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Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Die Journalistenmeute bevorzugt weiter Meinung statt Recherche

22.07.11 (Bahnhöfe, DB, Deutschland)

Ich könnte heute wieder eine Menge schreiben über die lieben Kollegen, die wieder einmal belegen, dass sie auf jeden billigen PR-Trick hereinfallen und ein Audit unisono als „Gutachten“ bezeichnen, weil es ihnen die Deutsche Bahn so in die Pressemitteilung geschrieben hat. Es fehlt an Fachwissen, Sprachkompetenz und dem Willen, Informationen zu hinterfragen oder den Audit-Bericht wenigstens anzulesen, bevor man selbstverliebt unsägliche Kommentare schreibt wie Spiegel-Autor Kuzmany, der fröhlich dokumentiert, dass er von der Stuttgarter Bürgerbewegung gegen S21 so gar keine Ahnung hat und auch sonst nur Bahnhof versteht, ohne sich jemals damit beschäftigt zu haben. Wie etliche andere Kollegen auch, wie etwa Michael Brandt, der heute im Deutschlandfunk süffisant von einem „Festtag für alle Bahnhofsbefürworter“ schwadronierte. Und formuliert: „Der Stresstest war die größte Hürde gegen Stuttgart 21, sie ist genommen, und es ist nach menschlichem Ermessen unwahrscheinlich, dass das, was jetzt noch kommt, den Bahnhof verhindern kann.“ Tja, wenn da die Fakten – zum Beispiel immens steigende Kosten, nicht abgeschlossene oder nicht einmal eingeleitete Planfeststellungsverfahren, eine Klage gegen das Grundwassermanagement usw. – nicht wären, die Brandt souverän ignoriert.

Der Spiegel, einst ein ernstzunehmendes, recherchefreudiges Blatt, versucht nun davon zu leben, Meinung zu machen. Denn eine Meinung zu haben und hohle Stammtisch-Phrasen über angebliche Wutbürger zu dreschen, macht Journalisten keine Mühe. Unter ihrem Niveau und intellektuellem Anspruch zu argumentieren, gilt jetzt bei solchen Medien offensichtlich als professionell.

Journalisten können mit Worten umgehen, Thesen erfinden und Gegenteiliges weglassen, wenn es die steile These versaut, die vor allem beim Magazinjournalismus im Vordergrund steht (was für den Stern ebenso gilt wie Spiegel, Focus und Wirtschaftswoche). Recherchieren und differenziert zu berichten macht dagegen viel mehr Mühe, doch die offensichtliche Faulheit bei der Recherche darf nicht mit Dummheit verwechselt werden. So fällt auch das Netzwerk Recherche, ein selbsternannter Journalistenhaufen mit extrem hohen Ansprüchen an Recherche und Redlichkeit und ausgeprägter Freude an egomaner Selbstdarstellung in Mediensendungen, die nur von Medienschaffenden wahrgenommen werden, bei Stuttgart 21 weder durch Netzwerken noch Recherche auf. Dabei spielt sich rund um Stuttgart und Berlin auf vielen Ebenen ein Wirtschafts- und Polit-Thriller ab, der viele andere Skandale der Bundesrepublik in den Schatten stellt. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass hier auch ein Justizskandal ans Licht käme, wenn die Journalisten vor Ort nur etwas intensiver nach den CDU-FDP-SPD-Netzwerken bei Polizei und Justiz forschen würden. Hinweise aus dem Umfeld der Polizei gibt es genügend. Die auffallende Zurückhaltung bei der Aufarbeitung des 30.9. und der Eifer von Justiz und Polizei bei allem, was gegen „die Gegner“ geht, wäre ein weiterer Grund – auch im Sinne der Leser und dem Vertrauen in den Rechtsstaat.

Zumal die belegbaren Fakten bereits jetzt erdrückend sind, aber von den fröhlichen Meinungsmachern der zur Unterhaltungsbranche verkommenen „Vierten Gewalt“ souverän ignoriert werden. Auch wenn täglich ein Dutzend neue Erkenntnisse über die Unseriosität des Wahnsinnsprojekts Stuttgart 21 ans Licht kommen. Die gewiss nicht unintelligenten Journalisten sind eben friedliebend statt gewaltig und auch mit dem Vierten Programm zufrieden, weil es wenig Mühe macht. Nachdenken und Recherche sind bei den atemlosen Contentschiebern nicht mehr vorgesehen und stören das schlichte Weltbild, das von Merkel, Sinn, Raffelhüschen und Ackermann geprägt wurde und von schwarzen, roten oder gelben Parteisäulen gestützt wird, an welche sich die Journalisten liebend gern anlehnen wegen der Nähe zur Macht.

Folgerichtig werden Bürger, die ihre bürgerlichen Rechte wahrnehmen, ihre dank dem Götzen shareholder value sinkende Kaufkraft wahrnehmen und gegen Steuerverschwendung und Lobbyismus protestieren, von Politik und Medien zu schlichten „Menschen“ degradiert. Stimmvieh eben, nicht weiter ernstzunehmen, auch nicht als zahlender Zeitungskunde. Wer sich wehrt, wird geringschätzig „Wutbürger“ genannt – die dümmliche Wortschöpfung eines Spiegel-Autors, der ebenfalls nichts verstanden hat wie sein Kollege Kuzmany.

Ein Fleißkärtchen verdient bei dem doch eher bequemen und für alle Vorurteile über Grüne und S21-Gegner offenen SWR Wilm Hüffer, der sich den SMA-Bericht vorgenommen und analysiert hat. Ein Kollege mehr, für den ich mich nicht schämen muss. Nachtrag: Auch der freie Wirtschaftsjournalist Thomas Wüpper gehört zu den fleißigen Rechercheuren und hat z. B. in der Frankfurter Rundschau offengelegt, dass bahnintern enorme Kostensteigerungen, wie sie bei Großprojekten „normal“ sind, längst bekannt waren. In der Stuttgarter Zeitung (!) präsentierte er zum gleichen Schluss kommende Ergebnisse des Bundesrechnungshofs, für die sich die meinungsfreudigen Politkorrespondenten überhaupt nicht interessieren, obwohl sie höchst relevant sind.

Unermüdlich und dank guter Quellen bestens mit Fakten und Unterlagen bestückt, kämpft Arno Luik vom Stern für die Wahrnehmung des breit angelegten Betrugsversuchs der Deutschen Bahn an den Parlamentariern und der Öffentlichkeit. Denn alles spricht dafür, dass die DB jahrelang mit viel zu niedrigen Baukosten argumentierte, obwohl intern die Risiken und weit höheren Kosten durchaus bekannt waren und ganz erhebliche Neuplanungen erforderlich sind. Bitte lesen Sie seinen Beitrag hier nach.

Arno Luik, dem unerschrockenen schwäbischen Journalisten, ist zu danken. Er deklassiert die Meute von Redakteuren, die nicht einmal bereit sind, seine Unterlagen zu lesen und Schlüsse daraus zu ziehen.

„Der Stresstest ist bestanden.“ Diese kurze, simple DB-PR-Botschaft haben die Journalisten flugs verinnerlicht und nicht hinterfragt. Die DB hat wieder einmal ihr PR-Ziel erreicht. Nach der Legitimität des S21-Projekts fragt von den blasierten Autoren in Stuttgart, Hamburg, Düsseldorf und Berlin niemand.

10 Kommentare

  • 1
    Bernd Lübke:

    Erstklassig! Ihrer treffenden Analyse ist nichts hinzuzufügen.

  • 2
    Astrid Radtke:

    Vielen Dank! Ich habe heute schon diesbezüglich an den Kommentator Deiniger von der Süddeutschen Zeitung geschrieben (Kommentar: Liebe S21-Gegner) und ihm jetzt den Link zu Ihrer Analyse geschickt.

    Das Verhalten der Presse ist wirklich traurig. Eine Ausnahme ist noch die FTD.

  • 3
    hajomueller:

    Danke für diesen Artikel. Es ist schon erschreckend, wie eigentlich eine ganze Zeitungslandschaft, ohne den Audit zu lesen, einen Satz „Stresstest bestanden“ im ganzen Bundesgebiet verbreitet.
    Ich hatte bei einer S21 Demo in Stuttgart ein Plakat getragen, auf dem oben und unten die Köpfe der Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten zu sehen waren, dazwischen schrieb ich:
    „Nur die allerdümmsten Kälber, finanzieren ihre Metzger selber!“
    Die Medien und ihre Redakteure brauch sich nicht wundern, wenn die Leute sich andere Informationsquellen suchen. Gerade in Stuttgart haben viele Menschen erkannt, dass ihre ach so seriöse und liebe Stuttgarter Zeitung doch nichtg so toll ist, wie sie jahrelang geglaubt haben.
    Und das gilt nicht nur für das Thema S21.

  • 4
    Jasmin Zimmermann:

    Danke für diese klare und eindeutige Stellungname. Die Wahrheit hat es nicht leicht in diesen Tagen, aber sie kommt beharrlich und stetig wie ein Löwenzahn, der sich durch den Beton kämpft…
    Auf der Seite http://stuttgart21leaks.tk/ steht drin, das die Grünen eine Verfassungsklage anstreben und über die Verträge der Bahn endlich Klarheit wollen.Ein Blick darauf lohnt sich und vielleicht hat der eine oder die andere noch wertvolle Hinweise, die dort gesammelt werden.
    Herzliche Grüße
    Jasmin Zimmermann aus Stuttgart

  • 5
    Tom Blüsky:

    Irgendwie wundert es ja einen schon wie oberflächlich etablierte Medien über S21 berichten. Sicher, im Zeitalter der Echtzeit-Berichterstattung ist der Druck auf die Journalisten immens, unverzüglich zu berichten. Gewiss gibt es einen Kostendruck durch die Verleger und Investitionen in teure Recherche erscheint mittlerweile weniger lukrativ als Investitionen in die eigene „App“.

    Doch wie steht es mit der Selbstmotivation und Selbstzensur der Journalisten? Welche Goodies verteilt so ein (Reise-)Konzern wie die Bahn? Es würde mich schon einmal interessieren was die Bahn so an Pressereisen, Sonderpreisen und schicken Gimmicks für Journalisten bereit hält.

    Was würde also ein Durchschnitts-Journalist tun, der sich zwischen der vorgefassten Meinung seines Arbeitgebers, den unbezahlten Überstunden für die Recherche, den kurzfristigen Journalisten-Vergünstigungen bei der Bahn, den langfristigen Optionen einer dort gut dottierten PR-Stelle und einer Tasse lauwarmen Parkschützer-Kaffees entscheiden muss?

  • 6
    Friedhelm Weidelich:

    Vielen Dank für die zahlreichen zustimmenden Kommentare. Ich nehme sie als Anlass, weiter den Finger in die Wunden zu legen, obwohl ich viel lieber über andere Themen schreiben würde. Aber man muss sich gegen den Kampagnen- und recherchefreien Billigjournalismus wehren, denn Meinungsmache, die sich auch noch gegen die aufgeklärte(re) Leserschaft wendet, hat nichts mit seriösem Journalismus zu tun.
    An Journalisten zu schreiben, die nicht recherchieren und meinungsfreudigen Blödsinn von sich geben, ist eine gute Idee. Irgendwann müssen die Angesprochenen reagieren. Das Abo zu kündigen, kann nur die letzte Lösung sein. Aber auch eine wirksame, denn beim Geld hört auch verlagsintern die Freundschaft auf.

  • 7
    Marc Schmidt:

    Abseits des Themas S21 gelingt der Bahn ein PR-Coup nach dem anderen. Gestern bspw. die Geschichte, dass die Bahn künftig auf „Ökostrom“ setzt. Anstatt sauber zu recherchieren und zu merken, dass sie Bahn eben nur Grundlastfähige Kraftwerke brauchen kann und die wegfallenden Kernkraftwerke schnellstmöglich ersetzen muss (Ich sage nur Neckarwestheim 1). Wo RWE die Wasserkraft herbekommt wurde übrigens nicht erzählt. Und dass die Bahn schon immer auch viel Wasserkraft nutzt weiß in den Redaktionen leider auch niemand… manchmal schämt man sich schon für seine „Kollegen“…

  • 8
    Marc Schmidt:

    Noch ein Nachtrag: Bei der FAZ hat man das ganze wohl doch als PR-Coup enttarnt: http://www.faz.net/artikel/C30106/kommentar-die-gruene-bahn-30472992.html

  • 9
    Guntram Voss:

    Ich weiß nicht so genau, was eigentlich am Verhalten der Medienvertreter so neu sein soll. Es gab eine Zeit, da hatte die Bahn ihrem Sprecher in Stuttgart einen Maulkorb verpasst, was dazu führte, dass die Gegner von S 21 unwidersprochen alles, was sie wollten in die Welt setzen konnten. Beweise gibt es dafür genug, man betrachte nur mal die Fortentwicklung des so genannten Konzepts K 21. Schon in jener Zeit war es für die Medienvertreter das einfachste, die abgelieferten Statements weitestgehend unüberlegt und unkommentiert zu übernehmen. Auch die Charmeoffensive der S-21-Gegner vom letzen Jahr, wo man die Demonstrationen einer faktischen Minderheit zur neuen Krone des Bürgersinns, der Demokratie und der Gerechtigkeit erkor, wo Gefühligkeit vor Sachlichkeit ging, gewann man als Beobachter den Eindruck, der auch jetzt wieder überwiegt: Die Medien sind nicht willfährige Helfer des Projekts S 21 oder der Gegner. Die Medien sind einfach faul. Die am lautesten herausgebrüllten oder mit am meisten Getöse verlautbarten Zahlen, Thesen, Gutachten und Pseudo-Gutachten werden aufgegriffen, unabhänig von ihrer tatsächlichen Relevanz und von ihrer inhaltlichen Qualität. Es zählt Auflagenstärke, Emotionalität, Empörung. Was die Projektgegner jahrelang weidlich ausgenutzt haben, nämlich die geifernde Gier der Medien, irgendetwas zum Thema veröffentlichen zu können, möglichst etwas sensationelles, polarisierendes, wird nun eben auch von der Bahn wieder bedient, und so nimmt es nicht wunder, dass durch ein wenig geschicktes Marketing auch die Thesen der S21-Befürworter wieder stärker in den Fokus der Medienvertreter und somit in die veröffentlichte Meinung finden. Bemerkenswert ist daran vor allem, dass die Gegner von S21 nun, da ihnen von einer medienstrategisch gestärkten Befürworterschaft ein schärferer Wind entgegenweht und die Meinungshoheit über den Stammtischen, Gazetten und Teilnehmern des Medienzirkusses zunehmend verloren geht, eine Weltverschwörung wittern, während die Medien und ihre Vertreter zu Zeiten der eigenen Alleinherschaft der Meinungen gerne gesehene Multiplikatoren waren. Insoweit kann ich am Verhalten der Medien nichts neues finden. Ihre Vertreter werden weiterhin den buntesten Rattenfängern, den schrillsten Hyde-Park-Rednern hinterher- und zu jenen Pressekonferenzen hinlaufen, von denen sie erwarten müssen, dass die Mitbewerber sie am nächsten Tag auf der Titelseite des Lokalteils oder sogar im Aufmacher ausschlachten. Ein alter Hut.

  • 10
    Thomas Neuhaus:

    Gerade – 25.11.2011 – läuft im Deutschlandfunk ein Beitrag von Michael Brandt zu S21. Und auch diesmal macht mich die Einseitigkeit seines Beitrages schlicht wütend – seit Monaten geht das so beim DLF. Brandt ist wirklich eine Zumutung und offensichtlich einseitig – und das bei einem solchen Sender.

 
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