Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Alles klar bei Stuttgart 21

28.05.11 (Bahnhöfe, Deutschland, Eisenbahn)

Seitdem Grün-Rot die Wahl in Baden-Württemberg gewonnen hat und sich ein gewisser Herr Mappus gerüchteweise als Merck-Vertreter nach Südamerika davonzuschleichen versucht, ist bei „Stuttgart 21“ alles anders. Das hatte ich auch gehofft, denn die Milliardenverschwendung von Steuergeldern für das Immobilienprojekt S21 geht jeden etwas an. Das dümmste Bauprojekt seit dem Turmbau zu Babel bewegt zwar weiter die Gemüter, doch die Lage ist unübersichtlicher denn je.

  • Die neue Landesregierung muss sich erst formieren und sieht sich starken Hoffnungen ausgesetzt, dass sie S21 zu Fall bringen würde.
  • Die Gegner sind ernüchtert und haben das Ziel „Mappus weg!“, das sie einst vereinte, verloren.
  • Wer sich am Ziel glaubte, dass S21 bald gestoppt würde, sieht sich getäuscht.
  • In der Regierung sitzen nun SPD-Vertreter, denen ich nicht einen Funken Verstand in Sachen S21 zubillige.
  • Die konservative Presse geifert in widerwärtigster Weise gegen die Grünen und wiederholt genüsslich angebliche Jugendsünden von Kretschmann und Hermann (weil journalistische Karrieristen mit CDU-Parteibuch ja schon mit 14 in der Jungen Union waren, ein Kohl-Plakat ins Kinderzimmer hängten und schon als Kind beschlossen, immer so konservativ und rückwärtsgerichtet zu bleiben, weil Veränderungen Angst machen und eventuell Umdenken erfordern).
  • Die Stuttgarter Zeitung, gegenüber dem vernagelten Schwesterblatt Stuttgarter Nachrichten ein Hort relativer Liberalität, stänkert wieder stärker gegen S21-Gegner, vielleicht auf Druck des Verlegers.
  • In den Kommentarspalten tummeln sich die S21-Fans und CDU-Wähler und rechnen allen Ernstes mit dem nahen wirtschaftlichen Untergang Baden-Württembergs. Es müssen Menschen sein, an denen bisher jegliche Lebenserfahrung spurlos vorbeigegangen ist. Sie denken offensichtlich: „Die Regierung weiß schon, was sie tut. Daimler und Porsche müssen weiter Fahrzeuge mit sehr hohen Abgaswerten bauen, weil das unseren Wohlstand sichert. Bauprojekte sind exakt planbar und werden niemals teurer. Die CDU hat uns noch nie angelogen. S 21 ist Fortschritt und der Bonatzbau Nazi-Architektur.“ Undsoweiter. Da haben wohl ganz wesentliche Teile des Schulsystems versagt und einen Teil der Bevölkerung in geistiger Umnachtung gelassen. Mit Absicht, weil die dann bei der Vetterleswirtschaft nicht stören.
  • Ehrlichkeit und strategische Zurückhaltung wie bei Kretschmann wird von den konservativen Redakteuren diverser Blätter als Schwäche ausgelegt und verlacht. Der neue Stil irritiert, doch plötzlich sind die Journalisten, die monatelang die Grünen als Garant für den Untergang Baden-Württembergs bezeichnet haben, Randfiguren. Ihr schwarzes Netzwerk wird ihnen noch einige Zeit nützen, doch der Kontakt zur neuen Volkspartei der Grünen fällt schwer. Wie soll man jemand offen und vorurteilslos gegenübertreten, wenn man sie im tiefsten Herzen hasst?
  • Rüdiger Grube droht weiter mit Textbausteinen, falschen Zahlen und schulmeisterndem Zeigefinger. Er kann es nicht anders. Die befreiende Entscheidung, den ganzen Mist schnellstmöglich zu beenden, will er nicht treffen. Er ist kein Entscheider, kein Manager mit Führungskraft. Ein verbaler Kraftmeier wie Ramsauer. (Aber das ist ja nichts Neues.)
  • Ganz offensichtlich wird seit Wochen lustig weitergebaut, auch wenn die hochqualifizierten Propagandabeauftragten leugnen, was jeder sehen kann.

Am erschreckendsten finde ich aber, dass die Schlichtung praktisch keine Wirkung gezeigt hat (vom Opium für’s Volk abgesehen, es dürfe ein bisschen mitreden). Es wird weiter gelogen und mit widerlegten Zahlen und Argumenten argumentiert, als wäre nichts passiert. Das Grundwasser erweist sich als weit tückischer als erwartet. Niemand will einen Tunnel in Bad Cannstatt bohren, etliche Planfeststellungsverfahren sind noch gar nicht gelaufen. Aber Grube, der Obstbauernsohn mit angelernter Feldherrn-Attitüde, will munter weiterbauen. Weil es ja keine Ausstiegssklausel gibt. (Merke: Verträge sind immer unabänderlich, selbst wenn sie sich als sittenwidrig, unter falschen Zahlen beschlossen oder als unfinanzierbar erweisen.) Ein hanseatischer Kaufmann, der mit spitzem Bleistift rechnet, würde nicht weiterbauen. Obwohl: Die Elbphilharmonie ist ja auch nicht teurer geworden. 😉

In den Hinterzimmern des Staatskonzerns Deutsche Bahn basteln Fahrplanexperten monatelang so lange herum, bis das gewünschte Ergebnis herauskommt. Eine Computersimulation, die man in wenigen Wochen erstellen kann, braucht bei der DB Monate, die man dazu nutzt, sich strategisch so zu positionieren, dass der „von der Landesregierung erzwungene“ Baustopp oder Abbruch des Irrsinnsprojekts der DB und damit den Bahnvorständen maximale Rendite sichert. Denn die interessiert nur eins: Noch mehr auf dem Konto zu haben. Kluge Schwaben finden das widerlich. Die dummen dagegen normal. Do ka mr nix mache.

Weil Verkehrsminister Hermann mit Recht mit einem irgendwie auf positiv getrimmten Testergebnis der DB rechnet, will er nun einen eigenen Test unter realistischen Bedingungen, die Wachstum erlauben. Denn Stuttgart Hbf ist, in welcher Form auch immer, ein Bahnhof mit regionaler Bedeutung und wichtig für den Pendlerverkehr. Und bei den irren Miet- und Wohnungspreisen Stuttgarts wird dieser weiter steigen.

Geht man nach den Befürchtungen der „S21 ist Fortschritt“-Blindschleichen und „Die Grünen wollen in die Steinzeit zurück und schaffen das elektrische Licht ab“-Angsthasen, sitzen in ein paar Jahren sowieso alle wieder zuhause und stricken in Heimarbeit Wollsocken, reparieren Fahrräder und basteln Kuckucksuhren, die per Kiepe nach Bayern, Rheinland-Pfalz und Hessen getragen werden. Und die CNC-Maschinen laufen mit Wasserkraft, weil es keinen Strom mehr gibt.

Wirtschafts- und Finanzminister Nils Schmid (SPD) traue ich so viel politisches Talent zu.

O Schwabenland, gelobtes Land, wie wunderbar bist du.

2 Kommentare

  • 1
    Lukas:

    Also, ich finde, dass man hier Herrn Grube keine Vorwuerfe machen kann. Diese muessen an andere Stellen (z.B. Verkehrsministerium) gerichtet werden.

    Er ist Vorstand einer Aktiengesellschaft. Als solcher ist er den Aktionaeren verpflichtet (welche durch die Bundesregierung repraesentiert werden). Da der Bund Stuttgart 21 finanziert kann Herr Grube dies als Willenserklaerung zu diesem Projekt auffassen.
    Dass er versucht den maximal moeglichen Gewinn zu erzielen ist auch nicht verwerflich, ist dies doch von der Bundesregierung (und das galt auch fuer die grosse Koalition und Rot-Gruen) gewuenscht.

  • 2
    Friedhelm Weidelich:

    Ich sehe das anders. Grube trägt null persönliches Risiko, weit weniger als die meisten Vorstände „richtiger“ AGs, wo sich Aktionäre in Hauptversammlungen zumindest verbal wehren können. Ramsauer ist Grubes Chef, doch vollkommen uninteressiert. Wenn der ihn, was nicht stattfinden wird, entlassen will: Was soll Grube passieren? Eine viele Millionen schwere Abfindung, fertig. Wie Grube schon sagte: „Cash in de Täsch is the nehm of the gehm.“ Weiter denkt der nicht.
    Grube haftet weder für in Stuttgart vergeudete Milliarden noch für Gewinne durch ein gebautes S21. Er haftet nicht für ein marodes Schienennetz, marode Bahnhöfe, defekte und zu wenige Züge. Denn die Pseudo-AG DB hat als alleinigen Aktionär die Bundesregierung. Die zieht zwar Gewinne aus dem Staatsbetrieb, die wir mit überhöhten Fahrpreisen und einem teilweise lausigen Service bezahlen. Das war’s aber auch schon.
    Die meisten Vorstände, egal wo, arbeiten für ihren maximalen persönlichen Nutzen. Erst in weitem Abstand kommt der Gewinn des Unternehmens (weil er sich in zusätzlichen Boni auszahlt). Das Gemeinwohl, eigentlich der primäre Sinn eines staatlichen Verkehrsunternehmens, ist Grube und seinen Vorstandskollegen völlig egal. Die definieren sich und ihren Status über ihr Einkommen (unbedingt höher als bei anderen Vorständen) und die Marktanteile, die sie im Ausland erzielen. Die Verschwendung von Steuergeldern wie bei Stuttgart 21 wird ihnen mangels Kontrolle durch Bundesverkehrsminister und Parlament auch noch leicht gemacht.

 
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