Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Deutsche Bahn: Noch weniger ICE-Züge im laufenden Betrieb

15.03.11 (Bahnindustrie, Deutschland, Eisenbahn, Fernverkehr, Hochgeschwindigkeitszüge, Personenverkehr, Technologien, Triebwagen)

Zu den großen Tricks der PR-Arbeit gehört ein gutes Timing: Man platziert eine Nachricht so, dass sie wunderbar in das Nachrichtenumfeld passt und positiv aufgenommen wird. Die Kanzlerin hat das heute wie nach dem Lehrbuch getan. Ihre Nachricht, dass (vorübergehend, ich betone, vorübergehend) ein paar Atomkraftwerke abgeschaltet werden, „um ihre Sicherheit zu überprüfen“, ist zumindest vordergründig ein gelungener PR-Coup.

Zum Glück sind nur einige Leser konservativer Blätter so dumm, das als Entgegenkommen einer lernfähigen Kanzlerin aufzufassen und nicht als Opportunismus eine Berufspolitikerin, die nur um ihre und Mappus‘ Macht Angst hat. Denn in Wirklichkeit interessiert sie sich für die Sicherheit der Atomkraftwerke einen Scheißdreck und hat quasi im Handstreich die Laufzeitverlängerung per Geheimvertrag mit RWE und Co. durchgezogen. Aber nicht jeder hat’s verstanden.

Wenn man keine gute Nachricht und auch kein passendes Umfeld hat, platziert man als Unternehmen seine Pressemitteilung dann unauffällig, wenn es wegen wichtigerer Nachrichten keinen interessiert. Dieses Meisterwerk gelang heute dem Personenverkehr-Vorstand der Deutschen Bahn, Ulrich Homburg.

Von den ICE der älteren Baureihen 401 und 402 (hier zwei 402 im Februar 2010 bei einem außerplanmäßigen Halt in Minden wegen Defekts) stehen täglich vier Züge weniger zur Verfügung (Foto: FW)

Original-Pressemitteilung mit Hervorhebungen von mir: Die Deutsche Bahn überprüft seit Februar 2011 auch die Achsen der ICE 1- und ICE 2-Flotte in kürzeren Abständen. Die Radsätze der 59 Fahrzeuge der Baureihe ICE 1 und der 44 Fahrzeuge der Baureihe ICE 2 werden ab sofort – je nach Bauart – alle 144.000, 200.000 bzw. 288.000 Kilometer mittels Ultraschall überprüft. Dies bedeutet eine weitere Halbierung der bereits verkürzten Intervalle, die die DB im Juli 2010 eingeführt hatte. Hintergrund der Selbstverpflichtung ist die Erarbeitung einer geeigneten Berechnungsmethode zur Ermittlung der notwendigen Ultraschall-Intervalle, um auch theoretische Risiken in jedem Fall auszuschließen.

Was sagt uns das: Schon seit über zwei Wochen fährt DB Fernverkehr mit weniger ICE-Zügen, weil sie häufiger überprüft werden müssen. Man hat es aber nicht kommuniziert. Nur aus Gründen des PR-Timings?

Weiter: „Wir gehen diesen Schritt in Übereinstimmung mit dem Eisenbahn-Bundesamt und entwickeln gemeinsam ein Modell, mit dem künftig Ultraschall-Intervalle in Abhängigkeit von spezifischen Randbedingungen festgelegt werden können“, sagt Ulrich Homburg, Vorstand Personenverkehr der Deutschen Bahn. „Es gibt derzeit keinerlei Erkenntnisse, dass bei den bisherigen Ultraschall-Prüfintervallen eine Gefahr für den Eisenbahnverkehr vorläge.“

Nach meinen Erfahrungen mit dem Wahrheitsgehalt von Pressemitteilungen der DB habe ich beim Eisenbahn-Bundesamt (EBA) nachgefragt, denn die DB-Formulierung könnte auch umschreiben, dass die DB vom EBA aufgefordert worden sein könnte, häufiger zu prüfen. Das EBA teilte mir mit: Hierbei handelt es sich um eine Selbstverpflichtung der Deutschen Bahn AG im Rahmen ihrer Betreiberverantwortung. Das EBA begrüßt diesen Schritt als Ausfluss eines schon länger andauernden Prozesses, mit dem die Bahn das Thema Radsatzwellen intensiv aufarbeitet. Das EBA wird diesen Prozess auch weiterhin begleiten.

Tatsächlich gab es schon nach der Entgleisung 2008 in Köln, die Anlass für die radikale Reduzierung der Kilometerleistung zwischen den Radsatzprüfungen war, unter Fachleuten Diskussionen, dass Radsätze je nach ihrem Gefährdungspotenzial untersucht werden müssten und nicht pauschal nach Laufleistung. Weil ein angetriebener Radsatz anderen Belastungen unterliegt als ein antriebsloser.

Nun gehört es zu allgemeinen Erfahrung mit der DB AG, dass sie so gut wie nichts freiwillig macht und spart, wo sie kann. Gern auch an der falschen Stelle, um etwa überfällige Reparaturen an verschlissenen, lange nicht gepflegten Strecken später als Großtat zu verkaufen. Wenn Homburg behauptet, dass auch bei den größeren bisherigen Intervallen keine Gefahr für den Eisenbahnbetrieb vorgelegen habe, dann hat das die Aussagekraft etwa eines Autofahrers, der prahlt, dass er mit abgefahrenen Sommerreifen durch den Winter gekommen ist, ohne jemand an die Karre gefahren zu sein. Weil im Nachhinein ja klar ist, dass nichts passiert ist. Die Atomkraftwerke sind ja auch wahnsinnig sicher (bis heute in Deutschland, bis letzte Woche in Japan, in drei Monaten auch wieder in Deutschland).

Doch Radsatz-Überprüfungen macht man aus Vorsorge. Und dass diese auf einmal doppelt so oft stattfinden, kann kein Zufall sein. Da muss man auf ein Phänomen gestoßen sein, das gefährlicher ist, als man bisher gedacht hat. Kein anderer Schluss ist möglich. Denn die Märchen von der Verantwortung für die Sicherheit des Eisenbahnverkehrs (beachten Sie Homburgs Wortwahl: nicht der Fahrgäste!) glaube ich der Deutschen Bahn ebenso wenig wie die wendehälsige ad-hoc-Fürsorge unserer Politiker für „die Menschen“ gegen die Gefahren der Atomenergie. Vorstände und Politiker sind Machtmenschen und allererst sich selbst und dann ihrem Unternehmen verpflichtet. Und dann kommt lange Zeit nichts.

Die schlechte Nachricht hat sich die DB in verquastem Juristendeutsch für den Schluss aufgehoben, in Beteuerungen, dass man seit 2008 noch nie irgendwelche gefährlichen Radsätze gefunden habe: Die häufigeren Werkstattaufenthalte der ICE 1 und 2 verknappen die für den Fahrplan zur Verfügung stehenden Fahrzeuge um insgesamt vier Züge. Dadurch wird die zur Verfügung stehende Betriebsreserve entsprechend reduziert. Bereits seit 2008 fehlen durch die verkürzten Untersuchungsintervalle der ICE 3- und ICE T-Flotte bis zu 14 Züge im täglichen Betrieb. Im Regelbetrieb rechnet die DB derzeit jedoch mit keinen unmittelbaren Auswirkungen für die Fahrgäste.

Die DB rechnet einfach nicht damit. Dann ist ja gut.

Die heutige DB-Nachricht der weiteren Zugverknappung hat wegen des japanischen Atomkraftdesasters und Merkels Gaga-Politik übrigens praktisch niemand zur Kenntnis genommen.

 
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