Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Die Stuttgarter Zeitung nennt es Ausschreitungen

21.06.11 (Bahnhöfe)

Wer geglaubt hat, dass die Stuttgarter Zeitung als das liberalere Blatt (neben den stramm CDU-Wähler befriedigenden Stuttgarter Nachrichten) seit dem Ende der CDU/FDP-Regierung etwas näher an die Realität der Diskussionen und Demonstrationen gegen Stuttgart 21 herangerückt sind, muss sich seit gestern eines Besseren belehren lassen. Entweder stehen die Redakteure unter starkem Druck ihres Verlegers oder sie sind schlicht zu faul zur Recherche, abgesehen von der grenzenlosen Naivität gegenüber eines PR-Beauftragten der Bahn, dessen Aussagen nur einen Zweck haben: S21 und den Bauherrn Bahn gut dastehen zu lassen und den Bau mit allen Mitteln der Propaganda durchzusetzen. Das ist das legitime Ziel und die Aufgabe Herrn Dietrichs. Aber auch Redakteure sollten wissen, wer da spricht und nicht kritiklos jeden Unsinn nachplappern. Das gehört nicht zur Aufgabe eines Journalisten.

Zur Aufgabe eines Journalisten gehört es längst, neben der copy&paste-Wiedergabe der Beiträge der (in Stuttgart!) offensichtlich notorisch einseitig berichtenden dpa einen Blick in die social media zu werfen. Dort hätte er, etwa bei Cams21 und Twitter oder hier und hier, lesen und sehen können, was gestern wirklich passiert sein muss.

StZ: „Er sagte, es seien bei der Stürmung der Baustelle neun Polizisten verletzt worden, allein acht seien mit Verdacht auf ein Knalltrauma ins Krankenhaus gebracht worden.“

Wie kommt es, dass sich ein BFE-Polizist in Kampfuniform (anders kann man es nicht nennen) in der zweiten Reihe etliche Sekunden vor dem Explodieren des angeblich Knalltraumen erzeugenden „Böllers“ auf die Uhr schaut und bereits vorher die Ohren zuhält, wie das erste Video hier ab ca. Sekunde 33 zeigt? Wusste er, dass zu einer bestimmten Zeit ein Knallkörper gezündet werden würde? Von wem? Warum recherchiert die StZ nicht die Aussagen der am Zaun Stehenden, die den Knall ohne Klingeln in den Ohren überstanden haben? Warum fällt Herrn Nauke nicht auf, dass an dieser Stelle gar keine Polizisten standen?

StZ: „Ein Polizist in Zivil sei von der Menge identifiziert und danach mit Tritten ins Gesicht und gegen den Hals schwer verletzt worden. Der Beamte habe versucht, Demonstranten von Sachbeschädigungen abzuhalten.“

Schaut man sich dieses Video an, wie ein bewaffneter Zivilpolizist einen Demonstranten niederringt, sollten auch einem Journalisten Zweifel kommen. Ernste Zweifel!

Hier wird derselbe Polizist offensichtlich unverletzt von den Demonstranten aus der Menge hinausgedrängt. Hier sitzt er in einem Krankenwagen und telefoniert.

Die StZ heute: „Im Zusammenhang mit einem schwer verletzten 42 Jahre alten Zivilpolizisten habe die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf versuchten Totschlag gegen unbekannt eingeleitet, sagte Staatsanwältin Claudia Krauth am Dienstag in Stuttgart. Der Beamte wurde am Montagabend von Demonstranten an Kopf und Hals verletzt. Zudem wurde versucht, ihm seine Dienstwaffe wegzunehmen.“

Immerhin zitiert die StZ: „Laut Polizei war eine Streife in Zivil nach ihrer Enttarnung schwer verletzt worden. Dies wies von Herrmann zurück. Der Beamte sei von Demonstranten aus der Menge geführt worden – unverletzt. Von einer feindseligen Stimmung gegen die Beamten könne keine Rede sein.“ Richtig. Und ich würde mich nicht wundern, wenn der freundliche Mann in Motorradpolizei-grüner Jacke, der den bewaffneten Glatzenträger so fürsorglich aus der Menge hinausbegleitet, ein weiterer Zivilpolizist gewesen ist.

Ich bin froh, liebe RAILoMOTIVE-Leser, dass Sie selber sehen und denken können.

Ich habe am Samstag zufällig auf Cams21 beobachtet, wie ein Lkw-Fahrer, der einen Hubsteiger für das Grundwassermanagement abladen wollte, die Auffahrrampen zu seinem Tieflader vom Führerhaus auf paar junge Leute herunterfahren ließ. Sie retteten sich durch einen Sprung zur Seite, denn sie wären sonst erschlagen worden. Als die Leute auf den Wagen sprangen, kam er ihnen mit einem Knüppel entgegen. Die Leute forderten ihn auf, ihn abzugeben, dann verzog er sich ins Führerhaus. Die Leute stellten sich davor und forderten die Herausgabe des Knüppels. Kurz danach fuhr er die Rampen, zwischen denen Menschen standen, hoch und wollte losfahren, obwohl die Ladung bereits einseitig nicht mehr gesichert war. Die jungen Leute, die nach der Polizei gerufen hatten und eine Anzeige wegen versuchten Totschlags aufgeben wollten, erreichten nichts bei der Polizei. Später sprach die Polizei nur kurz mit dem Fahrer und wies ihn wohl an, die losen Ketten wieder anzuziehen und das Ladegut zu sichern. Dann fuhr er unbehelligt davon.

Wer das sieht, muss den Glauben an die Stuttgarter Polizei und ihre Einsatzhelfer verlieren. Als ob die Zweifel am baden-württembergischen Rechtsstaat seit dem 30.9.2010 nicht schon gewachsen seien.

Den Journalisten der Stuttgarter Zeitungen in Sachen Stuttgart 21 zu glauben, wäre jedenfalls naiv. Denn ihr Metier beherrschen sie nicht. Sie werden beherrscht – von wem auch immer.

Die Ausschreitungen, die nach all den Bildern und Videos offensichtlich keine waren, lassen sich auch herbeireden. (Dass an einem Lkw die Luft aus den Reifen gelassen wurden, hätte jedoch nicht sein müssen.)

Es geht den Medien weniger um den Bahnhof. Es geht darum, den scheinbar zu mächtig gewordenen Grünen zu schaden. Die konservativen Zeitungen, auch andernorts, haben sich das offensichtlich zur Aufgabe gemacht. Mit Journalismus hat das nichts mehr zu tun.

Kampagnen-Journalismus trägt aktiv zum Niedergang der Demokratie bei. Doch die schlauen Schwaben werden sich weiter wehren. Denn es geht tatsächlich um die unnütze Verschwendung von Steuergeldern.

Nachtrag 15.30 Uhr: Josh von Staudach beschreibt als Augenzeuge die weitgehend friedliche Demonstration und vermutet wahrscheinlich zu Recht eine Eskalationsstrategie der Polizei und bewusste Falschmeldungen. Auch dieser Augenzeugenbericht bestätigt die Zweifel an den Polizei-Behauptungen. Ich habe sie extra für die Stuttgarter Zeitung verlinkt. Weil die ja nicht weiß, wo sie suchen muss und wie „soziale“ Medien funktionieren. Und dass gewöhnliche, friedfertige Menschen, die das Bürgerrecht auf zivilen Ungehorsam ausüben, oft die glaubwürdigeren, weil ehrliche Quellen sind. Das geht sogar vom PC aus, an den StZ-Redakteure wohl gefesselt sind.

Nachtrag 18.55 Uhr: Das Erschreckende nach der Durchsicht unserer „Leitmedien“ ist: Keine Redaktion hat auch nur ein bisschen vor Ort recherchiert. Alle verbreiten mit geringen Abweichungen von den dpa- und dapd-Texten dieselben Falschmeldungen und nicht belegten Beschuldigungen. Für mich ist das beschämend und leider ein Zeichen für den weiteren Qualitätsverfall und die Gleichgültigkeit in den Redaktionen.

Nicht viel besser sieht es in der ZEIT aus, die mal schnell einen Beitrag dahingerotzt hat, der auf den ersten Blick differenzierter klingt und dann auf die Textpassagen der dpa zurück kommt.

 

5 Kommentare

  • 1
    S21 : Polizei streut scheinbar Falschmeldung, Polizist wurde offensichtlich nicht verprügelt | 7h3linguist's journey:

    […] Update 6: Rail-o-Motive – das Eisenbahn-Blog zu den Geschehnissen und eine Einschätzung zu der “Berichterstattung” der Stuttgarter Zeitung : Link zum Blog […]

  • 2
    Eizi:

    Danke.

  • 3
    reimund göritz:

    ich war direkt dabei, so wie die stgt.-Zeitung sich äußert ist das nur die halbe Wahrheit. Wie können die Reporter nur so einen Blödsinn schreiben, sie waren ja nur auf ihre Vorgesetzten (die wohl in der CDU sind) oder auf die Aussagen der Pol. angewiesen, es ist nicht zu glauben was sie da schreiben! Ich würde auch heute noch auf den Pol. schlagen wenn ich es nur könnte

  • 4
    Friedhelm Weidelich:

    Ganz einfach: Es war wahrscheinlich niemand von den Zeitungen da. Die Texte stammen von den Presse-Agenturen, bei denen ich mir nicht so sicher bin, ob die nur am Schreibtisch Pressemitteilungen verarbeiten oder wirklich vor Ort waren. Sicher vor Ort waren nur Fotografen. Aber die suchen nur spektakuläre Fotos und sind keine Reporter im engeren Sinn.
    Polizisten zu schlagen kann, bei allem Verständnis für die Wut und Hilflosigkeit, kein Mittel sein. Wichtig wäre, die kriminellen Handlungen von Polizeiagenten so zweifelsfrei zu dokumentieren, dass man scharfe Fotos und wackelfreie Videos hat. Dieses Herumgefuchtle mit Fotohandys bringt viel zu undeutliche Ergebnisse.

  • 5
    Randale am Bauzaun | Mega-Stoffel:

    […] – bei Bei Abriss Aufstand – auf dem Stuttgart-Blog – bei Heise/Telepolis – auf Rail-o-motive (nochmal) und noch ein paar weitere Links. Wer weiter sucht, wird weiter finden…. Ich bleibe dabei: […]

 
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