu sehen ist. Ein Schnappschuss: Gesehen und draufgedrückt. Damals noch mit einem furchtbar groben 31 DIN-Diafilm (heute 1000 ISO), dem die Lithoanstalt den blauen Farbstich genommen hat. Genau dieses Foto verdeutlichte das Thema bestens.

Was auf der Ausstellung sonst noch zu sehen war, fand ich überaus langweilig: Leere Straßenszenen aus Düsseldorf und anderen Orten, Eisenbahnbrücken und eine mit Weitwinkel durchfotografierte Straße. Für meine Augen keine Kunst, trotz des Studienhintergrunds an der Kunstakademie, sondern nicht mehr als der Beweis, das da jemand in der Lage ist, ein Bild richtig zu belichten, eventuell mit einer Großformatkamera umzugehen und die Negative im Labor sauber auszuarbeiten – sofern man es sich nicht leisten konnte, ein Fachlabor damit zu beauftragen. Lapidare Bilder von Dorfhäusern neben den langweiligen Aufnahmen der Bechers von Wassertürmen. Handwerklich einwandfrei bis technisch hervorragend und eine wichtige Dokumentation inzwischen vergangener Technikbauwerke. Aber ganz sicher nichts, was ich für Tausende Euro kaufen würde, weil das in den 60er Jahren jeder Fotografen-Handwerksmeister beherrschte. Und weil ich das genau so gut kann, wenn ich sorgfältig arbeite. Obwohl das Sehen und schnelle Abdrücken mehr meine Welt ist und dabei das letzte Quäntchen Schärfe manchmal auf der Strecke bleibt.

Unter den Bildern waren auch Aufnahmen von Thomas Struth, dessen Bilder nun in Düsseldorf ausgestellt sind. Er erzielte jüngst einen Preis von einer halben Million Euro für eines seiner großformatigen Bilder von Museumsbesuchern. Sie sind technisch brillant, inhaltlich aber belanglos. Ganz primitiv finde ich das Dschungel-Bild, mit dem für die Ausstellung geworben wird. So etwas rangiert bei mir unter Schnappschuss dritter Klasse. Bestenfalls ein Notizfoto, aber kein „Bild“. Die Nähe Struths zur Malerei, wie sie offenbar in Düsseldorf gelehrt wird, ist zwar unverkennbar, macht die Fotos aber nicht beeindruckender. Davon abgesehen schätze ich die Rundgänge durch die Kunstakademie Düsseldorf sehr, wo ich immer wieder neue Talente und wiedererkennbare Ausdrucksformen einzelner Studenten entdecke, die vor allem aus Russland und China kommen.

Aber der Kunstbetrieb folgt eben besonderen Gesetzen und Moden. Etwas gut oder originell zu machen ist, nach dem Wenigen, was ich darüber weiß, viel leichter als die „Verkaufe“. Nur mit Ausstellungen und Kontakten wird man irgendwann wahrgenommen und dringt in die Galerie-Bereiche ein, wo vier- bis sechsstellige Preise auch für Fotos bezahlt werden. Und die beeindrucken meist mehr durch monumentale Größe als durch Gestaltung und Originalität. Für mich ist das zum Teil unverständlich, weil sie oft rein gar nichts haben. Keinen Witz, keinen Unterhaltungswert. Oft sind es nur platte Abbildungen wie die stinklangweiligen Reaktorfotos von Struth, die formal zwar eine gewisse Linienführung haben. Aber solche Technik-Fotos habe ich zu Hunderten und Tausenden in Jahrzehnten gemacht. Das Besondere daran kann ich nicht erkennen. Die Ästhetik von Technik haben andere Fotografen schon früher erkannt, und es braucht auch nicht die blau und rot beleuchteten Details, die eine Zeitlang als modern galten. Strukturen, Formen und Farben gibt es auch so, wenn man einen Blick für Details hat.

Auf meinen Festplatten schlummern mittlerweile um die 50.000 Digitalfotos in unterschiedlicher Qualität, dazu bestimmt noch weitere 80.000 bis 150.000 Negative und Dias aus früherer Zeit, als Fotografieren noch teurer und aufwendiger war. Nur wenige davon wurden in meinen Büchern und in Zeitschriften veröffentlicht, andere erschienen im Gartenbahn Profi, den ich miterfunden und vier Jahre begleitet habe. Ich habe viele schlechte bis mittelmäßige Fotos gemacht, aber es sind auch Perlen darunter, die sich manchmal erst „gut abgehangen“ zu erkennen geben oder weil ich mehr über Fotografie gelernt habe. Ich werde sie, schon aus purer Selbstmotivation, von Zeit zu Zeit heraussuchen und hier präsentieren. Leider habe ich viel zu lang Standard-Eisenbahnfotos gemacht, beeinflusst durch die Sonne-im-Rücken- und Archiviere-alle-Loks-Fotos, die ich mir von unoriginellen Eisenbahnfotografen abgeschaut habe und die Standardware in deutschen Eisenbahnzeitschriften sind. Zu den wenigen Fotografen mit einem Sinn für neue Perspektiven zählen für mich Joachim Seyferth, Wolfgang Steiger und in jüngerer Zeit Axel Zwingenberger, der sich von O. Winston Link, einem Meister der Nachtfotografie, beeinflussen ließ. Wie überhaupt die Amerikaner, wie die Zeitschrift Trains oft belegt, unorthodoxer fotografieren und immer neue Wege und Perspektiven suchen.

Ich versuche nun gelegentlich, in dieser Hinsicht mitzuhalten und bin selbst gespannt darauf, wie sich das auf meinen Fotostil auswirkt.

Heute nun ein Technikfoto, das ich diese Woche im Siemens-Werk Wien gemacht habe.

 

 
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