Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Stuttgart 21 endlich am Ende?

05.04.11 (Bahnhöfe, Deutschland, Personenverkehr)

Dies ist mein 600. Blog-Beitrag und ich könnte mir die Finger wundschreiben über die vielen Probleme, die die Deutsche Bahn hat. Aber da die Zeitungen, auch in Stuttgart, allmählich wie befreit zu sein scheinen von dem schwarzen Dunst, der auf ihnen lag, haben Sie sicher die meisten Neuigkeiten schon gelesen.

Ramsauer, Fähnchen im Wind wie immer, hat ja schon letzte Woche „Dudu“ gemacht und den Finger gehoben, dass man das Geld für die Neubaustrecke Wendlingen – Ulm auch woanders einsetzen könnte. Die notorisch uninformierten CDU- und SPD-Wähler haben nun Angst, dass sie kein Bundesgeld sinnlos im Tiefbahnhof und der Neben-Neubaustrecke verbraten können, weil wir es ja haben und der Staat alles bezahlt. Tatsächlich sind es die Stadt Stuttgart, ein paar Randgemeinden und das Land Baden-Württemberg, die alles finanzieren, wie dieses Video (Kurzfassung) belegt.

Realitätsverlust ist bei dem baden-württembergischen SPD-Vorsitzenden Nils Schmid festzustellen, der immer noch an S21 festhalten will und sich offensichtlich nie die Mühe gemacht hat, ein paar der Nachteile von S21 zu Gemüte zu führen. Dafür wurde die SPD mit Recht bei der Landtagswahl abgestraft, was aber noch nicht so recht bis zu Schmid durchgedrungen zu sein scheint, wenn man ihn so reden hört. Auch Kretschmanns Standpunkt gegenüber S21 erscheint mir nicht glasklar. Auf einen Volksentscheid oder welche Form auch immer eines Plebiszits würde ich mich als Steuerzahler und S21-Gegner jedenfalls nicht einlassen. Deshalb ist es richtig, dass sich die letzte Woche von einem Vergabe- und nicht Baustopp berauschten S21-Gegner weiter demonstrieren. Denn vor allem die SPD könnte sich als dick- und dummköpfiger Hemmschuh entpuppen. Diese Partei tut ja alles, sich windelweich in die Bedeutungslosigkeit der FDP zu katapultieren. Und Standhaftigkeit wäre gerade im Fall S21 nicht ehrenhaft, sondern Realitätsverweigerung.

In der übt sich auch Bahnchef Grube, der nun das geerbte Projekt dahinschwinden sieht, das ihn in Wirklichkeit nichts kostet, sondern noch ein paar der bald fehlenden Millionen in die Kasse spült. Er, der Mann für die dritte Reihe, ein Vorstandsvorsitzender, dem jegliche Entscheidungskraft fehlt, hätte bereits 2010 die Reißleine ziehen müssen. Denn jeder Erwachsene mit etwas Lebenserfahrung weiß, dass riesige Bauprojekte niemals zum kalkulierten Preis machbar sind. Gut wäre, wenn Grube einen Chef (=Ramsauer) hätte, der nicht vor sich hinmerkelt und aus Realitätssinn die weitgehend zweckfreie Neubaustrecke, die ohne S21 nicht funktionieren kann, als unfinanzierbar abbläst. Damit wäre dann auch S21 tot und kein großer Schaden entstanden, auch wenn DB-Kefer die vor der Schlichtung aus der Luft gegriffene und widerlegte Ausstiegskostenzahl von 1,5 Mrd. Euro wieder verbreitet. Er setzt eben auf die Vergesslichkeit der Öffentlichkeit und der Redakteure, die solche falschen Zahlen bereitwillig wiedergeben. Aber die Ergebnisse der Schlichtung sind ja auch längst vergessen. Da kann man doch wieder die alten Propagandasprüche unters Volk bringen. Blöd nur, dass sie keiner mehr glaubt. Außer der SPD Baden-Württemberg natürlich, dem Hort der systematischen Realitätsverweigerung in Sachen Stuttgart 21.

Die Deutsche Bahn, deren Pressemitteilungen nach meiner Erfahrung einen Wahrheitsgehalt zwischen 0 und bestenfalls 70 % haben, lügt dem gemeinen Publikum vor, dass man so viele Einsparungen machen konnte, dass Stuttgart 21 auf keinen Fall teurer wird und nach der angeblichen Baupause weitergebaut werden muss. Schon wegen der vielen Aufträge, die man unmöglich rückgängig machen könne, was erfahrene Juristen detailliert widerlegt haben. Der gesunde Menschenverstand, der in den höheren Etagen des Berliner Bahntowers offenbar nicht mehr vorhanden zu sein scheint, sagt etwas anderes. Aber Vorstände, die den höchsten Grad ihrer Inkompetenz erreicht haben, denken irgendwann nur noch in Pipi-Langstrumpf-Kategorien. Sie machen sich die Welt, wie sie ihnen gefällt.

Dumm nur, dass der Stern eine DB-interne Studie zugespielt bekam, die von gewaltigen Risiken spricht. Bis hin zu solchen Kleinigkeiten wie einem höchst riskantem Tunnelbau unter der Cannstatter Daimler-Produktionsstätte, für den sich kein kluger Unternehmer hergeben will. Weil diese nämlich realistisch mit (Haftungs-)Risiken umgehen und sich nicht nach Vorstandsart mit einer Millionenabfindung aus der Verantwortung stehlen können. Mehr am Donnerstag im Stern, ein Vorgeschmack hier. Ein Vorstandsvorsitzender mit Verantwortungsgefühl und Entscheidungskraft würde S21 kurzerhand abbrechen. Grube fehlt beides.

War sonst noch was (um mal dieses Extra3-Zitat zu guttenbergen)? Ja: Die EU-Kommission hat in einer Razzia mehrere Standorte der Deutschen Bahn durchsucht. Angeblich ging es um Stromrabatte von DB Energie für die DB-Töchter. Insider gehen davon aus, dass es tatsächlich um andere Schweinereien im Wettbewerbsbereich ging. Denn die EU will ja ein paar hundert Millionen zurück, die die DB zu Unrecht im Nahverkehr kassiert hat. Ein bisschen Sparsamkeit täte dem DB-Konzern für alle Fälle gut.

Aber man trickst lieber Konkurrenten aus. Mofair schreibt: Dem ersten privaten Fernzugbetreiber Hamburg-Köln-Express (HKX) stehen für den Halt an Bahnhöfen der Bahn-Tochter DB Station&Service drastische Preiserhöhungen ins Haus. Nach Presseberichten wurden die Preise, die HKX zahlen soll, kürzlich um 135 Prozent angehoben.
Das benachteiligt ausschließlich private Fernverkehrsangebote. Sie müssen die Ticketpreise erhöhen. Zwar müssen auch die Fernverkehrszüge der Deutschen Bahn die höheren Stationspreise zahlen, aber ergebniswirksam sind sie für den Konzern nicht. Die Fahrpreise muss DB Fernverkehr auch nicht erhöhen. Was der DB-Fernverkehr weniger einnimmt, erzielt DB Station&Service mehr; für den DB-Konzern ist es ein Nullsummenspiel.

Mehr zum Hintergrund bei der FTD. Die Essenz: Da hat doch DB Station&Service bei den Stationspreisen, die für jeden haltenden Zug bezahlt werden müssen, einen Trick gefunden, wie man Mitbewerber austricksen kann. Willkürlich wurde der „Zuglängenfaktor“, im Grunde sowieso blanker Unsinn, von 180 m auf 170 m verkürzt. Regionalexpresszüge und natürlich auch die neuen Billig-IC-Züge mit minimal geänderten Regionalexpresswagen kommen mit 150 m aus. HKX verwendet fünf gewöhnliche Wagen, die zufällig zu lang für den verkürzten Zuglängenfaktor sind. Deshalb wird es für HKX-Züge so drastisch teurer. Obwohl es dem Bahnsteig egal ist, ob die Reisenden auf 150 oder 170 m Länge ein- und aussteigen. Oder will man damit vermitteln, dass die Reinigung und die Schneeräumung über 150 m hinaus exorbitante Kosten erzeugt? Unseriös ist noch das Freundlichste, was mir zu diesem Verhalten einfällt.

So boxt man jedenfalls elegant Konkurrenz aus dem Geschäft, obwohl man auch mit Nicht-DB-Zügen munter ein Zusatzgeschäft machen könnte. Auch HKX ist ein Kunde für DB Netz und DB Station&Service.

Aber Kunden haben beim DB Mobility Logistics-Konzern ja noch nie eine größere Bedeutung gehabt.

Ein Kommentar

 
Get Adobe Flash player

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen