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Eisenbahn-Blog Friedhelm Weidelich – Fachjournalist

Stuttgart 21: Und jetzt doch zur Geißler-Show

25.07.11 (Bahnhöfe, DB, Deutschland, Medien, Verkehrspolitik)

Nun hat der alte Fuchs Geißler das Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21 und für K 21 doch herumgekriegt. Das Aktionsbündnis nimmt jetzt doch an der auf Freitag verlegten Geißler-Show teil, die einen Schlusspunkt unter die Schlichtung setzen soll. „Viele hätten die Sorge geäußert, dass ansonsten nur die Bahn ihre Sicht der Dinge darstellen könne, sagte Dahlbender der DPA.“ 

Die Sicht der Dinge ist bekannt. Das Ergebnis des Audits, das ohne vereinbarte Basis auch SMA etwas ratlos ließ, war von vornherein auf ein „Bestehen“ der DB getrimmt. Und das von SMA gar nicht gegebene positive Testat, das jedoch eine neue Simulation forderte, wird DB-Technikvorstand Kefer am Freitag wieder so wortreich wie gewohnt als „gegeben“ darstellen.

Nicht nur dpa, sondern auch die ganze Journalistenmeute wird das als „Ergebnis“ der Sitzung rasend schnell verbreiten. Denn die zahlreichen Fakten, die die Gegner und wenige Journalisten seit einem Jahr ausgegraben und präsentiert haben, haben Redakteure noch nie interessiert. Schon gar nicht die Politik-Korrespondenten der „Qualitätszeitungen“ und Wochenmagazine, die mit ihrer undifferenzierten, meinungsstarken und weitgehend faktenfreien Berichterstattung dazu beigetragen haben, den Politkrimi, den Betrug an Parlamenten und Bürgern, die offenbar mindestens auf einem Auge blinde Justiz und dieses Stück Wirtschaftskriminalität als nicht weiter auffällig zu behandeln.

Die Verschwendung von schätzungsweise 15 bis 20 Mrd. Euro Steuergeldern für einen Untergrund-Bahnhof, der bestenfalls gerade so leistungsfähigist wie der nicht einmal zu Dreivierteln ausgelastete jetzige Hauptbahnhof, interessiert sie nicht. Stattdessen beobachten sie die Vorgänge wie ein Fußballspiel: Wer foult mal eben beim grünen Verkehrsminister, wer knallt den Ball an die Latte, wie äußert sich Kretschmann, wie kann man die Grünen weiter schlechtmachen und aus beiläufigen Bemerkungen eine Schlagzeile fabrizieren. Aber vor allem: Mit Inbrunst zitierte Sprüche des S21-Projektpropagandisten Dietrich, die so vorhersehbar sind wie die Zitate, die sogenannte Sport-„Journalisten“ den gedopten Sport-Entertainern entlocken. Sein Wort hat Gewicht und wird ernstgenommen wie die Aussagen des Regierungssprechers in Berlin. Obwohl beide so interessengesteuert sind wie die S21-Gegner, die sich aus guten Gründen gegen staatlich verordneten Unsinn wehren. Diesen jeweils zu erkennen, scheint nicht die Aufgabe von bräsigen, selbstgefälligen Politik-Korrespondenten zu sein, die aufgrund ihrer eigenen politischen Einstellungen selbst Politik machen und Kampagnen betreiben. Am liebsten gegen die Grünen in Baden-Württemberg, die zwar keine Heiligen sind, aber allemal vertrauenswürdiger als die abgewählten Parteien, die SPD und ein Großteil ihrer Führungskräfte.

Tatsache ist, dass seit Wochen bekannt ist, dass die Zahlen für S21 durch und durch geschönt sind und die parlamentarischen Entscheidungsträger nach Strich und Faden belogen wurden. Auf Dutzenden Websites sind Hunderte Argumente aufgeführt, die S21 als Sicherheitsrisiko, nicht barrierefrei und als verkehrstechnischen Unsinn outen. Nun zerlegen auch noch liebe Menschen, die an die Kraft von Argumenten glauben, in einem Auditplag-Wiki die Aussagen des Audits. Detailliert und so umfangreich, dass niemand außer einigen S21-Gegnern sie nachlesen werden. Mit Sicherheit keiner der Journalisten, die sich schon bisher nicht für Fakten interessiert haben. Auch nicht für Fakten, die sie als steuerzahlende Staatsbürger zutiefst betroffen machen sollten.

Für Fakten wird sich auch am Freitag kaum ein Journalist interessieren. Gefragt sind einfache Schlagzeilen. Für sich selbst, die Medien und das nicht hinterfragende Volk. Es geht nur um einen schönen „Abschluss der Schlichtung“, die in Wirklichkeit eine raffinierte Hinters-Licht-Führung der S21-Gegner durch einen Dr. Geißler war, der binnen weniger Sitzungen ein extrem fragwürdiges Immobilien- und Unsinnsprojekt in ein Stuttgart 21 Plus zu verwandeln vermochte und fröhlich verkündete, dass S21 sowieso gebaut wird. Auch Geißler stört sich nicht an der Milliardenverschwendung und den Forderungen seines Schlichterspruchs. Es sei denn, er schlägt wieder einen neuen Haken. Glaubwürdig ist er schon jetzt nicht mehr, und deshalb ist die Teilnahme an der Geißler-Show falsch.

Fakten sind bei den meisten Journalisten und den CDU- und „Fortschritts“-Anhängern nicht gefragt. Also sparen Sie sich die Mühe und sprechen Sie Redakteure direkt an, warum sie den Fakten und dem offenkundigen kriminellen Filz rund um S21 nicht nachgehen. Vielleicht haben sie Angst. Vielleicht wissen sie aber auch nicht, was aufgeklärte Leser von den Medien, die einst die Vierte Gewalt sein sollten, erwarten dürfen.

Bei der Gelegenheit können Sie auch danach fragen, ob es sie nicht interessiert, wieso die Staatsanwaltschaft jemanden verdächtigt, der den Angriff auf den Zivilpolizisten (in dem Moment kniete der Polizist auf einem Menschen) gefilmt hat, das Video ins Netz stellen ließ, beim Fassen an seine Schulter fotografiert wurde und nun beschuldigt wird, den Polizisten angegriffen zu haben. Fluegel.tv hat den vermeintlichen Angreifer interviewt.

7 Kommentare

  • 1
    Phil:

    Schade, dass Ihr Kommentar genauso subjektiv ist und genausowenig gute Arumente enthält, wie die Artikel der Journalisten, welche sie kritisieren wollen.
    Jetzt bin ich durch Stuttgart 21 auf Ihre doch ansonsten recht informative Seite gestoßen. Jedoch nach wie vor ist es für mich nicht nachvollziehbar, wieso „man“ auf einer Eisenbahnseite so wenig offen für neue moderne Themen wie der im Bau befindlichen neue Stuttgarter Hauptbahnhof ist.
    Wenn es nach den Nostalgikern gegangen wäre, so würden heute noch alle Züge von Dampfloks gezogen werden.
    Mich als Technik-Fan faszinieren auch Hochgeschwindigkeitszüge, Weltrekorde im Tunnelbau, ja und nicht zuletzt auch die spannenden Baulogistik eines solch riesigen Projekts wie Stuttgart 21. Haben Sie sich schon mit dem einzigartigen Raumklimakonzept den enuen Bahnhofs beschäftigt?
    Und nicht zuletzt ist die Bahn im Fernverkehr einzig durch den ICE und die Hochgeschwindigkeitsstrecken wieder konkurenzfähig zum Auto geworden.
    Also, wenn Ihre Seite offen bleiben soll für alle Eisenbahnfans, unterlassen sie doch solch einseitige und wenig objektive Berichterstattung.

  • 2
    Michael:

    Besser kann man die aktuelle Situation nicht beschreiben

  • 3
    Friedhelm Weidelich:

    Ich beschäftige mich seit 49 Jahren mit Eisenbahnen, habe die Dampflokzeit noch erlebt und finde moderne Eisenbahntechnik außerordentlich spannend, ganz im Gegensatz zu den Journalisten, die ich kritisiere und deren Eisenbahn-Systemkenntnisse minimal sind. Wie bei den S21-Befürwortern. Haben Sie schon mal eine moderne Elektrolok mit 6,4 MW eigenhändig auf 150 km/h beschleunigt oder bei 250 km/h im Führerstand eines Hochgeschwindigkeitszugs gestanden? Ich schon, mehrfach. Faszinierend!
    Trotzdem ist Stuttgart 21 ist ein grenzdebiles Projekt, das einen Bahnhof erzeugen will, der weit weniger leistet als der genial und von echten Praktikern der Königlich Württembergischen Staatseisenbahnen und der Deutschen Reichsbahn geplante Kopfbahnhof. Wer so etwas für geschätzte 15 bis 20 Mrd. Euro bauen will, ist nicht fortschrittlich, sondern schlichtweg ein Dummkopf. Oder profitiert auf verschiedenste Weise davon.
    Ein einzigartiges Raumklimakonzept? Schon mit geringen Physikkenntnissen ist nachvollziehbar, dass hier eine Menge von Abwärme und warmer Zugluft erzeugt wird, mit der in der Tat ein einzigartiges Klima entsteht, das durch die winzigen, höchstwahrscheinlich nicht zu öffnenden „Lichtaugen“ nicht eben verbessert wird und im Brandfall zu Hunderten von Toten führen würde. Aber ich will Ihnen Ihren Fortschrittsglauben und die Faszination eines Düsseldorfer Architekten, der irgendwie in den Achtzigern stehengeblieben ist, nicht nehmen. Wer sich informiert und seinen gesunden Menschenverstand und ein bisschen Lebenserfahrung einsetzt, ist klar im Vorteil.
    Ein Blog ist keine Zeitung. Ich werde mich weiter gegen diese wahnwitzige Steuergeldverschwendung äußern.
    Die Deutsche Bahn hat durch die Hochgeschwindigkeitsstrecken nur minimal gewonnen. Ihre Aufgabe wäre es, einen verlässlichen, flächendeckenden Nah- und Fernverkehr anzubieten. Davon ist sie heute weiter entfernt denn je. Bei dem aktuellen Führungspersonal für mich keine Überraschung.

  • 4
    Lukas:

    Ich sag nur eins: Wenn die Gegner nicht hingegangen waeren, haette es gehiesen: „Ihr wolltet ja nicht mehr vernuenftig mitmachen!“

    Die urspruegliche Entscheidung nicht hin zu gehen hat 2 von 5 mir bekannten S21-Gegnern sogar in’s neutrale kippen lassen. „Scheinbar haben die jetzt keine Argumente mehr, ausser den Kosten […]“

    Waeren die Gegner nicht hingegangen haetten viele eher unentschiedene (sowas gibt’s) Buerge bei eine Volksabstimmung sich gedacht: „Ich stimm fuer die, die Schlichtung und Verhandlung durchgezogen haben und nicht fuer die, die einfach ausgestiegen sind.“

  • 5
    Friedhelm Weidelich:

    Die heute begonnenen Abrissarbeiten am Südflügel, bei dem das Bahnsteigdach vom Gebäude getrennt wird, lässt Schlimmstes befürchten! Der Bahnhof wird gebaut, hat Geißler gesagt. Ich fürchte, das stimmt.
    Fakten zählen einfach nicht.

  • 6
    D. Walz:

    Nachdem nun der „Wutbürger“ im rauschenden Blätterwald seine Schlagzeilen gehabt hat soll er nun wieder schön das Maul halten, da das Thema nun „durch“ ist.
    Wer die normative Kraft der meinungstaktisch aufbereiteten Fakten aber noch immer nicht akzeptieren will, der muss eben akzeptieren nun in der Presse mit Hohn und Spott niedergemacht zu werden. Zum Trost wird ihm versprochen: In Zukunft läuft alles viel besser, aber bzgl. S21 ist es leider zu spät. Erste Frustbürgerpflicht ist daher jetzt: Still sein und heimgehen.
    Angesichts der absoluten Faktenresistenz aller Orten bin ich auch bald so weit.
    Vielleicht sollte man in Zukunft die Stadt Stuttgart einfach meiden und ihrem Schicksal überlassen und nie mehr mit der Bahn fahren.

  • 7
    Nina:

    Danke Herr Weidelich für die vielen guten und informativen Berichte zu S21!
    Aufgeben? NIEMALS! Trotz riesen Frust denken wir nicht im entferntesten daran, aufzugeben!!!

    Ja unsere Bewegung gegen die Simulation Stuttgart 21 und für den REAL GUT FUNKTIONIERENDEN Kopfbahnhof wird von vorne bis hinten mit den miesesten Mitteln beschossen, inklusive dem Versuch, dem BUND und VCD die Gemeinnützigkeit abzuerkennen-ein gerne benutztes Mittel der Politik, Organisationen kleinzukriegen wie schon bei Greenpeace. Die Organisationen kennen diese TRicks aber schon! Der Punkt ist-Organisationen sind im Gegensatz zu uns Bürgern öfter klageberechtigt-und das sehen Lobbyisten nicht so gerne, deshalb dieser Beschuss.

    Am Freitag gibt es volles Programm der Gegner auf dem Marktplatz-wir lassen uns nicht beirren oder „weichspülen“.
    Der Stresstest ist keiner – er ist nur ein Laborprodukt der Bahn mit entsprechend wenigen sinnvollen Prämissen für einen reibungslosen realen Bahnverkehr-und vor allen Dingen – nicht auf die Bahnkunden zugeschnitten!
    Die Lachnummer schlechthin.Verspätungen sollen über die Haltezeit eines Zuges abgebaut werden? Wenn ein Zug nur 2 Minuten hält und er hat aber schon 2 Minuten Verspätung,muss er dann durchfahren??? Seltsame Logik!

    Generell könnten wir uns vom ITF verabschieden. Bundesweite Verspätungen würden die absolute Regel – so wird Stuttgart abgehängt. Die Autofahrer werden es spüren durch mehr Stau, denn weniger Bahnfahrer werden sich das antun.Der Test hat schn ergeben dass ausgerechnet im Nahverkehr zu Berufszeiten KÜRZERE Züge eingesetzt werden,damit die doppelte Gleisbelegung überhaupt funktioniert.Da werden viele Pendler verlorengehen-das tut sich keiner an.
    Im heutigen Kopfbahnhof hat man 5 doppelte Gleisbelegungen pro Tag, bei Stuttgart 21 werden es allein 13 sein zur Spitzenstunde!

    Das Schöne: die meisten Befürworter sind Autofahrer:die werden die ganze Staumisere abkriegen. Aber da wir Kopfbahnhofbefürworter nicht aufgeben und weiter gegen diesen Wahnhof kämpfen, könnten die Befürworter noch mal mit `nem blauen Auge davonkommen.Ob sie uns das danken werden?

    Jetzt soll wohl schon ein Polizeiaufgebot bestellt worden sein mit „schwerem Gerät“ (bei Abriss Aufstand zu lesen). Bahn will wohl gleich weiter Fakten schaffen trotz arglistiger Täuschung,Betrug, illegaler Baumfällung, Verstoß gegen Artenschutz und Umweltauflagen…

    Sie weiß nicht mal wo und wie die Tunnel enden werden….Hauptsache weiter zerstören und Stadt und Land zahlen und die Bahn verdient an S21.

    Trotzdem oben bleiben!

 
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