Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Wie die Stuttgarter Polizei zählt

22.02.11 (Bahnhöfe, Deutschland, Eisenbahn)

Die Pressestelle der Stuttgarter Polizei holte nun zum Verteidigungsschlag aus. Denn am Wochenende waren laut den Demo-Organisatoren 39.000 Menschen in dem 2 km langen Zug unterwegs, während die Polizei nur 15.000 gezählt und nach eigenen Angaben sogar noch ein paar hundert Teilnehmer draufgelegt hat. Man habe Luftaufnahmen gemacht und die Zahl der Teilnehmer pro Quadratmeter geschätzt: „Diese Durchschnittszahl pro Quadratmeter wird in der Regel von den vor Ort eingesetzten Beamten geschätzt.“ Nun weiß ich nicht, wie die nicht unwichtigen Quadratmeter berechnet werden, was ja bei einer Luftaufnahme und den polizeitaktischen Apparaturen, die exakte Vermessungen vom Hubschrauber aus zulassen dürften, nicht so schwierig sein dürfte.

Jedem Kind leuchtet es ein, dass niemand – ich wiederhole nach Guttenbergs und Barschels Art: niemand – am Boden annähernd schätzen kann, ob sich auf einem Quadratmeter nun im Schnitt 2,7 oder 4,1 und in den Randbereichen vielleicht mal 0,8 und mal 1,3 Personen befinden. Wenn sich auf 1000 Quadratmetern (das sind gerade 10 m x 100 m) 2,0 oder 4,0 Personen befinden, hätten wir also 2.000 oder 4.000 Personen. Wenn wir eine Fläche von 10.000 Quadratmetern (100 m x 100 m) haben, was nicht viel ist bei einer Kundgebung und Demonstration, sind es je nach Schätzung wahlweise 20.000 oder 40.000 Personen.

Die Polizei veröffentlichte zwei Luftbilder, die eine äußerst heterogene Menschenmenge mit Ansammlungen von bis zu 5 Personen pro Quadratmeter und vielen leeren Flächen zeigen. Zugegeben, nach 39.000 sieht diese Menge tatsächlich nicht aus, wobei die Zahl sich ja auf den Demonstrationszug bezog. Tatsächlich wurden die Bilder von der Polizei komplett ausgezählt und sie kam auf ca. 13.600. So eine Ansammlung kann man vom Boden aus unmöglich schätzen. Die softwaretechnische Mustererkennung wäre allerdings schon seit vielen Jahren in der Lage, die Menschen auf dem Bild zu zählen.

Wobei es allerdings wurscht ist, ob sich Mappus, Gönner, Rech und Konsorten von 15.000, 39.000 oder 70.000 Teilnehmern nicht beeindrucken lassen. Die Wahrnehmungs- und Handlungsschwelle der Landesregierung und des Oberbürgermeisters dürfte weit oberhalb von 200.000 liegen. Zumal politische Intelligenz in unserer Republik, wie das Beispiel des beliebten Betrügers Guttenberg zeigt, eher schwach verteilt ist und die für Stuttgart 21 verschwendeten Milliarden Steuergelder ja nicht aus der eigenen Tasche stammen, sondern vom Nachbarn oder den doofen Steuerzahlern außerhalb von Baden-Württemberg.

Es hängt also von Pi mal Daumen und der Parteipräferenz des polizeilichen Schätzungsbeauftragten ab, ob sich die reellen Teilnehmerzahlen halbieren, dritteln oder gar verdreifachen wie bei den S21-Freunde-Kundgebungen bei Frei-Glühwein, Gebäck, Gesang und Grube. Die Organisatoren zählen, wie sie sagen, mit Handzählern an Engstellen, was mit Sicherheit die genauere, wenn auch nicht fehlerfreie Methode ist. Und da sie diesmal den Demonstrationszug gezählt haben, trägt diese Pressemitteilung des Polizeipräsidiums nicht wirklich zur Beseitigung aller Klarheiten bei, weil Kundgebung und Demonstrationszug zwei Paar Stiefel sind.

Aber das hat die Polizei nicht bemerkt. Und wie ich die Guttenbergschen Helden des copy&paste-Pseudojournalismus und der ausgefeilten Recherche auf der Basis von immer ehrlichen Pressemitteilungen, dpa Stuttgart, einschätze, ist das auch denen nicht aufgefallen.

Die Stuttgarter Polizei scheint schon bei kleineren Menschenmengen auf Kriegsfuß mit der Mathematik zu stehen, denn die Befürworterzahlen wurden auf deren Mini-Kundgebungen immer, selbst für mich durch Übersichtsfotos und Live-Videos nachvollziehbar, verdoppelt bis verdreifacht. Ein paar Pro21-Menschen haben auch am Samstag demonstriert. Wie schreibt da ein Leser der StZ: „Es sind natürlich auch einige Gegner zum Marktplatz gegangen und haben die Befürworter gezählt. Das war einfach! Es waren ca 150. Laut Polizei 300.“ Eine polizeiliche Meisterleistung, die letztes Jahr mehrfach aus wenigen Hundert Befürwortern „über Tausend“ zauberte…

So verspielt die Stuttgarter Polizei völlig unnötig den letzten Rest von Glaubwürdigkeit. Und das ist das, was man in einem Bundesland mit einer so bürgerfernen, juristisch sehr salopp berlusconesk handelnden Regierung am wenigsten gebrauchen kann.

4 Kommentare

  • 1
    Tweets that mention Wie die Stuttgarter Polizei zählt /// Railomotive -- Topsy.com:

    […] This post was mentioned on Twitter by Webmaster eraser.org, Andre Dietenberger, giwit1, nopnull, ke1eiFai and others. ke1eiFai said: RT @RAILoMOTIVE: Warum die Stuttgarter Polizei immer falsch zählt: http://bit.ly/hzbtGU #s21 […]

  • 2
    Daniel Weigelt1:

    Das mit den Teilnehmerzahlen ist ja immer so eine Sache. Jede Seite schätzt sich das schön.

    „39.000 Menschen in dem 2 km“ Bitte mal zu überlegen, das sind auf 2000 Metern 39000 Leute, die laufen. Das sind pro Meter fast 20 Personen. Nun mache mal einen Schritt von einem Meter und stelle Dir dann noch 19 Personen neben Dir vor. Und das Meter für Meter, in einem laufenden Demozug mit gelegentlichen Auflockerungen. Ist das wirklich wahrscheinlich?

    Ich war am 11. Dezember in Stuttgart dabei.

    http://www.woschod.de/2010/12/12/zehntausende-gegen-stuttgart-21/

    Ich habe auf der Fußgängerbrücke gestanden, die über die Schillerstraße geht, nahe der Kreuzung über die B14, wo es rechts rum geht zum Staatstheater und dann zum Landtag. Ich habe dort von 16:13, dem Anfang des Demozuges, bis 16:45, dem Ende des Demozuges gestanden und fotografiert. (Zeiten aus den EXIF-Daten der Fotos.) Also sagen wir ruhig großzügig aufgerundet 40 Minuten. Die Veranstalter sprachen von über 50000 Teilnehmern, nehmen wir an, an bei der Demo sind 40000 mitgelaufen. Das bedeutet, wenn man sich da, wo ich stand, eine Linie über die Straße denkt, dass pro Minute 1000 Leute durch sind. Selbst wenn da immer 20 Personen nebeneinander gelaufen sind, kann man ja an Hand der Fotos abschätzen, würde das bedeuten, das aller 1,25 Sekunden eine solche Menschenreihe durch ist. Permanent! Also ehrlich, das glaube ich nicht.

  • 3
    Friedhelm Weidelich:

    Danke für den Kommentar. Für mich stellt sich die Frage der Glaubwürdigkeit der Polizei, seitdem sie geradezu wahnwitzig hohe Teilnehmerzahlen bei den Befürwortern angegeben hat, die rein gar nichts mit der Realität zu tun hatten. Wie die Gegner zählen, wurde erst vor kurzem beschrieben, aber offensichtlich nicht aus eigener Anschauung, sondern die StZ hat eben mal nachgefragt, weil die Diskrepanzen zu heftig waren. Ich erwarte von einer professionellen Presse, dpa und die lokalen Zeitungen eingeschlossen, dass sie sich weit früher die Mühe gemacht hätten, selbst zu zählen oder die Zählweisen zu beschreiben und dabei zu sein, wenn gezählt wird. Ich weiß, dass die Personaldecke knapp ist und die Medien wenig Zeit und Interesse haben, selbst zu recherchieren. Da fehlt einfach der Biss und das Gespür für Themen. Wenn die S21-Gegner permanent falsch zählen – was ich nicht ausschließen kann, was aber auch nicht auf der Hand liegt –, dann wäre es die Pflicht und vielleicht ein gefundenes Fressen für die überwiegend S21-freundlichen Medien gewesen, die zu hohen Zahlen als falsch zu verifizieren. Doch wenn Medien und eine führende Presseagentur bis vor Kurzem nur Pressemitteilungen nachplapperten, haben sie einfach versagt und ihren Job denkbar schlecht gemacht. Das ist es, was mich so stört und so misstrauisch macht. Von den vielen offensichtlichen Lügen der Polizei und des Innenministeriums zum Schwarzen Donnerstag einmal abgesehen. Hier wird von vielen Seiten her Politik gemacht. Die Aufgabe von unabhängigen Journalisten wäre es, kritisch zu recherchieren und vor Ort zu sein. Doch sie erfüllen ihre Aufgabe nicht.

  • 4
    Petra:

    Daniel Weigelt1 behauptet, dass der Demozug ab 16:13 losging, stimmt so NICHT!

    Fakt ist, dass der Demozug bereits um 15:30 unter der Fussgängerbrücke durchlief und über 1 Stunde anhielt…
    Fotobeweise inkl. Uhrzeit können dies belegen!

 
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