Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Stuttgart 21: Kleine Zahlen und eine mutige Versicherung

19.02.11 (Bahnhöfe, Deutschland)

Ich hatte heute Nachmittag, als die Organisatoren die Demonstrantenzahl von 39.000 angaben, aus Spaß die zu erwartende Polizeischätzung getwittert. Ein unendlich langer Zug war da bereits an der Kamera von Fluegel.tv vorbeigezogen und erst nach ca. einer Stunde zuende. Der notorisch falsch berichtende SWR hatte da noch eine Vorabmeldung online, die wie immer die Zahlen herunterspielte und meldete um 20.50 Uhr:

Interessant: Die Polizei zählte (laut dpa) 15.000! Wenn das stimmt, kann die jedenfalls nicht zählen…

Die Überschrift „Über zehntausend Menschen bei S21-Demo“ und dann: „Tausende“ kann man zwar spitzfindig als „nicht falsch“ bezeichnen, sie ist aber so verharmlosend angesichts der Diskrepanz zwischen den Teilnehmerzahlen, dass ich dem SWR erneut Böswilligkeit und Unseriosität bei der Berichterstattung vorwerfen muss. Aber diese Erkenntnis ist leider nicht neu. Auch der SWR spielt das grausame Spiel mit, das Baden-Württembergs Politiker und Industrielle mit der Bevölkerung spielen, jenseits von Recht, Ordnung und Demokratie. Denn es geht um Macht und sehr lukrative Geschäfte. Ein Filz, gegen den die Mafia wie eine Folkloregruppe wirkt.

Wenn es nicht so traurig wäre: Meine Schätzung auf Twitter, eine Mischung aus Sarkasmus und Erfahrung mit den Schätzungen der Stuttgarter Polizei, die offenbar von Landespolitikern straff gelenkt wird in ihren Aussagen, betrug exakt 15.000. Ich hatte richtig getippt. Und zwar lange, bevor die Polizei sie veröffentlichte. Der Polizeiführung geht es offensichtlich nicht um Fakten, sondern um das Kleinreden der wieder deutlich stärker werdenden Bürgerbeteiligung gegen S21 und für K21. 15.000 ist eine Zahl, die klein genug wirkt für die Politiker und Medien. Und deshalb hat man sie „geschätzt“ oder besser gesagt, erfunden wie einst die DDR ihre Wahlergebnisse. Sie ist mit Sicherheit, nach allem, was ich über mehrere Webcams gesehen habe, weit von der Realität weit entfernt.

Ich habe den Blutigen Donnerstag einige Stunden über viele Webcams verfolgt und war erschüttert von der Brutalität der Polizei. Mein Bericht siehe hier. Danach tauchten viele Videos auf, die zeigten, wie Polizisten in Zivilkleidung mit gelben Polizeiwesten (nur von hinten erkennbar) sich unter die Schüler mischten und später in Kampfausrüstung mit Pfefferspray sehr aggressiv auf die Demonstranten sprühten, teilweise zum Spaß und ohne Grund. Unter anderem die „Prügelglatze“, die auch Tage später noch im Einsatz war und gegen die bisher keine Ermittlungen zu laufen scheinen. Die Videos gibt es sicher noch auf Youtube und einigen Gegnerseiten.

Nun hat jemand, der mittendrin war, eine Versicherung an Eides statt abgegeben, auf die bei Bahn aktuell nachzulesen ist. Parkschützer Thomas Pollmann hat Zivilcourage und Mut und beschreibt den 30.9. und die Zeit davor und danach sehr plastisch und menschlich. Nehmen Sie sich die Zeit, alle Seiten zu lesen.

Es wird deutlich, dass der Polizeieinsatz von langer Hand vorbereitet war, um die Baumfällung im kompletten Bauareal durchzuziehen. Dann wurde aber die Strategie geändert, um den Einsatz zu eskalieren. Kein Polizist wurde demnach verletzt, aber Schauergeschichten in die Welt gesetzt, die für mich schon damals völlig unglaubwürdig und konstruiert waren, von dem lächerlichen Landtags-Untersuchungsausschuss ganz zu schweigen. Polizeichef Stumpf, den Pollmann als besonnen beschreibt, war bei dem Einsatz demnach nicht dabei und hatte sein Handy ausgeschaltet – was nahelegt, dass ein Anderer die Strippen gezogen hat. Stumpf sei ein Bauernopfer für diejenigen, die tatsächlich hinter der Eskalation standen. Wer, kann Pollmann nicht sagen. Aber auch er hält es für möglich, dass Mappus, Merkel, Rech oder Grube (eher nicht, der entscheidet doch so ungern) die knallharte und zutiefst menschenunwürdige Strategie angeordnet haben.

Bitte lesen Sie die Details, etwa über die nicht informierten und nicht zugelassenen Rettungsdienste, selbst durch. Die Erklärung ist erschütternd und bestätigt die meisten Eindrücke, die ich bisher auch gewonnen habe.

Ein Kommentar

 
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