Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Unpünktlicher sind nur die Züge in Polen

17.06.11 (Bahnhöfe, Deutschland, Eisenbahn, Europa, Österreich)

An den deutschen Medien offenbar vorbeigegangen ist eine Studie der EU, die die Zufriedenheit der europäischen Bahnkunden beleuchtet. Wen wundert’s. Es ging ja auch nicht um Fluggepäckpreise, Elektroautos und „knackige Kleinwagen mit tristem Innenraum“.

Schon die knappe deutschsprachige Zusammenfassung der europäischen Fahrgästebefragung im März 2011 hätte genügend Aufmerksamkeit erwecken können: „Deutsche, Franzosen, Schweden und Rumänen gehören zu den unzufriedensten europäischen Bahnfahrern. Demnach sind 46 Prozent der befragten deutschen Bahnreisenden sehr oder ziemlich unzufrieden mit der Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit des Bahnverkehrs.“

Typisch DB: Fahrradboxen und Abstellmöglichkeit in Neuss Rheinparkcenter, dazu - Ende April - noch reichlich Herbstlaub (Foto 29.4.2011 Friedhelm Weidelich)

Und weiter: „Nur 54 Prozent der Deutschen finden den Fahrkartenkauf derzeit einfach, europaweit sind es 79 Prozent. In fast allen übrigen Bereichen wie Komfort, Informationspolitik und Sicherheit haben die deutschen Befragten ebenfalls eine durchwachsene Meinung zu ihrem Bahnverkehr. Europaweit wurden nicht ausreichende Informationen über Fahrgastrechte und zu wenig Hilfe für behinderte oder ältere Bahnreisende bemängelt.“ Letzteres ein Punkt, den die Deutsche Bahn bei Stuttgart 21 und anderen „postmodernen“ Bahnhofsbauten sträflich vernachlässigt. Obwohl klar ist, dass die alternde deutsche Gesellschaft bis ins hohe Alter mobil sein und auf die Bahn angewiesen sein wird.

Für Rollstuhlfahrer und Kinderwagen nicht geeignet (Foto: FW)

Der Fahrkartenkauf verläuft für Reisende in 23 der 27 Länder zufriedenstellend. Nur in Deutschland und Österreich sind 42 % bzw. 33 % sehr oder ziemlich unzufrieden. Das liegt mit Sicherheit an den Fahrkartenautomaten, die entweder nicht funktionieren, Geld ohne Gegenleistung einbehalten, zu langsam arbeiten, nicht wechseln können oder schlicht nicht vorhanden sind. Und wenn, dann überfordern sie manchen Fahrgast so, dass die Deutsche Bahn in Großstadtbahnhöfen Instruktoren hinstellt, um die Reisenden von der Schlangen vor den Schaltern abzudrängen oder sogar dazu zwingt, Nahverkehrskarten ausschließlich am Automat zu kaufen. Auch online gibt es keine Nahverkehrs-Fahrkarten bis 50 km, was die DB bei Buchungsversuchen auf www.bahn.de bis heute verschweigt. Immerhin kann man jetzt IC und ICE auch für Strecken unter 50 km buchen, um dem Gedränge im kaum billigeren Verkehrsverbund-Tarifgebiet überschreitenden Regionalexpress zu entgehen.

Wenn man ein wenig den Ekel überwindet, ist hier der Fahrkartenkauf kaum ein Problem (Foto: Friedhelm Weidelich)

Übrigens hat auch die Deutsche Lufthansa das kundenverachtende Automatenkonzept von der DB übernommen und zwingt ihre Kunden, nun eine Bordkarte am Automaten zu ziehen. In vielen Fällen geht das nicht ohne einen Helfer. Anschließend darf man sich zum Abgeben des Koffers in eine Schlange einreihen. Das ist für Geschäftsreisende ohne Gepäck akzeptabel, spart der Lufthansa aber tatsächlich Schalterpersonal. Und darauf kommt es der DB und der Lufthansa ja in Wirklichkeit nur an.

Zu den Schlusslichtern in den 27 EU-Ländern gehören deutsche Bahnen auch bei der Fahrplaninformation: Deutschland belegt vor den Niederlanden und Polen den drittletzten Platz. Wer nicht eben auf den Hauptbahnhof-Bahnsteigen von Köln, Düsseldorf, Hannover, Stuttgart oder anderen Großstädten steht, findet weder einen Ansprechpartner noch dynamische Zuganzeiger. Übersprühte oder herausgerissene Fahrpläne sind die Normalität. Der Bahnkunde fühlt sich mit Recht alleingelassen.

Unverglaste Malfläche, mangels Beleuchtung nur tagsüber verwendbar (Foto: FW)

In Neuss Rheinparkcenter findet man alle Fehlleistungen von DB Station&Service (Foto: FW)

Bei den Parkplätzen am Bahnhof schneiden deutsche Bahnen ebenfalls schlecht ab. Der größte Bahnhofsbesitzer, DB Station&Service, kassiert für jeden Zughalt Gebühren und verschafft in den Städten der DB-Tochterfirma DB BahnPark auch noch ein Zusatzgeschäft. So entsteht eine Hürde für’s Umsteigen. Oder sie überlässt den Kommunen diese umsatzsteigernde Dienstleistung gleich ganz.

So wundert es nicht, dass die Deutschen nur sehr selten mit der Bahn reisen. Trotz des dichten Eisenbahnnetzes reisen sie weniger als der EU-Durchschnitt. Dahinter liegen nur noch Nationen mit einem dünnen Eisenbahnnetz, das weitgehend auf wenige Magistralen und Hochgeschwindigkeitsstrecken ohne die nötigen Vernetzungen in der Fläche aufbaut (Frankreich, Spanien, Irland, oder wo man, wie in Rumänien und Polen, aus Prestige- und Zeitgründen mit dem Auto fährt.

Peinlich sollte der Deutschen Bahn allerdings diese Grafik sein:

Was die Pünktlichkeit bei Abfahrt und Ankunft betrifft, liegen deutsche Bahnen auf dem zweitletzten Platz. Noch unpünktlicher sind nur polnische Züge.

Am pünktlichsten in der EU fahren übrigens die Bahnen in Litauen, Lettland und Portugal.

 
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