Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Die Unterhaltungsbranche gibt sich die Ehre

26.06.11 (Bahnhöfe, Eisenbahn)

Die Berichterstattung über die Pressekonferenz der Parkschützer (ich schreibe sie ohne Gänsefüßchen, es heißt ja auch nicht DB Fern“verkehr“ oder „Fahrplan“) hat in trauriger Weise deutlich gemacht, dass die Vierte Gewalt – also die Medien – in der Bundesrepublik Deutschland keine Rolle mehr spielt. Die Medien beißen nicht, sie wollen nur noch spielen.

Ob Sie online den Spiegel, die Süddeutsche, die Rheinische Post, die ZEIT oder die Stuttgarter Zeitung lesen: Es ist dieselbe Soße, eine knackige Schlagzeile, ein Vorspann, der neugierig machen soll und die angeblich wichtigste Information vorenthält. Dazu ein wenig Tratsch und Klatsch aus Hollywood – ach, Sie wissen ja, womit copy&paste-Journalisten die Seiten füllen. Originelles findet man selten, aber immer mehr von demselben. Denn die Verlage haben sich längst von einem journalistischen Anspruch befreit. Sie wollen nur noch unterhalten. Und das zu möglichst geringen Kosten, denn das steigert den Gewinn. Um den geht es ausschließlich bei den Großverlagen. Berufsethos will man sich nicht mehr leisten und auch nicht mehr die vielen Redakteure. Auch wenn jetzt Chefredakteure von ihrer ausgedünnten und in Großraumbüros zusammengequetschten kleinen Redakteursschar „mehr Exzellenz“ fordern wie jüngst Gabor Steingart beim Handelsblatt. Der kam vom Spiegel, der ja permanent durch Exzellenz auffällt und überall denken lässt, nur nicht mehr in Hamburg. Die unterhaltsame „Landlust“ hat den Spiegel nicht nur auflagenmäßig überrundet, sie ist auch unterhaltsamer und recherchefreudiger als das Leidmagazin von der Waterkant, bei dem junge Karrieristen mit Gelfrisur, hohem Freizeitbedarf und klaren Vorurteilen aus Agenturtexten Exklusivstorys copyen und pasten. Oder über Seehofers Modellbahn berichten, von der sie sicher wissen, dass es sie gibt, weil einmal ein Kollege davon erzählt hat, der jemand kennt, der sie schon mal selbst gesehen hat. Dafür kann man heute – vorübergehend – einen Grimme-Preis bekommen. Es reicht aus, bei einem der Verlage zu arbeiten, die auch in der Jury sitzen. Aber das nur am Rande.

In allen großen Häusern gab es in den letzten zehn Jahren mehrere Entlassungswellen. Manchmal wurden zur Umgehung der Tariflöhne ganze Redaktionen ausgelagert, die als Selbstständige auf eigenes Risiko und zu relativen Hungerlöhnen dieselbe Arbeit machten wie vorher, nur ohne Urlaubsanspruch und ohne den mit den Berufsjahren gelegentlich steigenden Lohn.

Die Folge ist, dass Nachrichtenagenturen und freie Mitarbeiter mehr und mehr die Seiten füllen. Weil Zeit Geld ist und das Personal in vielen Redaktionen zu knapp ist, um gleichzeitig Print, Online und auch noch Blogs zu füllen, hat sich der copy&paste-Journalismus, der nur noch Entertainment sein kann, so rasch verbreitet. Die Gleichschaltung ist freiwillig und Ergebnis des wirtschaftlichen Drucks. Und weil das die Leser merken, verlieren vor allem Tageszeitungen dramatisch an verkaufter Auflage.

Dazu kommt, dass es inzwischen mehr PR-Spezialisten als Redakteure gibt. Gut gemachte PR-Beiträge, in denen zur Vortäuschung von Neutralität vielleicht auch noch ein Mitbewerber erwähnt wird, sind bei Reisen, Autos, Bank- und Medizinprodukten völlig normal, auch wenn es noch subtilere Macharten gibt, wie sie etwa die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft und die Bertelsmann-Stiftung durch „Studien“ betreiben, die dem freien Fuchs im freien Hühnerstall und Sozialabbau huldigen. Kein Redakteur scheint darüber auch nur 10 Sekunden nachzudenken, wenn er die selbstverständlich auch von den einst ehrwürdigen Nachrichtenagenturen verbreiteten Unsinnsstudien ungelesen auf die Seite schiebt.

Wenn Sie die Berichte von dpa und dapd über die angebliche Gewalt in Stuttgart, die angeblich acht von einem Knalltrauma heimgesuchten Polizisten in StZ, StN, Spiegel, FR und Süddeutsche gelesen und zufällig die Pressekonferenz gesehen haben, wird Ihnen aufgefallen sein, dass die Berichte nicht nur gleich lauten, sondern wichtige, von den Parkschützern präsentierte Tatsachen unterschlagen. Stattdessen wurde mit dem Stichwort Gewalt oder Entschuldigung für die Gewalt aufgemacht. Das war aber nicht das Thema der Pressekonferenz, sondern der Versuch, durch Videos und zum Teil eidesstattliche Zeugenaussagen zu belegen, dass Verdeckte Ermittler zu Straftaten aufgefordert hätten, der angeblich Schwerverletzte tatsächlich drei Faustschläge ins Gesicht bekommen hat und der Zeuge das auch bei der Polizei bekunden kann.

Zweifel an den Polizeidarstellungen von massenhaft verletzten Polizisten, die offensichtlich frei erfunden sind, kamen gar nicht erst auf. Und als Tiefpunkt des Journalismus schreibt Frederike Pogel, die ihrer schlichten Diktion nach gerade 18 Jahre alt geworden sein muss, in der Stuttgarter Zeitung, Sätze wie diese: „Die Stürmung der Baustelle durch Gegner des Bahnprojekts Stuttgart 21 dürfte für manche Beteiligte ein bitteres Nachspiel haben.“ Eine Plattitüde. Da könnte man auch schreiben: „Die starken Regenfälle der letzten Tage könnten bei manchen Bächen zu einer Überflutung geführt haben.“ Was ist der Nachrichtenwert? „Auf den ein oder anderen Beteiligten kommen also womöglich so hohe Geldforderungen zu, dass er sich damit bis an sein Lebensende verschuldet.“ Von dem schlechten Deutsch („Auf den einen oder anderen!“) abgesehen, möchte die Dame nur Angst und Panik schüren. In einer Schülerzeitung für die Grundschule könnte sie mit ihrem verbal erhobenem Zeigefinger durchaus Wirkung erzielen… Uns Kindern hat man in den 50er Jahren auch Angst vor der Polizei gemacht. Inzwischen habe ich sie.

Dass sie sich auch sonst nicht auskennt, dokumentiert Frau Pogel so (mit Tippfehlern): „Laut Deutscher Bahn wird der Sachschaden auf 1,5 Millionen Euro beziffert, vielleicht auch mehr-Geld, das die Eigentümer der beschädigten Fahrzeuge und Materialien auf zivilrechtlichem Weg von den Randalierern zurückfordern können.“ Klar, dass drei umgeworfene Zaunelemente, davon ein oder zwei verbogen und unbrauchbar, sowie schätzungsweise fünf verunreinigte Rohre locker mehrere Millionen kosten und die Baubetriebe keine Versicherung haben. Die „Randalierer“ (wahlweise auch: Terroristen, Rentner, Sprengstoff-Omis, Reifenzerstecher, Zaunschubser, Aufkleber-Sachbeschädiger, Wutbürger, Linksradikale, Linke, Haschbrüder, Kommunisten und Dauerstudenten), die erst einmal gefunden werden müssten, zittern bestimmt schon in ihren versifften Hinterhofzimmern und basteln an gewaltigen Böllern, um nächstes Mal mindestens 100 BFE-Beamten einen langlebigen Tinnitus durch Helme und in-ear-plugs hindurch zu bomben. Denn nach dem unbeschreiblichen Ausbruch der Gewalt am Montag muss man mit allem rechnen, auch mit vielen Toten (nur bei der Polizei) nach der nächsten Montagsdemo. (<– Das ist Sarkasmus, den zu verstehen ich Frau Pogel nicht zutraue.)

Auch in der folgenden Berichterstattung wurden die nahezu 100-prozentig nachweisbaren Lügen weiter verbreitet, in aller Regel ohne den Konjunktiv oder die distanzierende Formulierung, dass „nach Angaben der Polizei“ XY Polizisten verletzt gewesen sein sollen. Natürlich wissen wir nicht, ob die ganz offensichtlich nicht knalltraumatisierten BFE-Beamten erst ihren Dienst absolviert haben und dann ihrem Vorgesetzten gefolgt sind, der ihnen vielleicht befohlen hat, sich mit einem Knalltrauma im nächsten Krankenhaus, das vermutlich virtuell ist, ins Bett zu legen. 24 Stunden lang, um als „schwerverletzt“ zu gelten.

Auch hier war Frau Pogel nicht konsequent. Die verwöhnten, mutmaßlich nicht selber denkenden StZ-Leser hätten hier sicherlich eine aufklärerische Formulierung erwartet wie diese: „Auf den ein oder anderen Polizisten kommen also womöglich langwierige Tinnitus-Therapien zu, die die Einsatzstärke der Stuttgarter Polizei auf Jahre reduzieren würden. Mehr Einbrüche, Morde, Diebstähle und noch weniger Geschwindigkeitskontrollen wär die Folge.“ Auf das Niveau der mit Recht wenig bekannten Schwäbischen Post möchte ich mich nicht begeben, so tief komme ich nicht, um das Stichwort Vergewaltigung irgendwie lustig zu finden und hier einzufügen.

Den Kollegen von dpa, so scheint mir, fehlt inzwischen das simpelste Handwerkszeug, das man für die Agentur-Arbeit braucht: einen gesunden Menschenverstand, kritische Nachfrage bei nicht belegten Behauptungen und distanzierte Formulierungen, wenn man die Fakten nicht selbst ermitteln und sehen konnte. Aber so kommt es, wenn man noch in der Pressekonferenz keine Zeit zum Zuhören hat, weil man gleich schreiben muss, um schneller als die Kollegen zu sein. Merke: Aktualität geht bei Onlinemedien immer vor Richtigkeit, Nachrecherche und Wahrhaftigkeit. Man kann es ja hinterher schnell ändern. Hauptsache ist, dass die (Eil-)Meldung eine Minute vor der Konkurrenz online ist. Dann ärgert sich der Kollege. Ein Ehrgeiz, der zweifellos sehr zur fragwürdigen Qualität der Onlinemedien beiträgt.

Schneller wären die Medien und Agenturen allerdings, wenn sie vor einem Ereignis das erwartete Ereignis beschreiben würden. Wobei ich mir nicht so sicher bin, ob das in Stuttgart nicht ab und zu gemacht wird. Man weiß ja, was die Leser wünschen. Der Polizeibericht für morgen, ich tippe mal auf sechs schwer- und zwei leichtverletzte Polizisten und einen frei erfundenen Sachschaden von diesmal nur 800.000 Euro, ist bestimmt schon fertig. Ein neuer Verdeckter Ermittler, diesmal ohne sichtbare Waffe, wird schon ein paar Dumme finden, die die Drecksarbeit übernehmen. Notfalls aus den eigenen Reihen. Nur den Glatzkopf werden wir nicht mehr sehen, der ist sozusagen verbrannt.

Ich glaube nicht einmal, dass die Stuttgarter Agenturkollegen dumm sind. Dumm – und gefährlich für die Demokratie und die Glaubwürdigkeit der Massenmedien insgesamt – ist nur ihre Berichterstattung. Und weil die mäßig realitätsnahen Agenturdarstellungen, die wiederum auf forsch getexteten Pressemitteilungen von Polizei und Bahn basieren, ungeprüft in so viele Medien einfließen, führt sich die Vierte Gewalt ad absurdum. Sie kontrolliert nicht mehr und stellt infrage, sie ist Handlanger von Wirtschaft und Politik. Oder schafft schlichtweg nur noch Unterhaltsames, weil für mehr die Zeit nicht reicht oder man an die eigene Arbeit nur noch geringe Ansprüche stellt. Deshalb finden wir auch überall die seit 15 Jahren überholten lichten Entwurfszeichnungen des Grubenbahnhofs, der in Wirklichkeit neben dem Bonatz-Quergebäude einen sieben Meter hohen Sargdeckel trägt. Zeichnungen und Simulationen, die gelogen sind. Betrug am Leser, gesponsert vom Architekturbüro Ingenhoven und Ihrer Deutschen Bahn. Die Bilder sehen wir in der Tagesschau, bei Phoenix, im SWR, in allen Print- und Onlinemedien. Kein Medium macht sich die Mühe, den Bahnhof korrekt zu simulieren, nach dem heutigen Stand, mit hässlichen Oberlichtern, dunklen Räumen, Tunnelröhren, engen Treppen und Bahnsteigen, Oberleitungen und Menschen, die größer als 150 cm sind.

Heute schrieb die Stuttgarter Zeitung: „Stuttgart 21 hat die Überprüfung durch den sogenannten Stresstest dem Vernehmen nach bestanden. Das erfuhr die Deutsche Presse-Agentur dpa aus dem Umfeld der Bahn.“ Husch, und per dpa&paste steht es flugs in allen Zeitungen, online erst einmal.

Gehen Sie davon aus: Das hat dpa nicht erfahren, das hat ihr ein DB-PR-Mitarbeiter oder der S21-Propagandist Dietrich mit Absicht erzählt. Das ist Bestandteil der PR-Strategie der Deutschen Bahn, die man in dieser Hinsicht nicht unterschätzen darf. Und da die Stuttgarter dpa-Mitarbeiter nach meinem Empfinden glühende, erschreckend unkritische Verfechter von S21 sein müssen und ich bei ihnen die professionelle Distanz zu ihren Gesprächspartnern stark vermisse, bringen sie die frohe Botschaft gleich unter die Leute. Herr Dietrich und die DB-Oberen reiben sich die Hände: Wieder ein Pluspunkt mehr für den Weiterbau bundesweit in die Medien gebracht. Die Zermürbungstaktik wirkt. Und die Deutsche Bahn zeigt damit, dass ihr die Schlichtung, Verkehrsminister Hermann und die Landesregierung überhaupt scheißegal sind. Respekt vor Geschäfts- oder Vertragspartnern kennen die DB-Vorstände nicht. Seriosität oder gar die Verlässlichkeit eines „hanseatischen Kaufmanns“ ist von diesen Herren nicht zu erwarten. Die Bahn gehört ihnen, und mit der machen sie Kasse. Wir alle bezahlen das ja.

Dabei weiß niemand außer der Bahn, auf welcher Basis der Stresstest gerechnet wurde. Der angeblich missverstandene Verkehrsminister Hermann, mit dem die Berliner Zeitung nach Ministeriumsaussagen gar nicht gesprochen hat und deren zusammengebastelten Zitate dank der Agenturen die Runde machte, hat vielleicht irgendwann mal gesagt, dass die Bahn das gewünschte positive Ergebnis sicherlich erzielen wird. Wen wundert das, was ist denn das für eine Meldung? Okay, wenn Merkel von einem „Durchbruch“ (Nabel, Blinddarm?) schwafelt, bringt das sogar der Deutschlandfunk als erste Meldung, obwohl die vielen guten Redakteure dort solche Propaganda lieber gleich in den digitalen Papierkorb schieben sollten. Aber vielleicht hat es ja dpa gemeldet…

Es besteht kein Zweifel: Selbstverständlich wird die DB den Test positiv abschließen (lassen). Da die Basiszahl dank Geißlers untauglichen Schlichtungssprüchen, die schlicht „Sprüche“ waren, unbekannt ist, kann die DB sich die Zahlen nach Belieben zurechtrechnen. Wahrscheinlich wird uns Geißler bei seiner Präsentation dann mit Fragen nerven, was denn eine Fahrstraße sei, aber die Basiszahl der Deutschen Bahn auf sich beruhen lassen.

Der 14. Juli wird jedenfalls keine Überraschung beim Stresstest bringen. Um das zu wissen, brauche ich keine dpa. Dazu genügen gesunder Menschenverstand und ein bisschen Lebenserfahrung.

 

 

16 Kommentare

  • 1
    Eizi:

    Danke. Ich hätte mir vor Monaten nicht vorstellen können, daß ich mich in einem Eisenbahner-Blog besser informiert fühle, als bei Spiegel.de und ähnlichen auf Bildzeitungsniveau gesunkenen Online-Zeitungen.

  • 2
    Stephantastisch:

    Danke für diesen erfrischenden Artikel. Spiegel, StZ, Stern und Co. müssen ab letzter Woche leider im Laden bleiben. Dümmliche, gleichgeschaltete und mieß recherchiere Berichte kann ich mir schenken.

  • 3
    Jürgen Drews:

    Danke.Das trifft genau den Punkt. 30000 Stuttgarter Parkschützer sehen das genau so. Und die mit Knieschuss sollten im Tunnel bleiben, aber nicht in unserer Stadt.
    StZ weg, StN weg usw.

  • 4
    Stefan:

    Vielen Dank, der Artikel beschreibt treffend die verrottete Medienlandschaft. Nein tatsächlich, vor Stuttgart 21 war mir nicht so klar, wie weit dieser Prozeß schon fortgeschritten ist. Aber wenn man ständig vor Ort etwas anderes sieht als nachher berichtet wird und sich die Medien fortwährend darum herum drücken genau so naheliegende wie entscheidende Fragen zu stellen oder gar zu recherchieren da wacht man dann auf und weiss, dass die Oligarchie die Demokratie hintenrum abgeschafft hat. Bloß haben es erschreckend wenige bisher gemerkt.

  • 5
    hansi:

    Sehr geehrter Herr Weidelich,
    genau so ist es. Als 30jähriger Abonennt der StZ wünschte ich mir diesen kritischen und distanzierten Journalismus, unabhängig wie man zu S21 steht.Bis zur Berichterstattung zu diesem Immobilienprojekt bin ich immer der Meinung gewesen, eine ehrliche und sachlich StZ in den Händen zu haben. Seit 1 1/2 Jahren gehen mir jeden Tag mehr die Augen auf, wie Propaganda-Journalismus gemacht wird und wie man dadurch Meinungen und Halbwahrheiten im Volk verbreitet. Eines habe ich dadurch gelernt, die Artikel deutlich kritischer zu bewerten.

  • 6
    Medienberichte 26.06. | Bei Abriss Aufstand:

    […] O Motive: Die Unterhaltungsbranche gibt sich die Ehre Süddeutsche Zeitung: "Die Bahn macht sich unglaubwürdig" SWR: Hermann will Vorgespräch für […]

  • 7
    Bürgerin S.:

    Danke! Besser kann mans nicht sagen. Ich les den Dreck nicht mehr – wenn ichs schaffe – und verteile dafür die Alternativen aus Kontext, Einundzwanzig und dem Eisenbahnblog :-). Der Stresstest interessiert mich nicht – und sollte keinen K21-Befürworter interessieren.

  • 8
    Friedhelm Weidelich:

    Vielen Dank für die Komplimente. Ich hoffe, dass ich ein wenig die Hintergründe des massiven Qualitätsverfalls aufdecken konnte. Journalisten sind per se nicht blöd, aber sie sind oft überfordert und irgendwann auch gleichgültig. Die Arbeitsbedingungen sind durch Personalkürzungen teilweise Horror, die Honorare für freie Mitarbeiter weit unter denen einer Putzfrau. Seitdem die Verlage ihre Leistungen im Internet verschenken und nicht mehr zurück können, ist der ökonomische Druck noch gewachsen. Ich will nicht zum Boykott schlechter Medien aufrufen, um die Kollegen nicht noch weiter unter Druck zu bringen. Jeder muss selbst wissen, wofür er bezahlt. Das Schlimme ist aber, dass Politik und Wirtschaft eng vernetzt sind und ein Gegengewicht (ehemals die Gewerkschaften und die SPD) fehlt. Die Grünen sind eine konservative Partei, manchmal im besten Sinne, manchmal etwas über’s Ziel hinausschießend und strategisch unterlegen. Wie der Machterhalt um der Macht willen funktioniert, zeigt Frau Merkel. Und hier sehen sich die Massenmedien grundsätzlich in der Pflicht, jeden ihrer verbalen Luftballons zu zitieren, egal, wie heiß oder lauwarm die Luft darin auch ist. Es sind Berichte über politische Spielchen und Strategien. Um Inhalte geht es selten.

    Stuttgart ist der Beginn einer Bürgerbewegung, was den meisten Politik-Journalisten entgangen ist. Es geht nicht allein um „einen doofen Bahnhof“. Die Bürger fühlen quer durch alle Bevölkerungsschichten, dass sie von Politikern, Parteien und Lobbyisten verarscht werden und seit vielen Jahren das Nachsehen haben, aber allein die Lasten der Verschwendung tragen müssen. Viele Medien machen einfach mit. Manche haben jetzt die Grünen als Erzfeind entdeckt. Auf sie einzuprügeln ist Mainstream, und Mainstreams bestimmen generell die Medienlandschaft, obwohl jeder einzigartig sein will, wo Einzigartigkeit nur durch Fleiß, Recherche, Intelligenz und viel Zeit erreichbar ist.

    In Baden-Württemberg sind die über Jahrzehnte entstandenen Netze zwischen CDU, FDP und Medien noch intakt. Man kennt sich, man schätzt sich und konnte sich aufeinander verlassen. Notfalls konnte man mit Details aus dem Privatleben ein wenig nachhelfen. Die Grünen werden noch lange zu spüren bekommen, dass sie hier stören. Kretschmanns Ehrlichkeit – er hat nie versprochen, einen Baustopp durchzusetzen – wird lächerlich gemacht, weil Politiker niemals ehrlich sind und die Medien sich daran gewöhnt haben. Die Vetterleswirtschaft, die jetzt plötzlich schwieriger wird, muss von den Nutznießern verteidigt werden. Die allgemeine Hetze der Medien gegen die Grünen grenzt an Hysterie. Ich habe noch nie so viele Journalisten so kollektiv unprofessionell, voller Vorurteile und so schlecht informiert erlebt wie bei Stuttgart 21. Auch Kollegen, die ich gut kenne, als Journalisten schätze und die etwas können. Details interessieren sie einfach nicht. Stuttgart 21 ist für sie Fortschritt oder die unvermeidbare Geldverschwendung. Ist halt so. Kann man nichts machen. Lohnt die Aufregung nicht.

    Wer sich nur ein paar Stunden mit Stuttgart 21 beschäftigt, MUSS erkennen, dass dieses Projekt ein Immobilienprojekt und verkehrstechnisch völliger Unsinn ist. Aber was soll ich von Kollegen erwarten, die einen Zugführer selten von einem Lokführer unterscheiden können?

  • 9
    Tobias P.:

    Ein Artikel, der alles auf den Punkt trifft, der richtige und wichtige Gedanken und Eindrücke niederschreibt.
    Vielen Dank dafür!

  • 10
    gast:

    http://www.titanic-magazin.de/stefan-gaertner-leitmedium.html

  • 11
    Schaber:

    Ein wunderbarer Artikel, welcher mir aus dem Herzen spricht – vielen Dank dafür.
    Mir geht es im übrigen ganz ähnlich, bei allen Themen, in denen ich mich selbst zumindest rudimetär auskenne, stelle ich fest, dass das was dazu in den Medien berichtet wird und wurde, hahnebüchener Mumpitz ist.
    Beispielsweise zu den Themen Internet/IT/Datenschutz.
    Eine elektronische „Gesundheitskarte“ ist genauso sinnvoll, wie Licht ins Rathaus tragen. Selbst wenn alles so funktionierte, wie vorgesehen, ist für jeden technisch denkenden Menschen offensichtlich, dass die notwendige Infrastruktur anstatt Kosten zu sparen, Kosten verursachen wird. Diese Kosten sind so hoch, dass über Jahre und Jahrzehnte niemals ein positiver Beitrag für das Gesundheitssystem entstehen wird. Davon abgesehen sind die datenschutzrechtlichen Aspekte nicht ausreichend betrachtet worden.
    Das einzige was man machen kann, ist sein jeweils aktuelles Abo zu kündigen und auf Nachfrage unmissverständlich mitzuteilen, dass die Qualität der investigativen Recherche nicht mehr den Preis des Abo’s rechtfertigt.

  • 12
    Medienberichte 26.06.2011 - Initiative Barriere-Frei - Gegen Stuttgart 21:

    […] O Motive: Die Unterhaltungsbranche gibt sich die Ehre D news: Stuttgart 21: Ende des Grünen-Widerstands gefordert Süddeutsche Zeitung: “Die Bahn […]

  • 13
    Seraphyn:

    Kurz und Gut, Danke.
    Ich stimme zu und es wurde mir wie aus der Seele geschrieben.
    Wie ein Vorkommentator bemerkte, dies ist nicht nur so in Verbindung mit S21 so, sondern auch in vielen Bereichen des Journalismus zu sehen.
    Als altgedienter ITler greife ich mir nur noch an den Kopf und harre der Dinge, welche dort noch kommen werden…
    Seraphyn

  • 14
    Christoph Helmedach:

    Vielen vielen Dank für diesen Artikel. Mehr gibt es hierzu von meiner Seite nicht zu sagen.

  • 15
    Helga Uhlig:

    Sehr geerhter Herr Weidelich,
    danke für Ihren Beitrag zur heutigen Medienlandschaft. Ich habe viel gelernt und den Beitrag schon 10 x weitergeleitet
    (und auch selbst mehrmals gelesen). Sie haben mein schon lange ungutes Gefühl bestätigt. Bleiben Sie Ihrem Beruf weiterhin so verpflichtet, bewahren Sie Ihren ehrlich Blick, schreiben Sie weiterhin so kritische Berichte und veröffentlichen diese auch. Frage: wo?
    Herzlich Dank nochmals

  • 16
    PeterPan:

    „Uns Kindern hat man in den 50er Jahren auch Angst vor der Polizei gemacht. Inzwischen habe ich sie“

    Ein Satz der mich lachen ließ. Es war aber ein bitteres Lachen, denn ich weiß jetzt, wie such das ganz konkret anfühlt. Seit dem 30.9.2010. Aber auch seit dem immer wieder diese Robocops zu sehen sind. Europaweit. Uniformität bei allen Konflikten. Erschreckend.

 
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