Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Die Climax und der Hauptbahnhof Berlin

29.05.11 (Bahnhöfe, Belgien, Deutschland, Europa, Gartenbahn)

Falls Sie noch nicht beim Bäcker oder Kiosk waren: Mein Artikel ist drin in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, von der üblichen Stelle etwas vorgerutscht auf Seite 49, aber auf der sonst belegten letzten Seite des Buches „Technik & Motor“ immerhin angekündigt. Dort steht stattdessen ein Beitrag über alte Autos und Motorräder. In der IAA-Stadt Frankfurt ist die Liebe zu Benzingeruch eben ausgeprägter als die Sensibilität für das Aroma aus heißem Öl, Stahl, rostigem Eisen, Dampf und Öl. Autos sind halt massenkompatibler, obwohl der Spielzeugcharakter weit ausgeprägter ist als bei der Eisenbahn. Diese muss man als System verstehen, um sie betreiben zu können. Beim Auto genügt der Gasfuß, der liebevolle Blick aufs Blech und die Kenntnis der „Piloten“, die manches Gefährt bewegt haben. Ich kenne die Namen der Lokführer auf 300 bis 506 km/h schnellen Zügen nicht.

Vielleicht ist die durchaus erkennbare, wenn auch geringere Affinität zur Eisenbahn auch dem geschuldet, dass die Deutsche Bahn sich erst in Frankfurt einen Turm errichtet hat und dann noch einen größeren in Berlin, endgültig der Welt entrückt und der Realität. Ein Elfenbeinturm für die vielen Menschen, die nichts von Eisenbahn verstehen und nichts anderes gelernt haben, als kurzfristig in Marktanteilen, Kostenreduzierungen und Gewinnen zu denken. Woraus sie den Anspruch ableiten, ein Eisenbahnsystem führen und beaufsichtigen zu können. Ein Anspruch, den keiner im Elfenbeinturm erfüllen kann. Denn die Arbeit machen die richtigen, echten Eisenbahner an und auf der Strecke. So gut es eben geht unter der Knute der Unfähigen, der Realität Entrückten weiter oben. (Das habe ich schon oft genug von denjenigen an der Kundenfront gehört.)

In zufälligen Winkeln angeordnete Bänke und Tafeln auf dem engen Bahnsteig, ein verschachteltes Chaos mit Durchblicken, die die Orientierung weiter erschweren. Fehlt nur noch das monumentale Dürrsche Winkemännchen (Foto: Friedhelm Weidelich)

Ich möchte Ihnen den Kauf der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung nicht nur wegen meiner Climax-Geschichte nahelegen, sondern auch wegen eines Beitrags auf S. 26 im Feuilleton. Peter Richter glaubt da als Erster über den missratenen Berliner Hauptbahnhof zu schreiben, der jetzt fünf Jahre alt ist. Ich habe in diesem Blog schon letztes Jahr über dieses Kaufhaus mit Gleisanschluss gelästert, und gerade eben fand ich den (oder das, wie Sie mögen) Blog http://berlinhauptbahnhof.wordpress.com, der/das schon seit 2008 nichts als Berlin Hbf zum Thema hat. Mit der fein ironischen Unterzeile „Weblog zum aufregendsten Bahnhof der Welt“. Ja, aufregen kann man sich gut über diese verschachtelte Minimalarchitektur, die mit wenig Geschmack und wahrscheinlich dem hohen fachlichen Input des Mannes, der jetzt bei Stuttgart 21 das Handtuch warf, zum Dreifachen des geplanten Preises errichtet wurde. Der lächerlichste Hauptstadtbahnhof, den sich eine europäische Metropole zu leisten können glaubt. Die Berliner Verwaltungskünstler und Architekturlobbyisten haben sicher ihren Teil dazu beigetragen. Denen ist nicht mal eine nachgebildete Stadtschloßfassade zu blöd.

Richters Beitrag ist in seinen Nuancen auf jeden Fall lesenswert. Unter anderem der eherne Satz: „Der Berliner Hauptbahnhof ist als Ganzes und nach seinen eigenen ästhetischen und architektonischen Absprüchen missraten.“ Oder die Feststellung, dass dies der einzige Bahnhof sei, der nur mit der Bahn erreichbar sei. Eben nicht mit dem Auto, dem Taxi oder anderen Verkehrsmitteln. Stimmt.

Was Richter jedoch falsch einordnet, sind die einst wegen der Dampflokomotiven großen runden Hallendächer, die man bei einem Neubau nicht gebraucht hätte. Vermutlich hat er den hochmodernen Bahnhof Liège-Guillemins noch nicht gesehen mit seinem riesigen, weit gespannten Hallendach über Oberleitungen. Oder die neuen chinesischen Bahnhöfe.

In Belgien hat man sich getraut, diesem Bahnhof eine Architektur zu geben, die seine Bedeutung verdeutlicht. Die Deutsche Bahn dagegen, ohne Stolz, liebt Gruben-, Lego- oder Duckmäuserarchitektur. Die ist umgekehrt proportional zum Ego der Bahnvorstände. Eine Schande für diese Herren und die ganze Republik.

Aber denen genügt es ja bereits, wenn der architektonische Schrott richtig teuer war.

In Hannover gibt es sie noch, die schon damals abgrundtief geschmacklosen Figuren aus Stahlblech, mit der die Deutsche Bahn AG Modernität vortäuschen wollte. (Foto: Friedhelm Weidelich)

Da stört es auch nicht, dass sie schon mal auf den Kopf gefallen sind. Kunst am Bau oder Schrottplastik als Zeitzeuge der Neunziger?

5 Kommentare

  • 1
    derherrdoerr:

    Guten Nachmittag,
    ich war am Kiosk und habe eben die Lektuere zutiefst erheitert beendet. Welcher Bahnhof wird denn fuer Reisende geplant?! Waere ja noch schoener. Und das netteste Lob fuer den Bahnhof hat eine franzoesische Gaestin ausgesproche: Man hat auf den oberen Gleisen eine so schönen Ausblick. Genau. Haette man alles andere weggelassen, waere auch noch Aussicht. Der bescheuertste Bahnhofsneubau, den ich je gesehen habe… Kassel Wilhelmshoehe war ein verheissungsvoller Schritt in diese Richtung.

  • 2
    Friedhelm Weidelich:

    Danke für Ihren hübschen Kommentar. Ich frage mich, wieso DB Entertainment (würde mich nicht wundern, wenn es diese ca. 250. DB-Tochter nicht auch schon gäbe) nicht eine TV-Soap produziert: Der kleine Bahnhof am Rande der Stadt. So mit ausgeraubten Geschäften, haste-mal’n-Fuffi-Fragern, Reisenden, die die Orientierung verloren haben und von Suchtrupps der Bahnhofsmission zur S-Bahn oder einem Taxi gebracht werden; mit Drogenumschlag, gigantischen Verspätungen, eingefrorenen Weichen, explodierenden Pizzaöfen, Viren in der Salatbar und verzweifelten Reisenden, die von pampigen Berliner DB Security-Leuten angebrüllt werden. Dazu WLAN-Ausfall, gestörte Bahnsteiganzeigen, brennende ICE-Triebköpfe und Fahrgäste, die in Berlin Hbf die Scheibe einschlagen, weil der ICE ab Ostbahnhof mit defekter Klimaanlage losgefahren ist. Im Kontrastprogramm erklärt Bahnchef Grube im Konferenzsaal weiter oben den staunenden Politikern und angehenden Eisenbahnern aus der Mongolei mit hochgerecktem Zeigefinger und in schlechtem Englisch, wie man erfolgreich ein Bahnunternehmen führt. Auf die Frage, wie viele Millimeter Spurweite DB-Gleise haben, muss er aber passen, weil er das noch nicht auswendig gelernt hat und seine PR-Berater diesen Begriff überhaupt nicht zuordnen können.

    In der Tat: Berlin Hbf ist eine grandiose Fehlleistung. Falls Stuttgart 21 durchgeknüppelt wird, wird diese Serie von menschenfeindlichen Bahnhofs-Platzhaltern einen neuen Tiefpunkt erreichen. Auch wenn die Chancen gut stehen, dass es nur eine Mineralwasser-Badeanstalt unter den alten Bahnsteigen wird.

  • 3
    berlin hauptbahnhof:

    Hallo

    Das ist aber nett, dass Sie uns verlinken. Ja, der Untertitel ist absichtlich mehrdeutig zu verstehen. 🙂
    Kaum ein Bauwerk ist so kontrovers in aller Munde, kaum ein Bauwerk löst solche Emotionen bei den Menschen aus (Liebe / Hass). Wirklich egal ist es anscheinend Keinem, also muss etwas Besonderes dran sein.

    Den FAZ-Artikel haben wir gelesen. Es wundert uns ein wenig, dass Herr Richter meint, „als erster“ „die Wahrheit“ zu verkünden. Das ist so nicht ganz richtig.
    Eigentlich schwimmt er nur im Strom der negativen Meinungen mit und reiht sich ein in die Folge der polemischen, substanzlosen, destruktiven Verrisse, derer es bereits Tausende gibt.

    Wir sind ja eher Freunde sachlicher und konstruktiver Kritik.
    Hier bietet sich leider keine vernünftige Diskussionsgrundlage an.
    Aber das soll ja wohl auch nicht so sein, ist es doch schließlich „die Wahrheit“, die, ganz im Sinne der heutigen Neue-Medien-Meinungsdiktatur, sowieso keinerlei Widerspruch duldet.

    Eine Anmerkung vielleicht noch:
    Der HBF ist tatsächlich doch über o.g. Verkehrsmittel erreichbar. Zug, S-Bahn, Busse, Taxen (und auch die U55) frequentieren den Bahnhof. Es werden außerdem eine Straßenbahn- und U-Bahnverbindung gebaut.

    Beste Grüße

  • 4
    Friedhelm Weidelich:

    Ich fand die Kritik Richters nicht unsachlich. Dieser Bahnhof ist gebaute Kleinkariertheit und Hasenfüßigkeit, die ich sowohl bei der DB als auch bei der Stadt Berlin beobachte.

    Was den Anspruch betrifft, als erster darüber zu schreiben: Viele Journalisten sind eitel. So eitel wie viele Blogger. 😉 In den Redaktionen herrscht darüber hinaus der von Chefredakteuren getriebene Ehrgeiz, als erster/Erster über etwas geschrieben zu haben. Das gibt es nur noch selten, aber zumindest intern muss vorgetäuscht werden, dass man als erster einen bestimmten „Dreh“ gefunden hat. Das interessiert in sehr seltenen Fällen den Leser, aber durch die schnelle Online-Stellung können Journalisten ja gut vergleichen, wer wann wie geschrieben hat. In allgemeinen (Online-) Geblubber wird das völlig überbewertet, denn der Vorsprung einer neuen Deutungsart und eines neuen Drehs ist oft nur wenige Minuten von dem entfernt, der auch auf das Thema anspringt und sich aus denselben Agenturquellen bedient. Denn vor die Tür kommen die Redakteure kaum noch. Und so haben wir einen langweiligen Mainstream, der nur mal von der FAS, dem Freitag und in seltenen Fällen von der ZEIT unterbrochen wird.

    Nicht nachvollziehbar ist für mich Ihre Einordnung der FAZ in die „Neue-Medien-Meinungsdiktatur“. Die FAZ gehört sicher nicht zu den „Neuen Medien“. Starke Meinungen gibt es überall, gerade in den Blogs, und ich mache da gern mit – auch weil ich als Journalist einerseits weiß, unter welchen Bedingungen Redakteure arbeiten, andererseits auch den Qualitätsrückgang beobachte, der nicht zuletzt eine Folge des immer höheren Tempos, Druck der Verlagsleitungen und die Dominanz von schlecht rechechierten, schlicht mit copy & paste erstellten Agenturmeldungen sowie geschickter PR ist. Dass Journalisten einen genau so großen Anspruch auf „die Wahrheit“ besitzen wie die Blogger, ist mir klar. Das Schöne an Blogs ist die Subjektivität. Mit Wahrheit hat das wenig zu tun. Denn die hängt vom eigenen Weltbild ab, das sich in der FAZ halt so, im Spiegel inzwischen auch nicht mehr viel anders und in zwei, drei anderen Zeitungen eben ganz anders zum Ausdruck kommt. Das Geheule in bestimmten Zeitungen über den Atomausstieg, vor allem auch der Leser, lässt mich dann auch etwas an der Kompetenz gewisser Redakteure zweifeln. Eine Meinungsdiktatur kann ich daran nicht erkennen.

    Ich habe die Kanzler-U-Bahn übrigens nach gar nicht so langem Suchen gefunden. Sie sollten aber auch bedenken, dass Herr Richter etwas zugespitzt hat. Einen blöder gelegenen Bahnhof kenne ich zumindest in Deutschland nicht. Vergessen hat er leider, dass man in Zoo durchfährt, um dem schrecklichen Hauptbahnhof zwangsweise ein paar Fahrgäste mehr zuzuführen. Eine Frechheit. Aber die DB denkt ja schon lange nur noch an sich und nicht an ihre Fahrgäste.

  • 5
    berlin hauptbahnhof:

    Die Kritik ist aus unserer Sicht sehr unsachlich (Sie bezeichnen das eben als zugespitzt), undifferenziert und einfach nur vernichtend, dabei in großen Teilen unzutreffend und nicht um Hintergrundinformationen bemüht. Die zementierte Meinung steht im Vorhinein fest und so soll möglichst einseitig, mit beißendem Spott und Zynismus (das kommt an), das Bild gezeichnet werden welches die Masse sich wünscht.

    Ohne Kalkül wurde der Artikel jedenfalls nicht verfasst, der wie zugeschnitten ist auf das heutzutage bei der Mehrheit der Bürger anzutreffende Stimmungsbild (Politikschelte, Bahn-Hass, Ablehnung moderner Architektur und Technik), außerdem kommt der Berliner HBF ja immer günstig als Argument gegen S21, obgleich dies zwei völlig verschiedene Projekte sind.

    Die FAZ habe ich nirgends eingeordnet. Gemeint waren eher Foren und Blogs, die Stammtische des 21. Jahrhunderts, wo sich allerlei verkannte Politik-, Stadtentwicklungs-, Eisenbahn- oder Architekturexperten tummeln, die es grundsätzlich besser wissen, besser können und sich gegenseitig in ihren Vorurteilen bestärken. Auffällig ist, dass viele Journalisten im Kampf um Anerkennung und Gunst der Leser mit schlecht recherchierten, mehr Meinung als Fakten enthaltenden Artikeln diesem Stammtisch-Mainstream nach dem Munde reden, bzw bestimmte Meinungen zu forcieren versuchen. Das ist auch nicht besser als das, was die Agenturen fabrizieren. Die meisten Medien setzen gezielt auf Beeinflussung statt Information.
    Aber gut, ich wollte hier nun keine Meta-Diskussion eröffnen.

    Einen blöder gelegenen Bahnhof kenne ich zumindest in Deutschland nicht.

    Der Bahnhof ist ja auch ganz neu, und als Bauprojekt einzigartig, da ist kein direkter Vergleich mit Bestehendem möglich. Machen Sie sich einmal mit der Geschichte Berlins vertraut und mit dem Hintergrund des neuen Bahnkonzepts. Das hat nämlich durchaus alles seinen Sinn. Der Bahnhof wird auch nicht ewig in der Pampa stehen, weil sich die Stadt verändert und weiterentwickelt. Allerdings bin ich auch der Ansicht, solange die Nahverkehrsanbindungen unzureichend sind, hätte man den ICE-Halt am Zoo ruhig beibehalten können.
    Das Schöne an Berlin ist, dass wir mehrere Fernbahnhöfe haben und bei einem Großteil der Verbindungen außer dem „schrecklichen“ HBF mindestens noch ein weiterer Bahnhof bedient wird. 🙂

    Viele Grüße

 
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