Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

DB bestellt dieselelektrische Traxx-Loks bei Bombardier

18.04.11 (Bahnindustrie, Deutschland, Diesellok, Lokomotiven)

Dieselelektrische Traxx-Lok mit vier Dieselgeneratoren für DB Regio (Simulation: Bombardier)

Die Deutsche Bahn ist immer für eine Überraschung gut und hat nun mit Bombardier einen Rahmenabrufvertrag über die Lieferung von bis zu 200 Dieselstreckenlokomotiven für den Personen- und Güterverkehr bis zum Jahr 2020 unterzeichnet. Das geplante Investitionsvolumen beläuft sich auf bis zu 600 Millionen Euro. Die Dieselstreckenlokomotiven sind aufgrund ihrer technischen Spezifikation so ausgelegt, dass sie sowohl bei DB Regio im Personenregionalverkehr als auch bei DB Schenker Rail im europaweiten Schienengüterverkehr einsetzbar sind. „Auch mit diesem Auftrag setzen wir die Plattformstrategie bei der Modernisierung unserer Fahrzeugflotte konsequent fort. Damit senken wir Kosten bei der Instandhaltung und bleiben im Betriebseinsatz flexibel“, erklärte DB-Technikvorstand Dr. Volker Kefer.

Statt eines großen Diesel-Aggregates verfügen die Traxx-DE-Loks über vier innovative Industrie-Dieselmotoren. Dies ermöglicht ein Zu- oder Abschalten von einzelnen Motoren je nach gefordertem Leistungsbedarf. Damit wird eine Kraftstoff sparende und umweltfreundliche Fahrweise gewährleistet. Die noch ohne Baureihenbezeichnung bestellten Loks sind für bis zu 160 km/h ausgelegt. Bombardier schreibt: „Die Nutzung von vier sehr robusten Hochleistungs-Industrie-Dieselmotoren anstelle eines einzelnen großen Diesel-Aggregates bietet den Betreibern erhebliche Vorteile. Die Lok erfüllt mit der eingesetzten bewährten und hocheffizienten Diesel-Technologie bereits die neuen, strengen EU-Abgasnormen der Stufe IIIB. Im Vergleich zu Diesellokomotiven mit nur einem Motor zeichnet sich die neue dieselektrische TRAXX-Lokomotive durch einen deutlich geringeren Kraftstoffverbrauch sowie durch geringere Abgasemissionen und Lebenszykluskosten aus.“

„Die 200 TRAXX-Mehrmotoren-Diesellokomotiven können je nach Situation mit einem bis vier Dieselmotoren betrieben werden. Das senkt die CO2-Emissionen erheblich“, so Ake Wennberg, President der Divison Locomotives and Equipment bei Bombardier Transportation. „Die TRAXX DE-Lokomotive ist sehr energieeffizient. Sie erfüllt die Abgasnormen der Stufe IIIB und ist damit eines der umweltfreundlichsten Produkte am Markt.“

Die Mehrmotoren-Diesellokomotiven basieren laut Pressemitteilung „auf einem im Betrieb bewährten Plattformkonzept“, womit Traxx gemeint ist. Bei der DB und ihren Tochterfirmen seien bereits rund 680 Lokomotiven eines ähnlichen Bautyps des Herstellers Bombardier im Einsatz. Die Endmontage der neuen Lokomotiven ist am Standort in Kassel geplant, wie Bombardier mitteilte. Die Drehgestelle werden in Siegen gefertigt, die Antriebs- und Steuerungssysteme in Mannheim und Hennigsdorf (Brandenburg). Die Wagenkästen stammen aus dem Werk im polnischen Breslau. Zuständig für die Produktentwicklung sind demnach die Standorte Kassel, Siegen und Zürich.

Die erste Tranche von 20 Lokomotiven umfasst ein Einkaufsvolumen von 60 Millionen Euro. Die Lieferung ist für Mitte 2013 geplant. Diese Fahrzeuge sollen dann bei DB Regio in den Einsatz kommen. Der Hersteller ist für die Zulassung verantwortlich.

Soweit Auszüge aus den Pressetexten. Bei den Loks mit vier Dieselmotoren habe ich zunächst an einen verspäteten Aprilscherz gedacht. Zwar gibt es in den USA bereits seit ein paar Jahren sogenannte GenSets mit zwei zu drei kleineren Dieselmotoren. Auch die wenig bekannte Genesee & Wyoming benutzt für ihre vielen regionalen Güterverkehrsstrecken solche Loks. Bei Rangierloks hat das den Sinn, unnötige Abgase und Spritverbrauch zu vermeiden, wenn die Lok steht oder ohne Last umherfährt. Bei Bedarf schalten sich die weiteren Motoren und Generatoren hinzu. Deshalb werden in den USA ja auch eine Brennstoffzellen– und eine Akkulok erprobt.

Bei den bestellten dieselelektrischen Bombardier-Loks sind neben den vier Dieselmotoren mit Kühlern auch vier schwere Generatoren an Bord. Ob das bei einer Streckenlok sinnvoll ist, darf bezweifelt werden.

Siemens lehnt so eine Technologie aus gutem Grund ab: „Mehr Komponenten bedeuten mehr Aufwand bei der Wartung“, sagte mir ein leitender Ingenieur letztes Jahr auf Nachfrage. Zwar kann sich so auch eine schlecht gepflegte Lok mit zwei oder drei Generatorsätzen irgendwie dahinschleppen. Vergleichbare Loks hat Bombardier jedenfalls bisher nicht laufen. So werden die ersten 20 Fahrzeuge Objekte eines hochinteressanten Feldtests sein.

4 Kommentare

  • 1
    DieselBär:

    Auch wenn Siemens eine solche Technologie ablehnt muss das geplante Motorenkonzept nicht schlecht sein.

    Bombardier bietet bereits Diesel-Triebwagen nach dem sogenannten ECO4 Konzept an. Bei den in den Diesel-Triebwagen eingestzten Motoren handelt es sich um FPT Vector V8 Motoren als „PowerPack“ (inclusive angeflanschtem Generator) mit ca. 550kW bis 580kW bei 1800rpm und ~20l Hubraum. Man nehme 4 solcher Motoren und schon ist man bei den genannten 2200kW.

    Da sich das Konzept bei den Diesel-Triebwagen anscheinend bei der Zuverlässigkeit und auch bei der Wartung bewährt, dürfte sich der eventuelle Mehraufwand bei der Wartung im Vergleich zur enormen Kraftstoffeinsparung in Grenzen halten.

    Die großen „Türen“ auf der Abbildung deuten darauf hin, dass in Falle eines Defektes oder bei der Wartung das komplette betroffene PowerPack ausgetascht werden soll. Die Stillstandszeiten der Lok würden auf ein Minimum begrenzt da für den Tausch nur wenige Leitungen und Verbindungen gelöst werden müssen.

    Die notwendigen Arbeiten am PowerPack werden dann in der Werkstatt erledigt.

    Informationen zu den „PowerPacks“ habe ich auf den Bombardier Seiten zum „ECO4“-Konzept unter „ECO4 CLEAN Diesel“ gefunden. Dort wird auch auf den Motorenhersteller FPT (Fiat Power Train) verwiesen.

    Für mich klingt das Motoren-Konzept, wie auch das Gesamtkonzept der Lok, erst einmal positiv. Vielleicht gibt es bei der Deutschen Bahn ja doch mal eine positive Entscheidung.

  • 2
    Friedhelm Weidelich:

    Vielen Dank für diese wertvollen Informationen! Leider gehen solche wichtigen Details heutzutage bei der fortschreitenden Amerikanisierung der Pressemitteilungen unter, in der sich zwar allerlei Vorstände über etwas freuen dürfen, aber außer „wirtschaftlich“, „Wettbewerb“ und „Umwelt“ wenig sagen.

  • 3
    Gilbert Müllerott:

    Optisch gefallen mir die Loks der Baureihen 145, 146, 185, 186, 246 und 285 sehr gut. Eine interessante Idee ist das Mehrmotorenkonzept. Ob dieses so vielversprechend ist, muß sich zeigen. Verwunderlich ist jedoch die Tatsache, daß die alte Bundesbahn gerade aus Gründen des erhöhten Wartungsaufwands damals die DB-V200.0 und .1 rasch aus den Betriebsdienst hat ausscheiden lassen, weil die Zweimotorer in der Wartung und Instandhaltung sehr teuer waren und einem „Einmotorer“ den Vorzug in Form der V160-Familie gegeben haben. JETZT geht man wieder zum Konzept der „Mehrmotorer“ zurück. Sehr interessant …

    Sehr interessant aus Sicht von Eisenbahnfans dürfte die Geräuschkulisse sein, die die neue Lok mit ihren vier Motoren entwickelt … ich bin gespannt auf die neue Baureihe …

  • 4
    Andy P.:

    Bei der „metronom“ Eisenbahngesellschaft laufen ähnliche (identische?) Maschinen mit der Baureihen-Bezeichnung 246.
    Dauerleistung: 2,8 Megawatt, Lokgewicht: 82 Tonnen, Länge über Puffer: 18,9 Meter, Höchstgeschwindigkeit: 160 km/h. Die Bezeichnung bei Bombardier lautet Traxx F 140 DE
    http://www.der-metronom.de/unternehmen/fahrzeugflotte/

 
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