Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Die Bahnindustrie ist schuld, behauptet Grube

10.04.11 (Bahnindustrie, Deutschland, Eisenbahn, Fernverkehr, Hochgeschwindigkeitszüge, Marginalien, Personenverkehr, Triebwagen)

Kopf eines Velaro D, künftige DB-Baureihe 407, vor einem Jahr im Siemens-Werk Krefeld (Foto: Friedhelm Weidelich)

BILD, das Kampagnen-Organ von Springer, das nach neuester Medienforschung nicht als Zeitung einzustufen ist, veröffentlichte heute ein Interview mit Rüdiger Grube, das über weite Strecken wie von der DB-Presseabteilung geschrieben sein könnte, aber auch aus den bekannten Grubeschen Sprechblasen besteht. Doch sein „Brot-und-Butter-Geschäft“, das der 1,9 Millionen pro Jahr einstreichende Vorstandsvorsitzende so oft ins Gespräch brachte, obwohl es ihn offenkundig nicht interessiert und im Interview nicht vorkommt, wird nach Grubes Worten nun von der deutschen Bahnindustrie boykottiert.

Das ist keine neue Behauptung von Grube, doch der Zusammenhang, in dem er sie äußert, ist neu.

Auf die Frage, wann das Bahnchaos denn endlich zuende sei, antwortete er:

Die mangelnde Verfügbarkeit von Zügen ist unsere Achillesferse. … Aber ich lüge hier unsere Kunden nicht an. Es geht nur schrittweise voran. Vor 2014 werden wir die Probleme nicht vollständig gelöst bekommen. Wir sind von den Zugherstellern und den Aufsichtsbehörden abhängig.

Frage: Suchen Sie jetzt bei anderen die Schuld?

Nein. Die Industrie beliefert uns zu oft mit schlechtem Material. Vor den Toren Berlins stehen 90 brandneue Regionalzüge, die wegen Mängeln vom Eisenbahnbundesamt nicht zugelassen werden.

Logik ist Grubes Stärke nicht. Er sucht bei anderen die Schuld und fand sie sowohl im ersten als auch zweiten Winterchaos bei der Bahnindustrie.

Man muss sich diese Aussagen deutlich vor Augen führen. Hier spricht ein Vorstandsvorsitzender! Verglichen mit Daimler, seinem alten Arbeitgeber, wo ihm nach meinen Informationen niemand eine Träne nachweint, wäre das so (ich erfinde mal ein ebenso absurdes Beispiel): Der Vorstandsvorsitzende beklagt auf einer großen Automesse, dass die Elektronik von Bosch so viele Fehler enthalte, dass man als Mercedes-Fahrer die nächsten Jahre noch damit rechnen sollte, ab und zu ungewollt von der Straße abzukommen. Er könne daran leider nichts ändern, was er ja auch ehrlich zugeben würde. Die S-Klasse würde aber ganz bestimmt ab 2014 wieder ohne größere Fehler ausgeliefert, bei der A-Klasse könne es aber noch bis 2016 dauern, weil die ja gerade in der Entwicklung sei. Mit einer guten Vollkaskoversicherung wäre der Mercedes-Fahrer aber immer auf der sicheren Seite.

Würde sich Daimler-Vorstandsvorsitzender Zetsche in diesem (fiktiven) Fall derart äußern, würde der Aktienkurs abstürzen und er bald hinterher. Denn man müsste nicht nur an seiner Führungsfähigkeit, sondern auch an seiner geistigen Gesundheit zweifeln.

Bei Grube ist leider niemand da, der das tut – abgesehen von einigen Bundestagsabgeordneten, wenigen Journalisten und größeren Teilen der Bevölkerung. Weder Ramsauer noch Merkel haben die Kraft noch den Willen, diesen erbärmlichen Laiendarsteller eines Vorstandsvorsitzenden vor die Tür zu setzen. Denn jammernd vor die Presse zu treten, ist so ziemlich das Dümmste, was ein Vorstandvorsitzender machen kann.

Nun ist es unbestritten, dass die Bahnindustrie nicht immer ausgereifte Fahrzeuge liefert. Ein RAILoMOTIVE-Leser, der schon für alle Hersteller gearbeitet hat, schob es mit auf die Tatsache, dass in allen Unternehmen fast nur noch sehr junge Ingenieure tätig sind, denen schlichtweg die jahrzehntelange Berufserfahrung fehlt, die im komplexen Schienenverkehrssystem hilfreich ist. Aus Kostengründen werden keine Prototypen mehr gebaut, die gemeinsam mit dem Kunden getestet werden, bevor die Serie gebaut wird. Vorbei sind die Zeiten, als die Bundesbahn-Zentralämter Fahrzeuge und Technologien testeten. Man hat sie den Kostenrechnern geopfert und die DB-Vorstände mit Finanzstrategen und übergroßen Egos besetzt, die Autos und Flugzeuge schöner als den Eisenbahnverkehr finden, obwohl sie von allen drei Verkehrsmitteln nur sehr rudimentäre Vorstellungen haben und alle paar Jahre in eine andere Branche hüpfen. Für sie ist es immer risikolos. Aber auch das Eisenbahn-Bundesamt gehört wohl nicht zu den Behörden, die es eilig bei der Beurteilung neuer Fahrzeuge haben. Auch Stadler und seine Kunden können ein Lied davon singen, selbst wenn es bei Stadler an der Lieferung von Zulassungsunterlagen gehapert haben soll.

Nun waren einige der zitierten, bei Berlin abgestellten Bombardier-Talente in einem so schlimmen Zustand, dass einzelne Wagenkästen, die in Polen nicht sauber verschweißt wurden, direkt verschrottet werden mussten. So stand es vor ein paar Monaten im Eisenbahn-Kurier. Auch Siemens hat Ärger mit den Eurosprintern für Belgien und muss für die verspätete Lieferung über 20 Millionen Euro Vertragsstrafe zahlen.

Nun kolportierte der Spiegel gestern, dass die 7 Velaro-D-Züge von Siemens für Dezember 2011 zugesagten laut DB-Aussagen nicht alle pünktlich geliefert werden würden. Siemens hofft (auch auf meine Nachfrage) darauf, dass es trotzdem klappen wird.

Journalisten haben ein kurzes Gedächtnis und haken selten nach. Die Angelegenheit ist nämlich insofern pikant, als DB-Technik-Vorstand Kefer vor einem Jahr betont habe, dass man mit den Herstellern zusammen eng kooperieren werde. Auszug aus der Pressemitteilung zur Vorstellung vor einem Jahr in Krefeld:

Anlässlich der Präsentation des aktuellen Fertigungsstandes beim neuen ICE 3 stellten DB und Siemens die verbesserten Qualitätsstandards für den neuen Zug heraus. Ziel sei es, bei Design- und Fertigungsprozessen neuer Fahrzeuge früher mitzugestalten: „Wir wollen uns mit unseren Stärken und der Erfahrung, insbesondere aus dem praktischen Betrieb, bei der Entwicklung mehr einbringen. Im gesamten Entwicklungs- und Fertigungsprozess müssen mehr Meilensteine bezüglich Design und Qualität vereinbart werden“, sagte Dr. Kefer.

So strebe die Bahn an, zu fest vereinbarten Terminen bestimmte Qualitätskriterien innerhalb des Fertigungsprozesses, wie zum Beispiel Konstruktionsanforderungen oder die Vollständigkeit von technischen Unterlagen, zu überprüfen und bei Mängeln entsprechend gegenzusteuern. „Die Deutsche Bahn will aber nicht in die alte Rolle zu Zeiten der Bundesbahn zurück, als wir die Züge selbst konstruiert haben. Die Verantwortung für die Entwicklung muss bei den Herstellern bleiben“, so der DB-Technikvorstand.

Ja was denn nun? Hat die DB ihre Erfahrungen eingebracht und mit welchem Ergebnis? Es gehört zu alltäglichen Praxis, dass technische Entwicklungen länger brauchen als geplant. Zumal sich viele Vorgänge nicht genau planen lassen und sich Störungen und Zusammenhänge einstellen, an die niemand gedacht hat (deshalb ist die Atomenergie ja auch so wahnsinnig sicher). Doch irren ist menschlich, sofern man nicht im DB-Vorstand sitzt, und Lernprozesse und die Beseitung von erkannten Fehlern brauchen eben Zeit. Hat die DB denn nun im Gespräch mit Siemens Qualitätsmängel entdeckt, oder geht es in Wirklichkeit um etwas anderes?

Es wirkt schäbig, wenn man den Medien steckt, dass die ersten Züge der Baureihe 407 womöglich nicht alle rechtzeitig fertig werden. Es wurden übrigens 15 bestellt.

Noch schäbiger ist es aber, den deutschen Bahnkunden vorzulügen, dass es ausgerechnet deshalb Probleme im Winter 2011/2012 geben könnte. Denn die neuen Mehrsystemzüge waren für den Verkehr ins Ausland eingeplant. Und der schert die meisten deutschen Kunden nicht.

Die DB leidet so sehr unter dem Mangel an Zügen, dass sie schon aus Verzweiflung eine Serie Nahverkehrswagen zu IC-Wagen erklärt und aus der Schweiz alte Schnellzugwagen ankaufen muss. Alles die Folge von Versäumnissen des DB-Managements und nichts, was man der Bahnindustrie ankreiden könnte! Denn ein guter Manager sorgt vor. Wenn Homburg und Konsorten jetzt schon ankündigen, dass Siemens am kommenden dritten Winterchaos 2011/2012 schuld sein wird, begehen sie fahrlässig Rufmord an Siemens. Und zeigen, dass sie auch dann nichts im Griff und keine Idee haben werden. Eine Entschuldigung vorab für Nichtstun.

Aber wahrscheinlich ist die Indiskretion zum Velaro D nur der Versuch, Siemens bei der ICx-Bestellung, die schon seit dem Sommer 2010 in nachlässigster Weise von Grube hinausgezögert wird, unter Druck zu setzen. Vielleicht sind ja noch ein paar Millionen herauszupressen, zum Boni-Nutzen der DB-Vorstände, versteht sich.

Dazu passt auch die Drohung Grubes, Baden-Württemberg im Falle eines endgültigen Baustopps bei Stuttgart 21 auf Schadenersatz von 1,5 Mrd. Euro zu verklagen. Sehr glaubwürdig bei einem eben begonnenen Projekt, das nach DB-Berechnungen nicht mehr als 4,5 Mrd. Euro kosten soll… Entscheidungen zu treffen, gehört nicht zu Grubes Stärken. Als verbaler Kraftmeier hat Grube aber das seltene Talent, sich immer wieder neu zu unterbieten.

Vielleicht lacht er deshalb am liebsten über sich selbst, wie er in der BILD behauptet.

Eine andere Geste kann er nicht. Die wirkt so wahnsinnig souverän und überzeugend.

Labern, drohen, vorrechnen, vorhalten, Entschlusskraft vortäuschen – aber nicht handeln. Grube in seiner Lieblingspose Ende 2009 (Foto: FW)

Ich hätte da noch einen, in Abwandlung eines Beitrags in der Leserdiskussion in der ZEIT:

(Wo kann man eigentlich gegen die Bahn klagen wenn die bei Sonne, Schnee oder anderen ‚Naturkatastrophen‘ nicht ordnungsgemaess fahrt?)

Grube will gegen das Wetter klagen, wenn es die unbeheizten Weichen im kommenden Winter wieder zuschneit.

Zuzutrauen wäre es dem größten Bahnchef aller Zeiten (Gröbaz) jedenfalls.

Nachtrag: Ein Twitter-Follower (danke!) postete, dass sich die britische Eisenbahngesellschaft British Rail (BR) schon 1991 mit dummen Winterausreden lächerlich gemacht hat. Damals hat die noch staatliche Bahngesellschaft winterliche Zugausfälle mit einer „falschen Sorte Schnee“ begründet. Hoffentlich bekommen das Grube und Homburg nicht mit!

 
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