Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Die DB hat die Absicht, bei Siemens Züge zu kaufen

26.04.11 (Bahnindustrie, Deutschland, Fernverkehr, Hochgeschwindigkeitszüge, Personenverkehr, Triebwagen)

In einer Pressemitteilung, die sich an Inhaltsarmut und Formulierung mit jeder börsenrelevanten Mitteilung einer amerikanischen Corporation vergleichen lässt, kündigte die  Deutsche Bahn am Gründonnerstag an, mit Siemens einen Rahmenvertrag über die Lieferung von „bis zu 300 ICx-Zügen“ abgeschlossen zu haben. Was nicht als Auftrag für 300 Züge verstanden werden darf, sondern nur als Absichtserklärung.

Das ist so, als wenn Sie mit Ihrem Lebensmittelhändler einen Vertrag über die Lieferung von „bis zu 100“ Hühnereiern abschließen, die sie im Lauf eines Jahres beabsichtigen, bei ihm möglicherweise einzukaufen. Zehn nehmen Sie gleich mit. Weil sich der Händler etwas von diesem Riesengeschäft verspricht, gibt er Ihnen nicht nur 10 Prozent Rabatt auf jedes gekaufte Ei, sondern auch eine zusätzliche Frischegarantie und dass jedes zerbrochene Ei in der Packung durch zwei ganze Eier ersetzt wird. Dass Sie am Ende nur 40 bis 50 Eier gekauft haben werden, kann er nicht ahnen. Er hofft eben auf das große Geschäft. Unter Druck kann er Sie nicht setzen, wenn Sie ihren Rahmenvertrag nicht ausschöpfen. Bestenfalls kann er Ihnen im nächsten Jahr den Rabatt verweigern, falls Sie glaubhaft versichern, sonst nie wieder bei ihm überhaupt noch Lebensmittel einkaufen zu wollen.

Originaltext der DB-Pressemitteilung: Aus dem Rahmenvertrag ruft die DB sofort 130 Züge ab. Der Abruf von weiteren 90 Zügen zu festgelegten Konditionen ist geplant. Die weiteren 80 Züge können durch die DB jederzeit abgerufen werden. Die ersten Züge sollen zum Fahrplanwechsel im Dezember 2016 in den Regeleinsatz kommen.
Nach Ablauf der vergaberechtlich zu beachtenden 14-tägigen Warte- und Informationsfrist wollen beide Unternehmen den Vertrag endgültig zeichnen.

Ja, da können wir uns schon einmal auf fünf weitere Jahre mit einem maroden ICE- und IC-Zugsystem abfinden, bei dem Fahrgäste von der Bundespolizei aus den Zügen hinauskomplimentiert werden, um dann mit 25 Euro abgefunden zu werden. Obwohl die DB ihren Beförderungsvertrag nicht erfüllt und deshalb in Regress genommen werden kann. Oder man wird wegen eines Stromabnehmerschadens über einen Steg in den daneben stehenden Zug verfrachtet, weil ohne Strom keine Klimanlage funktioniert. Zitat eines Bahnsprechers im Bilderblatt: Bahnsprecher Dirk Pohlmann: „Der Grund dafür ist ein technisches Bauteil, das ab und an ausfällt. Dadurch kann es in einzelnen Waggons zu Ausfällen kommen.

Kann man halt nichts machen. Vorbeugende Wartung ist zu teuer.

Wenigstens hat DB Fernverkehr diesmal den Fahrgästen Nahtoderlebnisse durch Atemnot und Saunatemperaturen erspart. Was bei diesem Unternehmen bereits als Fortschritt betrachtet werden muss.

DB-ML-Vorstandvorsitzender Grube wird in der Pressemitteilung mit folgendem wichtigen Satz zitiert: Der Vorstandsvorsitzende der DB, Dr. Rüdiger Grube, erklärte: „Der neue ICx wird das Rückgrat unseres Fernverkehrs. Wir treiben also unsere Kunden- und Qualitätsinitiative mit ganzer Kraft voran. Das Wichtigste ist für mich, dass davon zu allererst unsere Kunden profitieren.“ Ach, wirklich? Was hat Grube denn in zwei Jahren bisher bewegt? Primär sein Konto und sekundär seinen Mund, fürchte ich.

Und wie sollen wir diese Andeutung verstehen:  „Der neue ICx wird das Rückgrat unseres Fernverkehrs.“ Als Ergänzung des ICE-Netzes, als Ersatz dafür, ein Einheitszug für alle Fälle? Und wie soll der Zug aussehen? Kein Wort darüber. Eben eine „amerikanische“ Pressemitteilung…

Die Zukunft des Fernverkehrs liegt aber auch auf der Straße, denn DB Fernverkehrs-Vorstand Ulrich Homburg äußerte sich heute in der FTD liebevoll über Fernbusse:

FTD Rechnen Sie damit, dass durch die Fernbusse ICE-Bahnhöfe in mittelgroßen Städten wie Flensburg oder Erfurt unwirtschaftlich werden und als solche geschlossen werden müssten?
Homburg Es kann zu einer Ausdünnung des ICE-Netzes führen – muss es aber nicht. Wenn etwa Strecken dann nur noch unwirtschaftlich betrieben werden können, werden wir möglicherweise handeln müssen. Das könnte im schwächer ausgelasteten Randnetz der Fall sein. Ob es so kommt, werden wir aber nach dem Start der Fernbusse sehen.

Der Mann des Konjunktivs ist so entschlossen wie sein Chef Grube: Das Brot-und-Butter-Geschäft ist wahnsinnig wichtig, doch am liebsten investiert man im Ausland, weil es sonst ja ein böser Wettbewerber tun könnte und die DB so gut zeigen kann, wie es wirklich geht:
FTD Sie betonen neuerdings bei jeder Gelegenheit Ihre Auslandspläne. Soll das nach der Absage des Börsengangs die neue Großmotivation der Bahner sein?
Homburg Erstes Ziel ist, unseren Kunden im Heimatmarkt wieder die Reisequalität zu bieten, die sie zu Recht von uns erwarten. Das macht unsere Fahrgäste zufriedener und uns auch. Und zweites Ziel ist die Auslandsexpansion, das stimmt. Wir wollen die treibende Kraft sein bei den Liberalisierungs- und Konzentrationsprozessen, die sich gerade in Europa auftun. ((Liberalisieren, aber als DB Marktdominanz erstreben? Wozu?))
FTD Ärgerlich nur, dass die Siemens-Züge bisher gar keine Zulassung fürs Ausland bekommen. Sind Sie überhaupt in der Lage, Ihre hochfliegenden Expansionspläne umzusetzen?
Homburg Die Pläne sind nicht hochfliegend, eher zurückhaltend. Wir bieten nur Verbindungen an, die wirtschaftlich tragfähig sind. Und wenn wir nicht bestimmte Strecken besetzen, tun es andere Bahnkonzerne an unserer Stelle. Trotzdem starten wir wie geplant ab Dezember gemeinsam mit der französischen Bahn SNCF die neue Verbindung von Frankfurt am Main nach Marseille – statt mit dem ICE fahren wir eben erst mal mit dem französischen Schnellzug TGV.

Welche Chancen Homburg sonst noch im Ausland sieht, lesen Sie im Interview der FTD. Man merkt sehr schnell, was die einzige Kennzahl der DB-Vorstände ist: Marktanteile, Marktanteile. Und damit die Fehlentscheidungen aus Mehdorns und hoffentlich bald endenden Grubes Zeiten nicht ganz so offensichtlich sind, werden halt „bis zu“ ein paar Milliarden auch bei der deutschen Deutschen Bahn investiert. Bis dahin haben wir eben den bekannten Notbetrieb im Fernverkehr. Originalton Pressemitteilung: Der Rahmenabrufvertrag mit Siemens in Milliardenhöhe umfasst bis zum Jahr 2030 einen möglichen Lieferumfang von bis zu 300 ICx-Zügen.

Was im Klartext bedeutet, dass die DB erst in 19 Jahren wieder einen verlässlichen Betrieb anbieten will, weil sie dann genügend Züge „haben könnte“. Aber schöne neue Busse gibt es schon früher. Großes Vorstands-Ehrenwort.

 

DB: Ihr guter Stern auf deutschen Autobahnen.

Die Deutsche Reichsbahn hat schließlich viele davon gebaut.

 

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