Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Ein wenig zurückrudern, aber nicht nachfragen

22.06.11 (Bahnhöfe)

Die Stuttgarter Zeitung, deren Redakteure wohl wirklich am Schreibtisch festgekettet sind, überlässt es der professioneller arbeitenden dapd, die zahlreichen Videos auszuwerten, auf die ich gestern verlinkt habe. Ein Armutszeugnis. Auch die peinlich-naiven Einlassungen des StZ-Chefredakteurs Joachim Dorfs „Bürger auf Abwegen“ wirken bemüht und disqualifizieren nicht nur ihn selbst als schlechten, obrigkeitsgläubigen Journalisten, sondern die ganze Zeitung. Von den Stuttgarter Bürgern, die er mutwillig für dumm verkauft, einmal abgesehen.

Wer sich die Mühe macht, die „Ausschreitungen“ auf Fotos und Videos zu verfolgen, sieht Menschen, die starren und stehen, hört ein paar schreiende Jugendliche und gellende Pfiffe, sieht Fotografen, die 5o bis 100 Rohre fotografieren, bei denen an einem halben Dutzend die Abdeckungen fehlen. Überall weitgehend auf der Stelle stehende Menschen. Und auch etliche Polizisten in Kampfuniform, die ruhig vor dem Grundwassermanagement stehen.

Ich bin gegen jede Gewalt. Die Besetzung der Grundwassergebäude durch eine Handvoll junge Leute war sicher nicht klug und schadet dem Widerstand gegen das Wahnsinnsprojekt. Doch schon gestern war klar, dass die Polizeidarstellungen weitgehend frei erfunden sind und hier eine psychologische Kriegsführung in Gang ist, die den Widerstand mit allen Mitteln, auch kriminellen, diskreditieren soll. Das Konzept ist aufgegangen, wie die zahllosen kritiklosen Zeitungsartikel, die auf den Agentur-Berichten basieren, belegen.

Wenn Sie sich dieses Video ansehen, erkennen Sie den offensichtlichen agent provocateur vermutlich polizeilichen Beobachter mit „nster“-Tasche, der hinter dem Zaun, also auf dem Gelände des Grundwassermanagements, seelenruhig den Knallkörper zündet. in aller Ruhe die Szene beobachtet.

Der mutmaßliche agent provocateur vor der Zündung des Knallkörpers

Niemand von den BFE-Beamten rechts hinter dem Zaun reagiert nennenswert auf den Knall. Und nun wird auch klar, warum der BFE-Beamte, der auf die Uhr schaute und sich dann die Ohren zuhielt. Er sah nämlich, dass sich der Zivilpolizist (der den Knopf eines Funkgeräts im Ohr hat), bückte und den Knallkörper zündete. Nur der Videofilmer ist erschrocken.

Der Knall wird mit Pfiffen und Heeeh-Rufen quittiert. Kein Polizist kümmert sich um den Provokateur, der den Knallkörper gezündet hat. Der mutmaßliche Zivilbeamte steht Sekunden nach dem Knall weiter am Zaun und schaut in die Menschenmenge auf der anderen Seite wie ein kleiner Junge, der beachtet werden möchte und nichts zu befürchten hat. Ist das normal?

Nach dem Knall. Der Rauch ist noch zu sehen. Der agent provocateur steht seelenruhig hinter dem Zaun

Nach dem Knall. Der Rauch ist noch zu sehen. Der Beobachter steht seelenruhig hinter dem Zaun

Nach dem Knall 1

Etwas später steht der Mann ruhig da

Dieses Video ist für mich der endgültige Beweis, dass die Stuttgarter Polizei dreist gelogen hat. Und zwar in dem Sinn, dass keine Polizisten auf die Explosion reagiert haben und V-Leute im Einsatz waren.

Die Redakteure der Stuttgarter Zeitungen, die sich auch für lächerliche Interviews mit dem Polizeichef nicht zu schade sind (fehlt nur noch die Frage: Werden Sie Schusswaffen und Panzer einsetzen?), sollten endlich ihren Arsch bewegen und auf die Montagsdemos gehen, das Gehirn einschalten und zu recherchieren anfangen. Sonst machen Sie sich in einem Bundesland, in dem Teile der Polizei so offenkundig kriminell handeln und lügen, zu Mittätern.

Nachtrag: Josef-Otto Freudenreich, den ich sehr schätze, hat in der Kontext:Wochenzeitung einen lesenswerten Kommentar verfasst – auch wenn er noch ein wenig der bereits wiederlegten Mär von dem schwerverletzten Polizisten auf den Leim zu gehen scheint. Joachim Dorfs könnte etwas von ihm lernen, argumentativ, analytisch und sprachlich.

Nachtrag 2: Danke für die Hinweise, dass der gezeigte mutmaßliche Polizist in Zivilkleidung wohl nicht den Böller gezündet hat. Der Vorgang war im Video nicht zu sehen, das Ducken demnach eher ein Reflex auf die bevorstehende Explosion, die so schlimm nicht gewesen sein kann. Wenn auch der Ohrstöpsel ja das Geräusch gedämpft hat. Das zeigt, dass man noch vorsichtiger sein muss in der Bewertung von Videos.

Eins ist aber belegt: Der angeblich Schwerverletzte war der bewaffnete, glatzköpfige V-Mann. Das hat Kontext:Wochenzeitung soeben gemeldet. Schwerverletzte, die lächelnd telefonieren, werden wohl in die Stuttgarter Stadtgeschichte eingehen wie die Kastanien, die durch die Polizei zu Pflastersteinen werden und dann, nach einem Dementi der Polizei, wieder zu Kastanien.

3 Kommentare

  • 1
    Herr D.:

    Tut mir leid, Euch alle enttäuschen zu müssen: Der war’s nicht. Ich stand 3 m neben dem Böller. Der wurde nicht geworfen, sondern am Boden gezündet!

  • 2
    adam weisshaupt:

    hallo liebe railomotives,
    ich habe ebenfalls diesen mann als böllerzünder ausgemacht und entsprechende videos verlinkt http://www.youtube.com/watch?v=Yyw9bFWvq9o – von einem aufmerksamen beobachter wurde ich jedoch darauf aufmerksam gemacht, dass (ab 0:55 zu sehen) sich hinter dem bauzaun ein grauhaariger mann zu etwas herunterbückt, genau an der stelle, wo kurze zeit später der knallkörper explodiert… ich habe zwar diesen knopf-im-ohr-tragenden mann weiterhin unter verdacht, ein verdeckter polizist zu sein, jedoch sieht es tatsächlich so aus, als ob der andere für den böller verantwortlich zu sein scheint. da ich niemanden fälschlich beschuldigen möchte, habe ich mich deshalb von meiner davor geäusserten vermutung wieder distanziert.
    weiterhin bleibt es aber fakt, dass verdeckte provokateure unterwegs waren, und wir wollen lieber nicht wissen, was der bewaffnete und gestellte „schwerverletzte polizist“ noch angestellt hätte, wenn er nicht so schnell und effektiv entfernt worden wäre!
    liebe grüße, weiter so
    adam weisshaupt

  • 3
    Randale am Bauzaun | Mega-Stoffel:

    […] und einigen Videos: – bei Bei Abriss Aufstand – auf dem Stuttgart-Blog – bei Heise/Telepolis – auf Rail-o-motive (nochmal) und noch ein paar weitere Links. Wer weiter sucht, wird weiter finden…. Ich bleibe […]

 
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