Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Professionalisiert euch!

23.06.11 (Bahnhöfe, Deutschland, Marginalien)

In dem Film „A serious Man“ der Coen-Brüder gibt es eine Szene, in der Sy Ableman die Hand seines nervösen Gegenübers nimmt, dem er die Frau ausgespannt hat. Er sagt sinngemäß: „Manchmal müssen wir einen Schritt zurücktreten, uns besinnen und bis zehn zählen. 1, 2, 3…“ So widerlich dieser schleimige Ableman ist, so Richtiges sagt er.

Ich habe mich von den vielen Foto- und Video-Beweisen mitreißen lassen. Doch sind es eindeutige Beweise? Zum Teil ja, zum Teil nein.

Was wir wissen: Es spricht sehr viel dafür, dass der Glatzkopf, der von der Polizei als Schwerverletzter angegeben wurde, nicht schwerverletzt war, als er freudig im DRK-Wagen sitzend telefonierte. Es gibt ein Foto, bei dem sehr viel dafür spricht, dass er weiße Rohrteile über den Zaun wirft und Aussagen von Demonstrationsteilnehmern, dass er sie aufgefordert habe mitzumachen und deshalb später aus der Menge hinausgeführt wurde. Wir haben auch gesehen, dass er jemand zu Boden gedrückt und mit ihm gekämpft hat, bevor andere einschritten, ihn als Bullensau beschimpften und offensichtlich nicht die Waffe wegnehmen wollten, die klar zu sehen war. Doch warum hat der Beamte auf den am Boden Liegenden eingeprügelt? Was war vorher?

Wir haben auch den ruhigen mutmaßlichen Agenten mit der nster-Tasche gesehen, der sich duckt, bevor es knallt. Ich habe jedenfalls keinen Mann erkennen können, der den Böller zündet. Aber ich habe auch immer weniger Lust, diese Videos anzuschauen, weil sie (zu) wenig taugen.

Es gibt unzählige Hinweise, dass die Polizei mit agents provocateurs und Agenten arbeitet. Das ist illegal. Das muss aber so zweifelsfrei nachgewiesen werden, dass die Staatsanwaltschaft und der Innenminister eindeutige Beweise sehen, dass es so ist. Nur dann können sie, so will es der Rechtsstaat, einschreiten. Ob sie es tun, ist leider eine andere Frage, die sich nach den erschreckenden Vorgängen am 30.9.2010 nicht eindeutig beantworten lässt. Ich will nicht ausschließen, dass der Grubenbahnhof trotzdem weiter gebaut wird und alte CDU-Kräfte in der Polizei und im Innenministerium Hand in Hand mit der SPD den Bau durchknüppeln werden. Es kann ein langer Kampf werden, bei der ihr die Unterstützung der lernfähigeren Medien und aller Bürger, die gegen die Milliardenverschwendung sind, brauchen werdet.

Ihr, die Demonstranten und Stuttgart 21-Gegner vor Ort, müsst noch viel besser beweisen, dass die Polizei lügt und illegale Mittel einsetzt!

Denn von den allermeisten Medien wird keine Hilfe kommen. Die sind überfordert, bequem oder voreingenommen. Man kann sie nicht ernstnehmen. Aber man muss ihre falschen Berichte widerlegen, die leider bis über Deutschlands Grenzen hinaus mehr Wirkung entfalten als die redlichen Bemühungen in Twitter, Youtube und Blogs.

Fotografiert und filmt professioneller!

Unscharfe Fotos aus Handys und Videos, bei denen der „Kameramann“ bestenfalls 5 Sekunden in eine Richtung hält und die Belichtungsautomatik wegen des hellen Himmels das Bild abdunkelt, taugen nicht viel als Beweis. Kauft euch eine Spiegelreflex, die auch filmen kann oder einen Camcorder. Leiht euch einen Camcorder oder nehmt wenigstens ein iPhone, das ziemlich ordentliche Fotos und Videos macht. Gewöhnliche Handys sind viel zu langsam für bewegte Szenen. Die machen keine brauchbaren Fotos mit Aussagewert. Notebooks taugen zum Streamen, aber nicht zur Dokumentation. Die Kameras sind viel zu schlecht.

  • Man braucht scharfe, nicht verwackelte Videos: Haltet die Kamera ruhig, benutzt ein Einbeinstativ oder eine stabilisierende Tragevorrichtung.
  • Bleibt wenigstens 20 Sekunden auf einer Szene und schwenkt nicht wild herum.
  • Nehmt einen Beobachter mit, der euch auf wichtige Szenen aufmerksam macht und sucht nicht mit laufender Kamera nach Motiven. Das ist Kinderkram.
  • Schwenkt langsam, um einen Überblick zu geben. Nur bei plötzlichen Ereignissen kann man die Kamera herumreißen.
  • Nutzt die höchstmögliche Auflösung, falls ihr nicht direkt ins Netz streamt. Komprimieren könnt ihr hinterher.
  • Fotografiert Sequenzen von Vorgängen. Macht Bildserien, die Vorgänge zeigen. Stellt die Uhrzeit in der Kamera korrekt ein.
  • Macht abwechselnd Totalen und zoomt in Stufen an verdächtige Personen ran.
  • Stellt Videos mit höchstmöglicher Auflösung ins Netz. Damit man was erkennt und nicht spekulieren muss!

Hätte man eine Bildsequenz des Rohre werfenden Glatzkopfs und hätte man rangezoomt, wäre der Aussagewert der veröffentlichen und wohl bei Abriss-Aufstand wieder vom Netz genommenen Bilder weitaus besser.

Auch Polizisten haben Persönlichkeitsrechte und der größere Teil wird auch nicht kriminell handeln. Das Fotografieren und Filmen kann man euch nicht verbieten, das Veröffentlichen schon! Vieles bewegt sich da in einer Grauzone, auf beiden Seiten. Denn die Stuttgarter Polizei filmt seit Monaten auch friedliche Veranstaltungen, was sie aus Rücksicht auf eure Persönlichkeits- und Versammlungsrechte nicht darf. Deshalb wäre es sinnvoll, sich zusammenzutun und nicht alles schnell ins Netz zu stellen. Lasst euch juristisch beraten, sichert Kopien, wo keiner darauf zugreifen kann und sammelt Belege für Straftaten der Polizei. Dazu braucht man scharfe Videos, die Vorgänge eindeutig aus mehreren Perspektiven zeigen. Die kann man dann, notfalls mit teilweise unkenntlich gemachten Polizeigesichtern, ins Netz stellen und der Staatsanwaltschaft und vertrauenswürdigen Medien außerhalb Stuttgarts geben. Scharfe Bilder, gute Videos! Vielleicht kauft man sie euch sogar ab.

Es wird Zeit, dass sich bei Fotos und Videos eine Professionalisierung stattfindet. Nur klare Bilder sind klare Beweise.

Wenn die meisten Stuttgarter Medien und Agenturen keine professionelle Recherchearbeit leisten wollen, müsst ihr sie eben leisten. So professionell es irgendwie geht. Nur so wird man Staatsanwälte, Politiker und die bundesdeutsche Öffentlichkeit davon überzeugen können, dass in Stuttgart ein Teil der Polizei und andere Organisationen mit kriminellen Mitteln arbeitet und Konsequenzen gezogen werden müssen. Wir brauchen erdrückende Beweise.

Nachtrag: Und weil die Leute von Cams21 protestieren: Ich schaue euch und früher Fluegel.tv auch. Diese Arbeit ist wertvoll und wichtig. Streamen ist gut. Aber darüber hinaus braucht man annähernd professionelle Bilder, die als Beweise taugen. Nichts anderes habe ich gesagt. (Dieser Blog kostet auch meine Zeit, die mir niemand bezahlt.)

8 Kommentare

  • 1
    Marion Schimmelpfennig:

    Hervorragende Tipps! Wird wirklich Zeit, dass sich die Demonstrierenden professionalisieren – auf Medien, Polizei & Co ist tatsächlich leider kein Verlass. Ich werde den Artikel wärmstens weiterempfehlen…

  • 2
    Stuttgart 21: Wurden die Ausschreitungen am 20. Juni provoziert? | Marion Schimmelpfennig:

    […] dieser Stelle möchte ich auf einen Blogpost von Friedhelm Weidelich aufmerksam machen, der den Gegnern von Stuttgart 21 exzellente Tipps für […]

  • 3
    Tobias Raff:

    Hallo,

    Du sprichst mir aus der Seele. Hast Du schonmal versucht, auf einer Demo oder einer Protestveranstaltung wie am Montag professionell zu filmen. In kürzester Zeit hat man da Ärger mit Umstehenden am Hals, die nicht gefilmt werden wollen. Aber ich tue es immer wieder trotzdem, weil einfach viel besser dokumentiert und veröffentlicht werden muss.

    Grüße,

    Tobias Raff

  • 4
    drehstrom:

    Liebes railomotive,
    ich bezweifle, dass es möglich sein wird, von den Demos und Aktionen das zu liefern, was du in deinem Artikel beschrieben hast. Es wird immer eine Glückssache bleiben, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein. Man steht im Gedränge und es passieren oft sehr viele Dinge gleichzeitig. Dass bestimmte Bilder dann relevant gewesen wären, bekommt man meistens erst hinterher mit.
    Professionelles Equipment ist da noch mal ein Thema für sich.
    Wir und die anderen Streamer, Filmer und Fotografen werden trotzdem alles tun, was in unseren Kräften steht, ein wahrheitsgetreues Bild der Vorgänge zu dokumentieren.

  • 5
    Friedhelm Weidelich:

    Ich kann das nachvollziehen. Professionell genug kann schon ein Camcorder für 200 Euro sein (auch wenn man nicht direkt aus dem senden kann).
    Ich habe die streams oft und gern verfolgt. Doch irgendwann hat man keine Zeit und Lust mehr. Nicht die Menge macht es, sondern die Substanz. Ihr müsst euch darüber klar werden, welche Wirkung ihr bei wem entfalten wollt.

    Wer gegen S21 ist, weiß, wie oft da getrickst und gelogen wurde und wird. Nun braucht ihr nachvollziehbare Ergebnisse mit Beweiskraft. Wenn man erst hinterher sehen kann, was relevant war, braucht man hohe Bildqualität. Statt 8 Stunden relativ Irrelevantes zu streamen kann es sinnvoller sein, hinterher wichtige Vorgänge zusammenzuschneiden und nachvollziehbar zu dokumentieren. Kaum jemand hat die Zeit, stundenlang zuzuschauen. Irgendwann wird man müde. Auch ihr. Ihr habt nun die schwere Aufgabe, den Medien, Justiz, Politik und Öffentlichkeit zu beweisen, dass gelogen wurde. Je besser die Qualität, je eindeutiger, umso höher sind die Chancen. Darauf kommt es an.

    Es sollte ein gut gemeinter Denkanstoß sein. Ich bin sicher, dass er angekommen ist. 😉

  • 6
    KraftZeitung:

    Teams wie cams21 oder fluegel.tv sollten sich Presseausweise machen und öffentlich tragen! (Die sollten aber einheitlich sein und auch z.B. von Tillman36 o.ä. zertifiziert sein)

    Dann ist das nochmal eine andere Nummer – sowohl für die Polizei als auch für die Demonstranten – und presserechtlich sowieso.

    Es muss aber auch in der Tat die Hardware besser werden und eine Aufzeichnung in höherer Qualität (HD) stattfinden, die nicht unbedingt live gestreamt werden muss. Zur Beweisführung reicht auch die Konserve, vorallem dann, wenn die Qualität auch noch höher ist.

    Liebe Grüsse nach Stuttgart – Oben bleiben!

  • 7
    drehstrom:

    An dieser Stelle möchte ich auch auf unsere Seite „Infos zu casms21“ hinweisen: http://cams21.de/Daten/info.html

    Grüße,
    drehstrom/cams21

  • 8
    herr stoltenberg:

    lieber herr weidelich,

    mal wieder sehr gute arbeit. wir könnten hier ein paar kollegen ihres kalibers gut gebrauchen!
    und zwei doofe, ein gedanke – bin seit kurzem in besitz einer spiegelreflex mit einem kleinen tele 😉

    grüssle,
    stoltenberg

 
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