Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Tiefer, noch tiefer!

28.06.11 (Bahnhöfe, Eisenbahn, Marginalien)

Die Stuttgarter Zeitungen kämpfen mit allen Mitteln gegen die Grünen. Erstes Opfer soll Verkehrsminister Hermann werden, der mich zwar nicht mehr völlig überzeugt in seinen Äußerungen und wohl doch nicht der Taktiker ist, für den ich ihn gern gehalten hätte. Aber eine gewisse Grundehrlichkeit und Geradlinigkeit gehört ja nicht mehr zum Berufsprofil von Politikern. Wer, wie Hermann und Kretschmann, ehrlich seine Meinung sagt, wird von den Medien verrissen oder bewusst falsch interpretiert. Wenn Redakteure (freiwillig!) den schwarzen Balken der CDU vor ihren Augen als Sichtschutz vor der Realität tragen und der Hass auf die neue Regierung im Bauch wühlt, werden solche Journalisten zu Kleingeistern und senken beständig ihr Niveau.

Auch sprachlich. Gestern Abend titelte ein sich hinter drei Buchstaben versteckender Berichterstatter der Stuttgarter Zeitung:

Im Allgemeinen brodelt es in Kochtöpfen und Quellen. Nun wohl auch in den erhitzten Gehirnen der Redakteure. Verzeiht ihnen. Es war sehr heiß gestern Abend und der Beitrag entsprechend kurz. Wahrscheinlich gab es nichts zu berichten. Der Fotograf macht schon die Arbeit, dazwischen wird Werbung eingestreut, und den Klickraten hilft es auch und damit dem Werbungsverkauf.

Dass die Polizei die Teilnehmerzahlen nicht mehr nur halbiert, sondern auf 20 bis 25 % herunterrechnet, muss Bestandteil der pyschologischen Kriegsführung sein, die die Stuttgarter Polizei nun wohl verschärft gegen ihre Bürger vorgehen lässt. Was nicht überrascht, denn auch da sollen die Schaltstellen mit CDU-Freunden besetzt sein, wie ich aus kritischen Stuttgarter Journalistenkreisen höre. Dass Polizei in Zivilkleidung wahrscheinlich auch in Frankfurt friedliche Demonstranten zu Straftaten aufgefordert oder selbst Böller geworfen haben, beschäftigt übrigens gerade die Frankfurter Rundschau.

Michael Isenberg von den Stuttgarter Nachrichten demonstriert souverän, dass für ihn die Bahn und deren Propagandist Dietrich selbstverständlich die glaubwürdigeren Quellen sind als ein Verkehrsminister. (Ich würde keinem vollkommen trauen, aber aus Erfahrung traue ich der DB grundsätzlich erst einmal nicht, weil ich von der Pressestelle schon mehrfach angelogen wurde.)

Isenberg schreibt:

Am Wochenende hatten sich Informationen über ein positives Resultat des Stresstests verdichtet. Laut Computersimulation kann der geplante Tiefbahnhof im Bahnknoten Stuttgart21 demnach in der morgendlichen Spitzenstunde 49 Züge abfertigen und arbeitet auch bei Störeinflüssen in guter Betriebsqualität. Dazu sind zwei Ausbauoptionen nötig, die für 40 Millionen Euro realisiert werden können. Diese beiden Kernaussagen des Stresstests sind bereits im Umfeld des Konzerns bestätigt worden.

Was wirklich geschah: Am Wochenende lancierte die DB über Presseagenturen die Botschaft, dass der „Stresstest“ ein positives Ergebnis habe. Das war die PR-Botschaft fürs Volk: Stresstest positiv. Und natürlich sind alle „Qualitätsmedien“ über das hingehaltene Stöckchen gesprungen, wie die Lämmer.

Möglicherweise, ich kann es nicht kontrollieren, wurden die hier zitierten Behauptungen zu Qualität, Zug-Anzahl und Kosten von der DB gleichzeitig lanciert oder kurz danach nachgeschoben. Dann hat wohl jemand bei der DB nachgefragt, ob die Zahlen richtig seien und sieht das, wie Isenberg, der Arglose, so: „Diese beiden Kernaussagen des Stresstests sind bereits im Umfeld des Konzerns bestätigt worden.“

Die DB hat also bestätigt, dass die von ihr lancierten Zahlen richtig sind. Das ist praktisch die Erfindung des perpetuum mobile der Nachrichten. Durch beständige Wiederholung wird eine Propaganda-Behauptung zur Wahrheit. Propaganda -> Nachricht -> Wahrheit -> Propaganda.

Wenn der DB-Propagandist Dietrich, Pfarrer (?) Bräuchle und die diversen Polizei-Pressesprecher etwas sagen, hat das natürlich einen extrem hohen Wahrheitsgehalt. Denn sie sind ja von Amts wegen besonders glaubwürdig und extrem neutral. Deren Aussagen bringt ein guter Journalist selbstverständlich ungekürzt, ohne eine kritische Bemerkung und großzügig ungeprüft unter die Leute.

Sehr überzeugend ist der letzte Satz in Isenbergs schlichter Sicht der Dinge: „Davon abgesehen sind die geplanten Bahnanlagen von S21 aber in vielfältiger Hinsicht ideal“, urteilt ein Verkehrswissenschaftler. Toll, das glaube ich sofort! Was für eine fundierte Aussage! Ich bin tief beeindruckt.

Den Namen des Verkehrswissenschaftlers – wir kennen den Herrn höchstwahrscheinlich, weil er als hoffentlich nicht repräsentativer Lehrkörper der TU Stuttgart in der Schlichtung aufgetrat und das „bestgeplante Projekt“ präsentierte – verrät uns Isenberg nicht. Das Zitat kann frei erfunden sein, es hat jedenfalls rein werblichen Charakter. Aber, wie die von der Bildfläche verschwundene Gönner, wollte Isenberg wahrscheinlich nur weiter für Stuttgart 21 „wärben„.

Sie können mich bei Gelegenheit gern als „ein Verwaltungswissenschaftler“ zitieren, bitte mit folgendem Satz: „Zwei Jahre Modellbahnerfahrung reichen aus, um das Projekt Stuttgart 21 als verkehrstechnischen Unsinn zu erkennen.“ Diesen Satz schenke ich Ihnen für den Fall, dass Sie wieder mal die Stimme eines anonymen Wissenschaftlers brauchen, falls es anders kommt.

Ich würde die DB und Herrn Dietrich fragen,

  • warum die Deutsche Bahn die Stresstest-Berechnungen in aller Stille ohne öffentliche Beteiligung durchführt und ob sie das für eine geschickte Strategie hält,
  • warum sie und die Presse darauf rumreiten, dass der Verkehrsminister Teil-Informationen über den Ablauf hatte, was selbstverständlich sein sollte und kein Grund ist, ihn der Falschaussage zu bezichtigen,
  • warum die DB gut zwei Wochen vor dem Präsentationsdatum die angeblichen Ergebnisse in die Medien drückt, anstatt seriös mit ihrem Vertragspartner und Schlichter Geißler zu kommunizieren,
  • warum die DB als dem Staat und den Bürgern gehörende Firma auf diese Weise eine Landesregierung unter Druck setzt und
  • warum sie ihren Vertragspartner, das Land, durch diese Art der Propaganda und der Kriegsführung über die Medien mutwillig brüskiert und lächerlich macht.

Wenn sie diese Fragen gestellt und die Antworten kritisch hinterfragt und nicht einfach nur nachgeplappert haben wie bisher, dann nehme ich die Stuttgarter Redakteure wieder ernst. Die ernsthaft arbeitenden kann man bisher an einer Hand abzählen.

Nachtrag 17.30 Uhr: Die Stuttgarter Zeitung berichtet polemisiert, natürlich auf dpa-Basis, „Polizei verhaftet Stuttgart-21-Gegner“. Die Stuttgarter Nachrichten titeln, dapd-basiert, Polizei nimmt S21-Gegner in Haft. Jeweils mit Bildstrecken von Polizisten in Kampfuniform illustriert. So viel zum Pluralismus im Zeitungsgewerbe.

StZ: „Gegen den 49-Jährigen sei Haftbefehl wegen gefährlicher Körperverletzung und versuchten schweren Raubes ergangen, teilte die Staatsanwaltschaft am Dienstag in Stuttgart mit. Videoaufzeichnungen hätten die Ermittler auf die Spur des Mannes gebracht, der wegen weiterer Delikte polizeibekannt sei und keinen festen Wohnsitz habe.

Ist er deshalb ein Stuttgart-21-Gegner? Ein gutbürgerlicher Demonstrationsteilnehmer will einem Verdeckten Ermittler, der in unsäglicher Dämlichkeit seine Waffe offen trägt, die Waffe rauben? Klar doch, das kann nur so sein. (Für Humorfreie: Das ist Ironie.)

Während die Polizei sagt, die beiden Angreifer hätten die Waffe an sich reißen wollen, erklärten die Stuttgart-21-Gegner, es sei lediglich gerufen worden „Tue die Waffe weg“.

Ja, das habe ich auf dem Video selbst gehört, nachdem der Polizist nicht mehr auf dem Menschen (Angreifer, vom Beamten Angegriffener?) lag und davonlief. Bullensau oder Bullenschwein wurde auch noch gerufen, aber augenscheinlich nicht nach der Waffe gegriffen.

Wer sind „die Stuttgart-21-Gegner„? War dpa nicht auf der Pressekonferenz und hat die DVD in die Hand gedrückt bekommen, auf der das Video war? Ist doch wurscht, wenn’s gegen die Gegner geht, muss man beim üblichen copy&paste erst recht nicht sorgfältig recherchieren und formulieren.

Die Stuttgarter Nachrichten und dapd sind da zurückhaltender: Der Festgenommene soll mit einem weiteren noch unbekannten Mittäter versucht haben, dem Beamten die Dienstwaffe zu entreißen. Das ist sachlich!

Wie, Stuttgarter Zeitungs-Redakteure, wären denn diese Überschrift gewesen: Polizei verhaftet Wohnsitzlosen oder Polizeibekannter Wohnsitzloser verhaftet oder Polizei-Angreifer festgenommen oder 49-Jähriger wegen versuchten schweren Raubes verhaftet? Handwerklich sauber, jedenfalls. Aber darum geht es Ihnen ja nicht. Sie machen lieber Stimmung.

Nachtrag 19.25 Uhr: Ich kann nicht mehr daran glauben, dass die Redakteure der Stuttgarter Zeitung wenigstens den Anschein seriöser Berichterstattung erwecken wollen. Nun wurde hinzugefügt:

Bei der gewaltsamen Besetzung der Baustelle für die Tieferlegung des Hauptbahnhofs waren weitere acht Beamte durch ein Knall-Trauma verletzt worden, nachdem ein selbstgebastelter Sprengkörper explodierte. Die Demonstranten richteten einen Schaden in Höhe von 1,5 Millionen Euro an.

Offensichtlich, durch etliche zweifelsfrei Videos belegt, wurde aber niemand durch ein Knalltrauma verletzt. Auch die Schadenangaben sind höchstwahrscheinlich frei erfunden.

Man muss von den beteiligten „Journalisten“ annehmen, dass sie nicht mehr bei klarem Verstand sind, vorsätzlich journalistische Sorgfaltspflichten verletzen und auf Krawall gebürstet sind.

Pfui Teufel, was für eine unglaubliche Inkompetenz! Was für eine Demagogie!

Nachtrag 21.50 Uhr: Wie ich gehört habe, befinden sich weite Teile der Redaktionen im Streik. Was die direkte Verwendung von Agenturmeldungen erklärt. Eine Entschuldigung ist es trotzdem nicht.

5 Kommentare

 
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