Railomotive

Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Stuttgart 21: Kleine Zusammenfassung

06.07.11 (Bahnhöfe, Deutschland, Medien)

Es ist eigentlich alles gesagt zu Stuttgart 21. Doch bis nächste Woche oder etwas später die Geißler-Show das vorzeitig verteilte Spielmaterial der DB erklärt, muss das Publikum unterhalten werden.

Dabei ist doch klar:

  • Stuttgart 21 ist eine architektonische und bahntechnische Missgeburt.
  • Stuttgart 21 ist ein Immobilienprojekt, das nur zum Schein als Bahnprojekt daherkommt.
  • Bei kaum einem Großprojekt wurde so viel gelogen und betrogen wie hier.
  • Stuttgart 21 und die Neubaustrecke Wendlingen – Ulm werden mindestens 15 bis 10 Mrd. Euro kosten und nicht 4,5 und 2,9 Mrd. Euro.
  • Die Kosten jedes Großprojekts verdoppeln bis verdreifachen sich immer.
  • Der Stresstest wird so manipuliert, dass das gewünschte Ergebnis mit Ach und Krach herauskommt.
  • Die DB-PR schreckt vor nichts zurück.
  • Stuttgart 21 ist ein Projekt eines mafiösen baden-württembergischen Netzwerks aus Politikern und Unternehmern – wir haben zahllose Indizien, aber leider kaum Beweise (nachdem die letzten beim Regierungswechsel vernichtet worden sein dürften).
  • Eine nennenswerte politische und juristische Kontrolle findet nicht statt, weder in Baden-Württemberg noch im Bund.
  • Es ist ein Machtkampf der Regierenden und Projekt-Nutznießer gegen die Bürger, die als Steuerzahler die Suppe so oder so auslöffeln müssen.
  • Die DB-Vorstände als zumindest mittelbare Nutznießer und die tatsächlichen Profiteure werden mit allen, auch illegalen Mitteln das Projekt durchzusetzen versuchen. Die CDU hat dabei eine tragende Rolle.
  • Die Medien müssen endlich erkennen, dass hier mit hoher krimineller Energie ein bahntechnisch sinnloses, katastrophal geplantes Projekt gegen die Bürger durchgezogen werden soll.
  • Es geht nicht „nur“ um einen Bahnhof, sondern um eine Bürgerbewegung gegen „die da oben“, die sich vom Volk abgekoppelt haben und machen, was sie und ihre Berater aus den Lobbygruppen (Banken, Versicherungen, Energiewirtschaft, Autoindustrie, INSM) wollen.
  • Jede andere Investition in das Schienennetz wäre wichtiger, zumal Stuttgart 21 nicht einmal den status quo erhält.
  • Der Widerstand muss weitergehen, bis das Projekt endgültig gestoppt ist und in neue Formen der Bürgerbeteiligung münden.

Nur naive und unpolitische denkende Menschen erkennen noch einen Sinn in Stuttgart 21.

Leider auch immer noch bei vielen Medien,

  • weil sich die lieben Kollegen ideologisch festgelegt haben,
  • weil sie sich niemals mit den technischen Bedingungen des Bahnhofsentwurfs beschäftigt haben,
  • weil sie nicht verstehen wollen, dass ein Durchgangsbahnhof mit acht Gleisen weniger leistet als ein Kopfbahnhof mit 16 Gleisen,
  • weil sie treudoof an einen demokratischen Rechtsstaat glauben, in dem auch der Schwächste zu seinem Recht kommt,
  • weil sie Teil des ideologisch-politischen Netzwerks sind, das von der CDU und einflussreichen Lobbyisten geführt wird,
  • weil sie „Stuttgart 21“ als Fußballplatz sehen, auf dem die alten Kräfte gegen die Grünen holzen und wo mit sadistischem Spaß beobachtet wird, wie lange Kretschmann und Hermann dem Druck der konservativen Medien noch standhalten können,
  • weil sie rein gar nichts von Eisenbahn verstehen und auch nicht verstehen wollen, weil Eisenbahn aus ihrer Sicht uncool ist.

Es wird wohl keinen S21-Beobachter überrascht haben, dass nicht nur die Kosten des Bahnhofs, sondern auch die Kosten der Neubaustrecke nach unten manipuliert haben und bei der parlamentarischen Entscheidungsfindung mit falschen Zahlen gearbeitet wurde. Das herausgearbeitet zu haben, ist Verdienst der Nachrichtenagentur Reuters und von Kollegen der Stuttgarter Zeitung.

Leider sind sich diese Zeitung und das Schwesterblatt nicht zu schade dafür, eine vom DB-Propagandabüro lancierte Umfrage zu veröffentlichen, die mit dem gewünschten „Pro“-Ergebnis endet, aber nicht einmal den geringsten statistischen Anforderungen standhält, wie der Marktforscher und Blogger „Zwuckelmann“ überzeugend herleitet. Es ist leicht, mit Suggestivfragen und bestimmten Frage-Abfolgen das gewünschte Ergebnis herbei zu manipulieren.

Auch die vielfach kommunizierte Folie mit acht doppelt belegten Gleisen im Tiefbahnhof ist das erwartete Ergebnis einer Manipulation, bei der man nun gespannt sein darf, ob sie SMA als wirtschaftlich von der DB abhängiger Berater durchgehen lassen wird.

Drei Regionalexpresszüge halten in diesem Plan nicht einmal zwei Minuten – das Minimum, wie man zum Beispiel in Düsseldorf und Köln täglich beobachten kann, wo sich hunderte Pendler durch zehn Doppeltüren, eine oft wegen Defekt verschlossen, drängeln. Was durchaus drei Minuten dauern kann, bei den chronisch überfüllten Zügen und Türen, die nicht schließen wollen, auch mal vier bis fünf Minuten.

  • Gleis 1:    7:45 bis 7:46 RE-D30001 Mannheim – Sinsheim – Tübingen, Haltezeit 66 Sekunden
  • Gleis 4a: 7:42 bis 7:44 RE-D70003 Heidelberg – Tübingen, Haltezeit 106 Sekunden
  • Gleis 8a: 7:16 bis 7:17  RE-D30000 Tübingen – Sinsheim – Mannheim, Haltezeit 90 Sekunden

Dass das nicht funktioniert und die Doppelbelegung für Verspätungen sorgt, kann man täglich in Köln Hbf besichtigen. Die wegen des Durchgangsbahnhofs notwendigen Langläufe der Züge kreuz und quer durch Baden-Württemberg schaffen darüber hinaus Verspätungen, weil sich die Verspätungsgründe auf einem Langlauf potenzieren und müssten außerhalb von Stuttgart durch mehrminütige Standzeiten (=Pufferzeiten) so getaktet werden, dass sie pünktlich durch Stuttgart Hbf tief fahren könnten. Was in dem verfallenden und von Kreuzungsmöglichkeiten befreiten Schienennetz von DB Netz ein Ding der Unmöglichkeit ist.

Aber wahrscheinlich interessiert das wieder mal keine Redaktion, obwohl allein diese Tatsachen ausreichen, die angeblich „bei guter Qualität“ fahrbaren 49 Züge pro Stunde als neues Hirngespinst der Deutschen Bahn aufzudecken. Den Stresstest hat sie nicht bestanden. Die Medien bis jetzt auch nicht.

Nachtrag: Äußerst lesenswert sind die ambitioniert recherchierten Beiträge des Bloggers Seriousguy im Freitag, der ziemlich schlüssig herleitet, dass es sich bei Stuttgart 21 um ein Projekt der organisierten Kriminalität handeln könnte. Dass nicht nur diverse FDP-Politiker ihre Dissertation auf der Basis anderer Autoren gemacht haben, was zum Weltbild dieser Partei gut passt, sollte zur Kenntnis genommen werden. Auch der hohe CDU-Beamte in der alten Landesregierung Matthias Christoph Pröfrock musste nun seinen an der Universität Tübingen unrechtmäßig erworben Dr.-Titel zurückgeben.

 

2 Kommentare

  • 1
    trueten.de - Willkommen in unserem Blog!:

    Was mir heute wichtig erscheint #279…

    Unbegründet: Ein Blockadetraining kann rechtswidrig sein, sofern es darauf ausgerichtet ist, künftige Neonaziaufmärsche zu verhindern oder auch nur zu stören. So urteilte jetzt das Aachener Verwaltungsgericht. Das „Neue Deutschland“ zu einem Skandalu…

  • 2
    Lukas:

    Die beiden genannten Zuege auf den a Gleisen sind streng genommen keine Doppelbelegungen, da im anderen Abschnitt dann nix steht. Vermutlich sind die schon mal auf den a-Abschnitt geschoben, um durch eine klare Definition des Zustiegsbereich mit kuerzeren Fahrgastwechselzeiten arbeiten zu koennen.

 
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