Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Gucken müsste man können, liebe FTD

10.05.11 (Bahnindustrie, Deutschland, Fernverkehr, Marginalien, Triebwagen)

Deutschlands Journalisten wissen alles, wenn es um Autos und Flugzeuge geht. Sie können sogar einen Airbus A380 von einer Boeing B 787 unterscheiden. Bei Personenwagen – SUV sind bei Redakteuren besonders gefragt, auch wenn sie beim lesenden Publikum schon länger aus der Mode sind – kennen sie sich vorzüglich aus, wenn die Motorisierung nicht unter 170 PS liegt und die Präsentation weit genug entfernt stattgefunden hat. Die Autoindustrie hält sich die Autoredakteure schließlich gewogen und die Tankfüllung dieser antiquierten Straßenmonster bezahlt die Autoindustrie oder der Verlag.

Wenn es um Eisenbahnen geht, sind Deutschlands Journalisten im Allgemeinen Versager. Da werden S-Bahnen mit Neigezügen verwechselt, da hebt die Bildredaktion, die nur rote und weiße Züge unterscheiden kann, schon mal einen Versuchs-ICE in das Blatt oder nimmt eine uralte Diesellok zur Illustration einer elektrisch betriebenen Bahn. Oder die S-Bahn-Berlin, bekanntlich mit Stromschiene, wird symbolisch als doppelstöckiger Regionalexpress abgebildet. Kommt ja nicht so darauf an. Weil (Bild-)Redakteure weder hinschauen noch sich informieren.

Und weil die Bahnindustrie, von Siemens einmal abgesehen, sich wenig Mühe gibt, Wirtschaftsjournalisten für ihre Produkte zu begeistern. Die Deutsche Bahn sowieso nicht. Obwohl da eine Menge Hightech zu zeigen wäre.

Und so kommt es, dass die Financial Times Deutschland, die ich durchaus schätze, sich heute die Fotos des ICx von der DB-Presseseite lädt und sich auch bei Wikipedia für eine der unbeliebten, aber Klicks produzierenden Bilderserien bedient. Dafür haben sich die Bildredakteure, die wohl an 8-Zoll-Bildschirmen arbeiten, das Foto eines uralten, vergammelten IC-Steuerwagens geholt und machten es zum Endwagen des neuen ICx.

Ja, der Steuerwagen hat eine entfernte Ähnlichkeit: weiß, rotes Logo. Aber wenn man den ICx und den IC-Wagen auch nur 3 cm breit nebeneinander stellt, kann auch ein blutiger Laie erkennen, dass das sehr verschiedene Fahrzeuge sind. Das eine hat Puffer, das andere nicht. Und so weiter, wenn man gucken kann.

Vor drei Stunden habe ich die Kollegen auf den Fehler aufmerksam gemacht. Gegen 20 Uhr war das IC-Steuerwagen-Foto immer noch auf der FTD-Seite online, später wurde schamhaft ein Satz eingefügt, um das Bild zu retten. So fährt Deutschland „künftig“ (2016!) also Zug:

So stellt sich die FTD den neuen ICx vor. Es ist ein alter, in Ehren ergrauter IC-Steuerwagen mit Puffern und einer grauen Kontrastfläche...

Nein, Kollegen! So fährt Deutschland heute Zug!

Ein Kommentar

  • 1
    HJ:

    Ja Friedhelm,

    So ist das heute in den meisten Sparten, Recherche findet beim Bier statt, man informiert sich „überall“ nur nicht beim jeweiligen Resort oder Hersteller, aber schreiben darf man trotzdem, denn die meisten Leser kennen weder die Materie noch die Unterschiede.

    Allgemein läuft das heute unter „Moderne Gesellschaft“, es ist leider echt zum Heulen.

    HJ

 
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