Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Deutsche Bahn: Wir können alles außer Bahnbetrieb

18.07.11 (Bahnhöfe, Deutschland, Homburg, Pannen, Personenverkehr)

Das Kerngeschäft der Deutschen Bahn ist eigentlich der Personen- und Güterverkehr in Deutschland. Doch weil das für die DB-Vorstände langweilig und offensichtlich ihre schmalen Managementfähigkeiten übersteigt, engagiert man sich lieber woanders, wo man die „Leistungen“ der DB Mobility Logistics AG und ihrer zahllosen Töchter noch nicht so gut kennt. In Nordsibirien zum Beispiel.

In Deutschland geht momentan noch mehr schief, als DB-Kunden seit Jahren gewohnt sind. Hier eine Auswahl an aktuellen Katastrophen:

  • Der Hamburger Hauptbahnhof, der auch als mustergültig für Stuttgart 21 herhalten muss, arbeitet von 6 bis 20 Uhr am Rande der Belastungsgrenze.
  • Ein Oberleitungsschaden wegen eines im Lichtbogen getöteten Eichhörnchens im Raum Frankfurt behinderte heute den Berufsverkehr und führte zu zahlreichen Streichungen von Fernzügen.
  • Wegen einer „explodierenden Oberleitung“ am Flughafen Düsseldorf (einen Dachschaden hatte wegen solcher Formulierungen jedoch eher der Redakteur) war letzten Donnerstag der Betrieb auf Deutschlands meist befahrener Strecke stundenlang behindert.
  • Wegen einer lächerlichen „brennenden Schwelle“ (!) in Köln-Mülheim und die eineinhalbstündige unkoordinierte Löschung (wahrscheinlich im Komptenzgerangel der knapp 300 inländischen DB-AGen und GmbHen) entstanden Verspätungen von über einer Stunde. (Ich stelle mir das so vor: DB Regio Rheinland entdeckt Brand, meldet ihn an DB Netz AG, die verständigt DB Station & Service AG, die fragt Stationsmanager Köln Hbf, wer für Köln-Mülheim zuständig ist, worauf sich DB Gleis & Wartung mit DB Sicherheit verbindet, dort aber mangels Zuständigkeit an einen privaten Dienstleister wendet, der aus Kostengründen irgendwo im Bergischen Land angesiedelt ist (ca. 30 – 40 km entfernt) und mit einem Klein-Lkw mit Wasserbehälter und Feuerlöscher anrückt, nachdem bereits ein Fahrgast die Kölner Berufsfeuerwehr verständigt hat, die sofort zum Löschen kam. Die Betriebsleitzentrale in Wer-weiß-wo wurde aber nicht informiert, dass der Brand, falls es überhaupt einer war, gelöscht ist und leitete munter die Züge um den Großbrand herum, wahrscheinlich wegen der großen Hitzestrahlung der Eichenschwelle, die zum spontanen Ausfall sämtlicher Klimaanlagen passierender Züge geführt hätte. Ja, so ähnlich muss es gewesen sein. Wahrscheinlich aber noch weit komplizierter, weil vermutlich aus Berlin oder Frankfurt ein Experte anreisen musste, um die Austauschwürdigkeit und Befahrbarkeit der Schwelle zu begutachten und bei einem privaten Gleiswartungsunternehmen den Austausch zu bestellen, natürlich erst nach einer Ausschreibung. Eigene Mitarbeiter für solche Routinejobs hat die DB Mobility Logistics AG ja schon lange nicht mehr. Am Ende ist aber bestimmt das Eisenbahnbundesamt schuld, das die Strecke ohne eine Typprüfung der neuen Schwelle einfach nicht freigeben wollte. Und weil eine angekokelte Schwelle die Strecke natürlich vollständig unbrauchbar macht, obwohl eine untergelegte Zeitung vorläufig gehalten hätte.)
  • Dazu kommen die ständigen Stellwerksausfälle mit weitflächiger Wirkung und Kabeldiebstähle, weil eine Aufsicht mangels Personal an der Strecke nicht mehr stattfindet. Meldung für Berlin, 19.7.: „Auf Grund von Kabeldiebstählen an unseren Oberleitungsanlagen kommt es auf den RE Linie 3, 4 und 5 bis ca. heute 15:30 Uhr zu einer geänderten Betriebsführung kommen. Züge der der RE Linie 3 werden umgeleitet und halten nicht in Berlin Hauptbahnhof, Potsdamer Platz, Berlin Südkreuz und Lichterfelde Ost.“
  • Nach Wolfsburg und Celle sollte man nur noch mit dem Auto fahren, weil ICE ihren planmäßigen Halt nun wohl regelmäßig versäumen. Die alte Tradition, den Triebfahrzeugführer durch ein geschlossenes Ausfahrsignal und entsprechende LZB-Signale daran zu erinnern, dass er zu halten hat, scheint in der ferngesteuerten DB-Welt verlorengegangen zu sein.

Beim Brot-und-Butter-Geschäft des Rüdiger Grube und des Ulrich Homburg reicht es schon lange nicht mehr für die Butter, und das Brot hat auch ziemlich Schimmel angesetzt.

3 Kommentare

  • 1
    Ruth Gisela Evers:

    Warum das bei der DB AG so katastrophal zugeht, erklärt Prof. Karl-Dieter Bodack sehr gut in seinem Buch „Sich selbst entdecken – Andere verstehen, Schritte zu Selbstentwicklung und erfolgreicher Zusammenarbeit“. Genau an dieser Zusammenarbeit liegt das, die nämlich leider bei der DB AG überhaupt nicht mehr funktioniert, weil an Machtpositionen keine Könner, sondern Jasager gesetzt werden und die Menschen mit Erfahrung nicht in die Entscheidungen mit einbezogen werden.

  • 2
    Peter Peterson:

    Der letzte Nachtrag ist von belauscht.de Ob das die ideale Quelle ist?

  • 3
    Friedhelm Weidelich:

    Okay, ich habe den Link rausgenommen. 22 von 42 Türen, die angeblich nicht funktionieren, würden einen elf Wagen langen IC voraussetzen, bei dem sich auf der Bahnsteigseite keine einzige Tür öffen ließe. Das ist sehr unwahrscheinlich, aber auch nicht völlig aus der Luft gegriffen. So traurig ist das Kapitel Türen aus meiner täglichen Erfahrung. Bei Düsseldorfer Straßenbahnen übrigens auch.

 
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